Aus dem Stadtarchiv, Folge 12: Zeitmessung
Rechtzeitig zur Umstellung von Sommerzeit auf Winterzeit in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober gehen wir in unserer Serie „Aus dem Stadtarchiv“ auf die Zeitmessung im Braunschweigischen ein. Die Uhr wird seit 1980 durchgehend am letzten Oktober-Wochenende um eine Stunde von 3 auf 2 Uhr zurückgestellt.
Weil im Jahr 1721 die Turmuhr der Wolfenbütteler Hauptkirche Beatae Mariae Virginis von den übrigen Uhren der Stadt so erheblich abwich, „daß man in der Zeit mehr confundiret als deren dadurch vergewissert worden“, forderte die oberste Kirchenbehörde die Kirchenvorsteher auf, schnell Abhilfe zu schaffen. Das Vorhandensein einer korrekt gehenden Schlaguhr verlange „der Wolstand eines jeden Orths und also um so viel mehr in einer Residenz-Vestung“.
Heute kaum mehr vorstellbar: In früheren Zeiten wurde eine öffentliche Uhr – und das war in vielen Orten die Kirchturmuhr – dringend gebraucht. Um Gottesdienste und Schulunterricht pünktlich zu beginnen, musste man sie sehen, aber auch hören können. Während heute Glockenklänge und Uhrschlag von manchen als störend empfunden werden, wurde 1821 von den Stadtbewohnern Wolfenbüttels beklagt, dass die Kirchenuhr nur in den nahe der Kirche gelegenen Häusern zu hören sei.
Kirchturmuhren geben den Takt vor
Die älteste Uhr der Wolfenbütteler Hauptkirche wurde vermutlich zwischen 1620 und 1624 am 1608 begonnenen Kirchenneubau in Wolfenbüttel angebracht, kurz nachdem das Wolfenbütteler Schloss 1614 seine Uhr am Hausmannsturm erhalten hatte. Beide gehörten damit keinesfalls zu den ältesten öffentlich sichtbaren mechanischen Uhren.
Seit dem 14. Jahrhundert fanden Räderuhren an Türmen, Kirchen und anderen Gebäuden in Europa Verbreitung. Noch erhalten ist das Uhrwerk von 1463 aus dem Uhrenturm des Backhauses in Forchtenberg in Baden-Württemberg. Im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel reichten die ältesten Uhrwerke mindestens in das erste Drittel des 16. Jahrhunderts zurück. Ein im Städtischen Museum Braunschweig bewahrtes Uhrwerk von 1542 aus der Brüdernkirche gilt als das älteste erhaltene Uhrwerk der Stadt.
Spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg besaßen auch die meisten kleineren Kirchen des Landes Turmuhren; einzelne konnten schon Ende des 16. Jahrhunderts als „Seiger“ bezeichnete Uhren anschaffen, wie Kirchenrechnungen aus dieser Zeit belegen. Alternativ konnten damit Sonnenuhren gemeint sein, die oft schon vor den mechanischen Uhren an Türmen installiert worden waren und noch lange als Zeitmaßstab für das tägliche Stellen der mechanischen Werke nach der wahren Ortszeit dienten.

Opfermänner und Großuhrmacher
Dies wurde im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel häufig durch den Opfermann vorgenommen, der als Kirchendiener seit der Reformation bis ins 19. Jahrhundert Küstertätigkeiten mit dem Lehramt an den Elementarschulen verband. Wurde ihm das Stellen, das Aufziehen der Gewichte, das Ausbrennen und Ölen der Uhrwerke zu viel, kamen auch einmal die Schulknaben zum Einsatz. Mit Reparaturen und dem Neubau von Uhren beauftragte man Großuhrmachermeister wie die Firma J. F. Weule aus Bockenem im Ambergau, die 1848 mit dem Bau der Turmuhr der Marktkirche Goslars in das Geschäft einstieg.
Die Frage, wer die Kosten trug – Kommune oder Kirche –, bedurfte häufig intensiver Verhandlungen. Die dazu in den Archiven überlieferten Unterlagen sind heute eine wichtige Informationsquelle für die lokale Uhrengeschichte.
Von der Lokalzeit zur Atomzeit
Mit zunehmender Mobilität und steigender Geschwindigkeit der Transportmittel, insbesondere mit der Verbreitung der Eisenbahn, stiegen die Anforderungen an verlässliche und synchrone Zeitmesser. Bahnhofsuhren und andere öffentliche Uhren mussten die Einhaltung von Fahrplänen ermöglichen; die bis dahin geltenden Lokalzeiten wurden zu Zeitzonen zusammengefasst und vereinheitlicht.
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden zur Automatisierung des vernehmbaren Uhrschlags mechanische, im 20. Jahrhundert zunehmend elektrische Betglockenschlagwerke installiert, die in jüngerer Zeit oft durch Funkuhranlagen ersetzt wurden.
Hatte man sich 1721 in Wolfenbüttel noch über die Mängel der Hauptkirchenuhr beklagt, so steht heute die Stadt Braunschweig bundesweit für die Genauigkeit der Zeit: Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt betreibt dort seit 1969 Cäsiumatomuhren (CS1–CS4) sowie seit 1999 die Cäsiumfontänenuhren CSF1 und CSF2, deren tägliche Abweichung sich auf 0,01 Milliardstel einer Sekunde beschränken soll. Ihre Langwellensignale dienen nicht zuletzt der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit.
Birgit Hoffmann ist Landeskirchenarchivrätin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Fundamente Braunschweigischer Regionalgeschichte“. Herausgegeben von der Braunschweigischen Landschaft.
Mit dieser Reihe in Kooperation mit dem Stadtarchiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braunschweigs im Jahr 2031 vorbereiten. Anlass dafür ist die Ersterwähnung der Stadt in der Weiheurkunde der Magnikirche von 1031.



