Als im Braun­schweiger Land Zucker­fa­briken aus dem Boden schossen

Prägend für die Landwirtschaft im Braunschweiger Land: die Zuckerrübenernte. Foto: Der Löwe
Prägend für die Landwirtschaft im Braunschweiger Land: die Zuckerrübenernte. Foto: Der Löwe

Aus dem Stadt­ar­chiv, Folge 13: Die Rüben­zu­cker­in­dus­trie verän­derte Landwirt­schaft und Dörfer

Noch vor einigen Jahrzehnten war der Beginn der Zucker­rü­ben­kam­pagne schon am Geruch zu erkennen: Meist ab Ende September lag ein typischer, malzig-süßer Duft über der Region. Er stammte aus den zahlrei­chen Zucker­fa­briken, die damals die Rüben verar­bei­teten, und wurde oft als unange­nehm empfunden. Heute kündigen eher die großen Trans­port­fahr­zeuge den Kampa­gnen­be­ginn an, wenn sie die Rüben zu den weiter entfernten Fabriken bringen.

Auf ehemals braun­schwei­gi­schem Gebiet gibt es heute keine Zucker­fa­briken mehr. Fusionen und Schlie­ßungen führten dazu, dass sich die Produk­tion auf wenige große Standorte konzen­trierte. Braun­schweig ist heute Unter­neh­mens­sitz der Nordzu­cker AG, die sich als einen der weltweit führenden Hersteller von Zucker aus Rübe und Rohr bezeichnet.

Landwirte wurden Aktionäre

Zucker­fa­briken entstanden in der Region ab Mitte des 19. Jahrhun­derts. Ein regel­rechter Gründungs­boom setzte ein. Die ersten Fabriken waren kaufmän­nisch-städti­sche Unter­nehmen. Dauerhaft erfolg­reich wurden jedoch vor allem jene Betriebe, die in den Dörfern und damit mitten in den Anbau­ge­bieten lagen. Sie wurden häufig genos­sen­schaft­lich gegründet. Landwirte schlossen sich zu Gesell­schaften zusammen und erwarben Aktien, die mit der Pflicht zum Anbau und zur Lieferung von Zucker­rüben verbunden waren. So wurden die Landwirte zugleich Aktionäre. Neben den Zucker­fa­briken entstanden vor allem in Braun­schweig Raffi­ne­rien, in denen der Rohzucker weiter­ver­ar­beitet wurde.

Die Rüben­zu­cker­ge­win­nung prägte die Region. Sie trieb die Moder­ni­sie­rung der Landwirt­schaft voran und gab der indus­tri­ellen Entwick­lung wichtige Impulse. Der Agrar­wis­sen­schaftler und Herzog­lich Braun­schwei­gi­sche Ökono­mierat Richard Bürsten­binder sprach 1881 von der „Cultur­mis­sion der Zucker­rübe“. Bis 1885 wurden im Herzogtum mehr als 30 Zucker­fa­briken gegründet. In der Kampagne 1850/1851 verar­bei­teten fünf Fabriken 360.000 Zentner Rüben; 1859/1860 waren es bereits 14 Fabriken mit zwei Millionen Zentnern. In der Kampagne 1880/1881 belief sich die Menge auf fast zwölf Millionen Zentner – ein Umfang, der drei Jahrzehnte zuvor kaum vorstellbar gewesen wäre.

Landwirte erwarben einst Aktien an ihren Genossenschaften. Foto: Stadtarchiv Salzgitter/aus „Von Asse bis Zucker“
Landwirte erwarben einst Aktien an ihren Genos­sen­schaften. Foto: Stadt­ar­chiv Salzgitter/aus „Von Asse bis Zucker“

„Schlüs­sel­fer­tige“ Zucker­fa­briken

Als Energie­träger diente Braun­kohle. In den 1870er Jahren verbrauchten die Zucker­fa­briken bis zu 75 Prozent der gesamten Förderung der Braun­schwei­gi­schen Kohlen­berg­werke im Helmstedter Revier. Auch Maschi­nenbau und Metall­ver­ar­bei­tung richteten sich auf den Bedarf der Zucker­in­dus­trie aus. Besonders wichtig war die Braun­schwei­gi­sche Maschi­nen­bau­an­stalt (BMA), die aus der Firma Friedrich Seele und Co. hervor­ge­gangen war. Mit der Einfüh­rung des Diffu­si­ons­ver­fah­rens in der Zucker­her­stel­lung setzte die BMA einen neuen Schwer­punkt. Bald lieferte sie „schlüs­sel­fer­tige“ Zucker­fa­briken und stellte fast alle dafür benötigten Apparate selbst her. Eine der ersten Fabriken, die mit diesem Verfahren arbeitete, war die Zucker­fa­brik in Barum.

