Wenn Menschen ihre Masken ablegen

Der Eingang zu den Ausstellungsbereichen „Freude“ und „Wut“. Foto: der Löwe
Der Eingang zu den Ausstellungsbereichen „Freude“ und „Wut“. Foto: der Löwe

Das Langzeit­pro­jekt „manyFACES“ macht sichtbar, was uns über Herkunft, Alter und sozialen Status hinweg verbindet

Ein Mensch, drei Bilder, drei Regungen: Freude, Wut und Schmerz. In der Ausstel­lung „manyFACES“ begegnen Besuche­rinnen und Besucher 1145 Menschen aus unter­schied­li­chen Genera­tionen, sozialen Hinter­gründen und Herkunfts­län­dern. Jede Person zeigt aber dieselben drei Gefühle. „Die Aufgabe war, das Wertvollste eines Menschen freizu­legen: die Seele. Freude, Wut und Schmerz sind die auffäl­ligsten Emotionen, die in Porträts gezeigt werden können“, sagt der Fotograf Christoph Borek. Nicht die perfekte Pose inter­es­sierte ihn, sondern der Augen­blick, in dem Kontrolle nachlässt und ein unver­stellter Ausdruck sichtbar wird.

Die Idee entstand, als Borek selbst für ein anderes Fotopro­jekt vor der Kamera stand. Dort sollte ein Mensch im Hier und Jetzt festge­halten werden – ohne Bewegung, ohne Emotion, nur mit starrem Blick. Borek empfand das als Verkür­zung. In jedem Gesicht, so sein Gedanke, stecke mehr als ein Moment, mehr als eine Pose und mehr als ein einzelnes Bild. Das war der entschei­dende Impuls für „manyFACES“. Das Ergebnis ist beein­dru­ckend.

Erste Porträts entstanden 2018

„Mit dem Projekt habe ich im Jahr 2018 begonnen. Ich wollte damals 1000 Personen jeweils mit den drei Emotionen fotogra­fieren. Jetzt sind es weit mehr geworden“, sagt Borek. Was als ambitio­nierte fotogra­fi­sche Aufgabe begann, entwi­ckelte sich über acht Jahre zu einer Vielzahl inten­siver Begeg­nungen. Er erreichte, dass die von ihm porträ­tierten Menschen etwas von sich preis­gaben, das im Alltag oft hinter Rollen­bil­dern, Routinen und Schutz­me­cha­nismen verborgen bleibt. Niemand zeigt seine Gefühle gerne in aller Öffent­lich­keit. Die Ausstel­lung ist übervoll von Emotionen.

Der Kern von „manyFACES“ ist eine einfache Botschaft. „Wir alle sind einzig­artig – und wir alle sind gleich. Freude über ein Fest, Wut über Ungerech­tig­keit oder Schmerz über einen Verlust werden überall auf der Welt empfunden. Diese Gefühle brauchen keine gemein­same Sprache. Sie verbinden Menschen, noch bevor das erste Wort gespro­chen ist“, sagt Christoph Borek.

Der Eingang in den Ausstellungsbereich „Schmerz“. Foto: der Löwe
Der Eingang in den Ausstel­lungs­be­reich „Schmerz“. Foto: der Löwe

Gegen Vorur­teile

Er versteht das Projekt deshalb auch als Gegen­ent­wurf zu den viel verbrei­teten Vorur­teilen. Wer nur Herkunft, Religion oder gesell­schaft­li­chen Status sehe, mache sich ein Bild, bevor er den Menschen überhaupt wahrnimmt. Die Porträts rückten statt­dessen das Gemein­same in den Mittel­punkt. Vor der Kamera hätten keine Statuen gestanden, so Borek, sondern Menschen. Ihre Freude, ihre Wut und ihr Schmerz seien für alle unmit­telbar erkennbar. Die Beschrän­kung auf Schwarz­weiß verstärke diese Wirkung. Denn Farbe könne zwar lebendig sein, aber auch ablenken vom Wesent­li­chen, meint der Fotograf.

„Das Projekt ist mit dieser Ausstel­lung beendet. Es war von Anfang an mein Ziel, die Porträts der Öffent­lich­keit zu präsen­tieren. Ich wünsche mir jetzt, dass die die Ausstel­lung auf Wander­schaft geht und sich Museen dafür inter­es­sieren“, sagt Borek. Damit könnte die in Braun­schweig entstan­dene Arbeit auch andern­orts daran erinnern, was bleibt, wenn Menschen ihre Masken ablegen: Menschen, die fühlen, die Freude, Wut und Schmerz empfinden.

Blick in die Ausstellung. Foto: der Löwe
Blick in die Ausstel­lung. Foto: der Löwe

Noch bis zum 27. September

Die aktuelle Ausstel­lung läuft bis zum 27. September in Sankt Leonhard 2a in Braun­schweig. Geöffnet ist sie jeweils von Donnerstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr oder nach Verein­ba­rung. Der Eintritt beträgt für Erwach­sene fünf Euro, für Kinder im Alter von sechs bis 15 Jahren drei Euro sowie für Schul­klassen zwei Euro je Kind.

Der Erlös fließt nach Kosten für die Ausstel­lung in die manyFACES Stiftung. Die gemein­nüt­zige Stiftung wurde im Jahr 2021 gegründet. Sie fördert soziale Projekte, Kunst, Kultur und Bildung. Ihr Ziel ist es, gesell­schaft­liche Vielfalt sichtbar zu machen und mehr Empathie im Mitein­ander zu schaffen. Gegründet wurde sie von Christoph Borek.

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