Spinner können hier auf Dauer nichts werden

Der Eulenspiegel-Brunnen von Hans Wesker als Illustration für das Büchlein „“Gedanken über das Braunschweigische“ von Prof. Dr. Werner Knopp. Foto: Der Löwe
Der Eulenspiegel-Brunnen von Hans Wesker als Illustration für das Büchlein „“Gedanken über das Braunschweigische“ von Prof. Dr. Werner Knopp. Foto: Der Löwe

Zum Tod von Prof. Dr. Werner Knopp: Gedanken aus seinen beein­dru­ckenden Vorträgen 1976 und 1983 zur Braun­schwei­gi­schen Identität, Teil 2.

Das Bild des Braun­schwei­gers, das sich für Auswär­tige so heraus­schält, merkte der am 4. Januar diesen Jahres verstor­bene Prof. Dr. Werner Knopp bereits im Juni 1976 bei der Vorstel­lung eines neuen „Braun­schweig Atlas“ in den Räumen der Norddeut­schen Landes­bank ehrlich an, sei nicht frei von negativen Zügen. Ja, auch er als gebür­tiger Braun­schweiger sah unseren Menschen­schlag als im Kollektiv besonders unruhig und leicht aufbrau­send an. Dafür fänden sich in der Geschichte überreich­lich Beispiele. Wir wollen uns hier im zweiten Teil der kleinen Reihe zum Tod von Prof. Dr. Knopp, dem langjäh­rigen Vorsit­zenden der Stiftung Preußi­scher Kultur­be­sitz, aber lieber auf die sympa­thi­scheren Eigen­arten konzen­trieren und zitieren aus seinen in Buchform veröf­fent­lichten „Gedanken über das Braun­schwei­gi­sche“:

„Eigent­lich unter­scheiden sich die Braun­schweiger nicht sehr von ihren Nachbarn – auch in Richtung Osten nicht. Wir sind auch in dieser Hinsicht ein Land des Überganges und der Mischungen, wie auch die berühmte Grenze zwischen den Formen der Bauern­häuser mitten durch unser Land verläuft. Einige spezifi­sche Eigen­schaften, die uns von auswär­tigen Betrach­tern immer wieder zugeschrieben werden, möchte ich aber doch nennen. Da ist einmal der ausge­spro­chene Sinn fürs Handfeste und Prakti­sche, der sicher durch die alte Kaufmanns- und Handels­stadt einer­seits und das mit ihr seit jeher eng verfloch­tene bäuer­liche Umland anderer­seits geprägt ist. Spinner und Schwärmer können hier auf die Dauer nichts werden, mit Bauern­schläue wird der eigene Vorteil gewahrt, große und erhabene Projekte werden nüchtern auf ihre Konse­quenzen für den eigenen Alltag hin betrachtet.

Sehr schön illus­triert dies meine Lieblings­an­ek­dote von dem Braun­schweiger Bauern, der einem anderen erzählt, sein Sohn hätte ein „Stippe­deum“ (Stipen­dium) für ein Studium in Paris bekommen. „Donner­lütt­chen“, sagt der andere, „da mött hei ja in Kreiensen umsteigen“.

Gleich­zeitig wird den Braun­schwei­gern mit großer Beharr­lich­keit etwas nachge­sagt, was wir selbst natürlich weit von uns weisen: Grobheit, Ungeschlacht­heit, Derbheit, oder, wie der von Napoleon als Besat­zungs­be­amter zu ums geschickte Stendhal formu­liert: „plumpe Schwer­fäl­lig­keit“.

Was viele Ausländer von den Deutschen insgesamt denken, wird hier von ihnen – und auch von anderen Deutschen – auf die armen Braun­schweiger konzen­triert. Der Prinz­re­gent Albrecht, nach dem unser Prinzen­park benannt ist, fand sie so schlimm, dass der preußi­sche Gesandte Graf Eulenburg, der spätere Vertraute Kaiser Wilhelms II., ihn nur bei Anrufung seiner Offiziers­ehre dazu bewegen konnte, überhaupt in Braun­schweig zu bleiben. Der Sohn eines mecklen­bur­gi­schen Hofbe­amten, der mit dem Prinz­re­genten Johann Albrecht in unsere Stadt kam, berichtet in seinen Erinne­rungen von ganz ähnlichen Empfin­dungen, und die Zahl dieser Zeugnisse lässt sich leicht vergrö­ßern. Vielleicht hängt dieser Eindruck des etwas Plumpen und Schwer­fäl­ligen ebenso mit der starken Verwur­ze­lung unseres Menschen­schlages im bäuer­li­chen Milieu zusammen wie mit der städti­schen Leitfigur des „Latchers“, dessen ungeho­beltes Benehmen seine Mitbürger bis heute verdrießt.

Sicher spielt auch die Sprache eine Rolle, die den Braun­schweiger gleicher­maßen verrät wie, nach der Bibel, die Galiläer. Früher handelte es sich dabei auch in der Stadt weitge­hend um Platt­deutsch, das zum Beispiel mein Vater, der am Ende des vorigen Jahrhun­derts in Braun­schweig aufge­wachsen war, noch fließend beherrschte und mit den Maurern seines Bauge­schäftes sprach, das aber auch viele unserer Lehrer an der von mir besuchten Gaußschule noch unter­ein­ander benutzten. Es ist die Sprache, wie sie August Herrmann in seinen Gedichten und Fritze Fricke aus Lehre in seinen Büchern festge­halten haben.

Keine schöne und elegante, sondern eine harte und grobe Sprache, aber von großer Farbig­keit im Ausdruck und unüber­troffen in der Origi­na­lität ihres Bilder­reich­tums. Wie herrlich ist der Name „Prott­mi­chel“ für einen vorlauten Angeber, „Vijeli­nen­strieker“ für einen nicht ganz soliden Menschen ohne regel­mä­ßiges Einkommen oder der Ausdruck „losmülmen“ für ein eiliges Abfahren! Heute geht das Platt­deut­sche selbst auf dem Lande zurück.

Was geblieben ist und bleiben wird, ist außer dem spitzen S, dem Ersatz von Pf durch F und der Umwand­lung von „Kirche“ in „Kürche“ die berühmte Intona­tion von A und Ei, die man nur beherr­schen lernt, wenn man dazu von klein auf in ständigem Kontakt mit Latchern Gelegen­heit gehabt hat. Nichts illus­triert dies schöner als die Geschichte vom Braun­schweiger Touristen, der von einem Apotheker in Neapel auf Italie­nisch, aber mit schönstem Braun­schweiger A, „Aqua destil­lata“ verlangt, worauf der Apotheker prompt antwortet: „Sprechen Se man ruhig Deutsch, ich bin auch vonner Fasanen­straße“.

Da wir gerade bei Witzen angelangt sind: Überhaupt hat der Braun­schweiger Humor, eine weitere Eigen­schaft unseres Menschen­schlags, seine besondere Eigenart durch Ton und Plastik der Sprache erhalten. Dass der Humor bei uns zuhause ist, dafür ist unser Landsmann Till Eulen­spiegel der berühm­teste Zeuge, aber es ist auch kein Zufall, dass die inoffi­zi­elle Landes­hymne von den „lustigen Braun­schwei­gern“ spricht. Es ist ein etwas derber Humor, drastisch bis zur Vulga­rität, so dass man die schönsten Witze in öffent­li­chen Vorträgen leider nicht einflechten kann, und oft geht der Witz auch auf Kosten des Neben­men­schen.“

Wird fortge­setzt.

Teil 1: www.der-loewe.info/nur-blau-gelbe-blumen-aufs-grab

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