Bereits im 19. Jahrhun­dert expor­tierte die BMA ihre Anlagen über Europa hinaus in alle Welt. Noch heute umfasst das Produkt­port­folio des inter­na­tional tätigen Unter­neh­mens den Kernpro­zess der Zucker­her­stel­lung und Raffi­na­tion.

Anfäng­liche Skepsis

Nach anfäng­li­cher Skepsis bestellten immer mehr Landwirte ihre Felder mit Zucker­rüben. Der Anbau verlangte Umsicht und Planung, sorgfäl­tige und inten­si­vere Boden­be­ar­bei­tung sowie zusätz­liche Arbeits­kräfte. Das Saatgut musste über die Zucker­fa­briken bezogen werden. Für Anbau, Düngung und Boden­kultur galten verbind­liche Regeln. Zum Einsatz kam auch der neuartige „Wanzle­bener Pflug“, ein Tiefkul­tur­pflug, mit dem sich der Boden bis zu 30 oder 40 Zenti­meter tief umpflügen ließ.

Trotz des Aufwands lohnte sich der Anbau. Als Aktionäre verdienten die Landwirte zusätz­lich am Verkauf des Zuckers und anderer Endpro­dukte. Der wachsende Wohlstand zeigte sich in den Börde­dör­fern um Magdeburg und Braun­schweig häufig in den sogenannten „Rüben­burgen“, großzü­gigen, villen­ar­tigen Wohnhäu­sern aus Stein, mit breiten Treppen­auf­gängen, Eingangs­hallen und zahlrei­chen Zierele­menten.

Die ehemalige Zuckerfabrik an der Frankfurter Straße (heute ART-Max). Foto: Denkmalatlas Niedersachsen/Jan Lubitz, CC-BY-SA 4.0
Die ehemalige Zucker­fa­brik an der Frank­furter Straße (heute ART-Max). Foto: Denkmal­atlas Niedersachsen/Jan Lubitz, CC-BY-SA 4.0

Indus­trie­denkmal an der Frank­furter Straße

In Braun­schweig ist ein bemer­kens­wertes Indus­trie­denkmal erhalten: die Raffi­nerie an der Frank­furter Straße. Sie wurde 1858 angelegt und nach einem Brand 1902 im Backstein­stil neu errichtet. 1939 stellte sie den Betrieb ein. Nach wechselnder Nutzung wurden die Gebäude 1986 unter Denkmal­schutz gestellt, um einen drohenden Abriss zu verhin­dern. Heute befindet sich dort der als „ART-max“ bekannte Büro- und Geschäfts­kom­plex.

Als die Zucker­fa­briken der Region nach und nach in der Nordzu­cker AG aufgingen, gelangten auch ihre Regis­tra­turen und Akten in das Unter­neh­mens­ar­chiv in Uelzen. Zucker­fa­briken gab es unter anderem in Barum, Broistedt, Burgdorf, Eichthal, Hedwigs­burg, Hoiers­dorf, Jerxheim, Königs­lutter, Rautheim, Salzdahlum, Schöp­pen­stedt, Söllingen, Thiede, Trendel­busch, Twülp­stedt, Vechelde, Waten­stedt und Wierthe.

Im Landes­ar­chiv, Abteilung Wolfen­büttel, finden sich außerdem Unter­lagen zu einem bekannten Prozess: Die Müller in Wenden und Bienrode klagten gegen die Zucker­fa­brik Rautheim, weil sie Rückstände aus der Zucker­fa­bri­ka­tion in die Mittel­riede einlei­tete. Wilhelm Raabe verar­bei­tete diesen Streit in seinem berühmten Roman „Pfisters Mühle“.

Ursula Wolff ist Mitar­bei­terin im Stadt­ar­chiv Salzgitter und Mitglied im Geschichts­verein Salzgitter. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Funda­mente Braun­schwei­gi­scher Regio­nal­ge­schichte“. Heraus­ge­geben von der Braun­schwei­gi­schen Landschaft.

Mit dieser Reihe in Koope­ra­tion mit dem Stadt­ar­chiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braun­schweigs im Jahr 2031 vorbe­reiten. Anlass dafür ist die Ersterwäh­nung der Stadt in der Weihe­ur­kunde der Magni­kirche von 1031.

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