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Die Kirche ohne Fenster

Ohne Fenster: die Südseite der Magnikirche. Foto: Archiv Ostwald
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Braunschweigs skurrile Ecken und andere Merkwürdigkeiten, Folge 37: die Öffnungen auf der Südseite der Magnikirche wurden nach dem Krieg zugemauert.

Am 15. Oktober 1944 wurde Braunschweig von der 5. Bombergruppe der Royal Air Force angegriffen. Das infernalische Flächenbombardement entfachte einen wahren Feuersturm in den Gassen der noch mittelalterlich geprägten Stadt. Er wütete in zweieinhalb Tage lang, bis fast alles zerstört war. 90 Prozent der Fachwerkbauten, die Braunschweigs historisches Stadtbild ausgemacht hatten, fielen dem Feuer zum Opfer. Damit gehörte Braunschweig zu den durch den Zweiten Weltkrieg am stärksten beschädigten Städten Deutschlands. In heftige Mitleidenschaft wurde dabei auch das Magniviertel mit der Kirche St. Magni gezogen. Von ihr blieben lediglich das Westwerk sowie die Außenmauern von Chor und Langhaus erhalten. Heute aber ist sie wieder der imposante Mittelpunkt des Magniviertels. Skurril ist allerdings, dass es an der Südseite keine Fenster mehr gibt. Sie wurden einfach zugemauert.

Lange Zeit stand nicht fest, ob die Kirche überhaupt wieder aufgebaut werden sollte. Die damaligen Stadtplaner wollten aus den Trümmern ein neues, modernes und autogerechtes Braunschweig erstehen lassen. Die noch vorhandenen Fachwerkhäuser im Magniviertel, dem alten Dorf der „Hörigen“, die einst Bauern waren und die Ritter in der Burg Dankwarderode versorgten, störten da nur. Am liebsten hätte man auch die erhalten gebliebenen Häuser vor und hinter dem Magnikirchplatz gleich mit den Trümmern abgerissen und über den Platz eine breite, moderne Straße, eine Einfallschneise wie die hoffnungslos überdimensionierte Kurt- Schumacher-Straße gezogen.

Solch schreckliche, geschichtsvergessenen Visionen existierten lange Zeit in den Köpfen der Städteplaner und Architekten, auch noch, als man in der Zeit von 1956 bis 1964 bereits mit dem Wiederaufbau der Kirche begonnen hatte. Apsis, Chorjochen und westliches Langhausjoch wurden in der alten Form, allerdings vereinfacht, wieder hergestellt. Doch die Fenster auf der Südseite, zum Kirchplatz, wurden – mit einer Ausnahme – schlicht zugemauert. Mit diesem Frevel wollte man dem künftigen Durchgangsverkehr begegnen, der möglicherweise Schallprobleme in die Kirche gebracht hätte.

Zum Glück wurden die Pläne der riesigen Straßenschneise nicht realisiert. Es entstand vielmehr die Traditionsinsel Magniviertel. Sie zählt wie der Altstadtmarkt, der Burgplatz, das Michaelis- und das Aegidienviertel zu den rekonstruierten Teilen der Stadt, die an das frühere Braunschweig vor der Zerstörung erinnern. Das Magniviertel ist eines der beliebtesten Quartiere Braunschweigs und ein Anziehungspunkt für Auswärtige.

Aber zurück zur Magnikirche. Eine Kirche ganz ohne Fenster? Das wäre wohl kaum denkbar. Und die Lösung findet sich tatsächlich auf der Nordseite des Gebäudes. Es  erhielt dort eine moderne Farbverglasung des Künstlers Hans Gottfried von Stockhausen. Damit kam nicht nur ausreichend Tageslicht in den Kirchenraum, sondern zugleich auch ein besonderes, sehr beeindruckendes Kunstwerk, das allein schon den Besuch der Kirche lohnt.

Die Kirche St. Magni, die vermutlich ihren Namen erhielt, um den bei den Friesen verehrten, apulischen Bischof Magnus zu ehren, ist übrigens für die Stadtgeschichte Braunschweigs sehr bedeutend. Schließlich wird in ihrer Weiheurkunde aus dem Jahr 1031 erstmals der Name unserer Stadt erwähnt: Brunesguik. Braunschweigs Ersterwähnungsurkunde wird im Stadtarchiv als ganz besonderer Schatz gehütet.

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