Zum Jubiläum lädt die Stiftung Prüsse am 19. und 20. September zu einem Festwochenende ein
Hinter der Jakobskapelle, nur wenige Schritte vom Altstadtmarkt entfernt, liegt eines der ältesten weltlichen Gebäude der Stadt. Doch die Jakob-Kemenate ist weit mehr als ein steinernes Zeugnis des Mittelalters. Seit ihrer Wiedereröffnung im Jahr 2006 ist sie ein Ort der Kunst und der Begegnung, offen für Ausstellungen, Musik, Lesungen und Vorträge, aber auch für Trauungen und private Feiern.
Am Sonnabend, 19. September, öffnet die Kemenate von 12 Uhr an ihre Türen. Mit Livemusik, Gesprächen, Rückblicken und Angeboten für Groß und Klein sollen zwei Jahrzehnte voller Begegnungen in Erinnerung gerufen werden. Am Sonntag, 20. September, folgt um 15 Uhr eine Führung. Um 18 Uhr gestalten Andreas Jäger und Till Seifert „Happy Birthday – 20 Jahre Jakob-Kemenate“.
Steinerner Schutz in einer Stadt aus Holz
Der Name Kemenate geht auf das lateinische „caminata“ zurück und bezeichnete einen beheizbaren Raum. Im mittelalterlichen Braunschweig waren Kemenaten massive, meist zweigeschossige Steinbauten hinter den straßenseitigen Wohn- und Geschäftshäusern. Ihre dicken Mauern boten Schutz vor Bränden und Überfällen. Zugleich dienten die Gebäude als Lager, Wohnraum und sichtbares Zeichen von Wohlstand. Leisten konnten sie sich vor allem Kaufleute und Patrizier. Bis etwa 1450 sind für Braunschweig rund 150 größere Steinbauten einschließlich der Kemenaten überliefert – ungewöhnlich viele für eine mittelalterliche Stadt.
Die Jakob-Kemenate entstand um 1250 als Teil des großen Anwesens Jakobstraße 3. Mauerreste an der Ostwand reichen möglicherweise noch in das 12. Jahrhundert zurück. Bemerkenswert sind unter anderem die historischen Fensteröffnungen, Farbreste, der später gewölbte Keller und die Holzbalkendecke, deren Holz auf die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert werden konnte.
Von der Kemenate zur frühen Bank
1765 richtete Herzog Karl I. auf dem Grundstück die Herzogliche Leihhausanstalt ein. Sie gilt als ältestes deutsches Bodenkreditinstitut und als Vorläuferin der Braunschweigischen Staatsbank, aus der später die Norddeutsche Landesbank hervorging. Damit erzählt das Gebäude nicht nur Bau‑, sondern auch ein Stück regionaler Wirtschaftsgeschichte.
Beim Luftangriff auf Braunschweig im Oktober 1944 brannte die umgebende Bebauung weitgehend aus. Von dem einstigen Doppelhaus blieb vor allem die schwer beschädigte Kemenate erhalten. Ein Notdach schützte sie. Zeitweise diente sie als Wohnung, später der St.-Martini-Gemeinde als Abstellraum. Gerade diese zurückhaltende Nutzung bewahrte zahlreiche historische Befunde.

Alt und Neu bleiben ablesbar
2001 erwarb Joachim Prüsse das Baudenkmal. Sein Ziel war von Anfang an, die Ruine zu sichern, sinnvoll zu nutzen und in eine Stiftung zu überführen. Gemeinsam mit seiner Frau Karin gründete er 2006 die Stiftung Prüsse. Ihr Anliegen ist es, Baudenkmäler im Braunschweiger Land zu erhalten und zugleich mit Leben zu füllen. Eigentümerin und Trägerin der Kemenaten verbindet Denkmalpflege deshalb mit einem breit angelegten Kulturprogramm.
Für die behutsame Sanierung und Erweiterung der Jakob-Kemenate gewann Prüsse den Architekten Rainer Ottinger. Der mittelalterliche Bau sollte nicht historisierend rekonstruiert werden. Ottinger ließ alte Spuren sichern und ergänzte das Denkmal um einen klar als zeitgenössisch erkennbaren Neubau, verbunden durch ein gläsernes Foyer. Künstler Jörg Plickat schuf die markante, bewegliche Fassade aus Cortenstahl sowie die beiden Skulpturen „Dialog“. Das rostrote Metall nimmt die alte Schutzfunktion der Kemenate auf und setzt sie in eine moderne Formensprache um. Das Ensemble wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Peter-Joseph-Krahe-Preis der Stadt Braunschweig.
Kunst, Begegnung und der schönste Tag
„Die Kemenate muss leben“ – dieser Gedanke prägt das Haus bis heute. Die Stiftung versteht ihre Räume nicht als Konkurrenz zu Museen oder Kunstvereinen, sondern als offenen Treffpunkt. Ehrenamtliche tragen dazu bei, dass Ausstellungen, Konzerte, Vorträge, Lesungen und Gesprächsabende stattfinden können. Alte Mauern und moderne Kunst schaffen eine besondere Atmosphäre.
Seit 2010 ist die Jakob-Kemenate zudem offizieller Trauort des Braunschweiger Standesamtes. Im Obergeschoss können Paare inmitten moderner Kunst heiraten. Auch Hochzeitsfeiern, Taufen, Konfirmationen, Geburtstage, Jubiläen, Tagungen und Sitzungen sind in den historischen Räumen möglich.
Ein zweites Haus ergänzt das Engagement der Prüsse Stiftung. Die Kemenate Hagenbrücke stammt ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert. Die Stiftung erwarb sie im Jahr 2012, ließ sie denkmalgerecht erweitern und machte sie 2015 öffentlich zugänglich. Heute zeigt das „Günter Affeldt und Jürgen Weber Haus“ dauerhaft Werke der beiden Braunschweiger Künstler und bietet Raum für weitere Kulturprojekte.
Die nächsten Termine:
23. September, 18 Uhr: Fotografische Spurensuche „Rundreise Balkan“ mit Lutz Hackenberg
8. Oktober, 18 Uhr: „Kleine Kunstgeschichten – Paul Gauguin“ mit Claudia und Magnus Kleine-Tebbe
21. Oktober, 18 Uhr: „Umgang mit der Lebenszeit“ mit Dr. Michael Bartling
24. November, 18 Uhr: „Braunschweig – der Charme der Fünfzigerjahre“ mit Bärbel Mäkeler
5. Dezember, 20 Uhr: „Michael Strauss Trio: Christmas Swing“
15. Dezember, 16 Uhr: „Happy Birthday Hundertwasser“
17. Dezember, 16 Uhr: „Weihnachtsgeschichten aus aller Welt“
11. Januar 2027, 16 Uhr: „Willkommen 2027“
Kontakt:
Jakob-Kemenate
Eiermarkt 1 B
38100 Braunschweig
Telefon: 0531–1238450 oder 0160 99823124
Kartenreservierung: 0531 22434842 und kemenaten@stiftung-pruesse.de
Internetseite: www.kemenaten-braunschweig.de



