Vor 80 Jahren endete die Geschichte des Landes Braun­schweig

Die letzte Sitzung des Braunschweigischen Landtags am 21. November 1946: (v.l.n.r. ) unter der Fahne: Wilhelm Godelmann, Leiter Landtagsbüro, Wilhelm Rieke, Landtagspräsident, Prof. Gerhard von Frankenberg, Festredner. Foto: IBRG
Die letzte Sitzung des Braunschweigischen Landtags am 21. November 1946: (v.l.n.r. ) unter der Fahne: Wilhelm Godelmann, Leiter Landtagsbüro, Wilhelm Rieke, Landtagspräsident, Prof. Gerhard von Frankenberg, Festredner. Foto: IBRG

Der Weg in das neue Land Nieder­sachsen war von politi­schem Ringen, großer Not und dem Wunsch nach demokra­ti­scher Mitbe­stim­mung geprägt.

Jahrhun­derte war die Identität der Stadt Braun­schweig geprägt als Residenz- und Landes­haupt­stadt. Diese war vor 80 Jahren mit dem 1. November 1946 zu Ende gegangen mit der Neugrün­dung der Demokratie im Rahmen des Landes Nieder­sachsen. Erfolgt war diese Neuord­nung nicht als Wunsch seiner Bürge­rinnen und Bürger, sondern aufgrund der Verord­nung Nr. 55 der Briti­schen Militär­re­gie­rung. Die letzte Sitzung des Braun­schwei­gi­schen Landtags fand am 21. November 1946 statt.

In diesem Sinne gilt es nicht nur den Geburtstag Nieder­sach­sens zu begehen, sondern Braun­schweig erinnert an das regio­nal­ge­schicht­lich bedeut­same Datum, dass vor 80 Jahren die Selbstän­dig­keit des Landes endete. Damals mussten die Menschen bereit sein zum Abschied und offen für den Neubeginn. Doch bis zuletzt waren Politik und Regierung des Landes bemüht, eine Lösung zu finden, die die Eigen­stän­dig­keit des Landes Braun­schweig bewahren half. An der Spitze dieser Bemühungen stand der amtie­rende SPD-Minis­ter­prä­si­dent Alfred Kubel.

Ein Jahr nach Kriegs­ende und Befreiung vom natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Terror­re­gime von einem „Wende­punkt in der Geschichte von Braun­schweig“ zu sprechen erscheint zwar überbe­wertet und doch: Es waren zunächst Wochen und Monate gewal­tiger Heraus­for­de­rungen im Lebens­alltag der Menschen, zu denen Hochwas­ser­ka­ta­strophe, Hungersnot, Wohnungsnot und massen­hafter Flücht­lings­an­sturm aus dem Osten zählten und die Menschen bis an die Grenzen ihrer Belast­bar­keit führten.

So wurde Niedersachsen 1946 zusammengesetzt. Foto: IBRG
So wurde Nieder­sachsen 1946 zusam­men­ge­setzt. Foto: IBRG

Zwischen Not und Neubeginn

Gleich­zeitig aber waren es auch Zeiten inten­siver Bemühungen um Aufbau und Etablie­rung neuer demokra­ti­scher Struk­turen und funkti­ons­fä­higer Verwal­tungs­ein­rich­tungen. Und so gilt: 1946 war ein histo­risch prägendes Jahr, denn es war ein Wende­punkt zum Aufbau einer funkti­ons­fä­higen, stabilen und zukunfts­ori­en­tierten Demokratie. An diesen „Beginn der wirkli­chen Demokratie“ in Braun­schweig lohnt es zu erinnern.

Die Militär­re­gie­rung geneh­migte Anfang 1946 die Bildung eines Braun­schwei­gi­schen Landtags. Mit der ersten ordent­li­chen Landtags­sit­zung am 21. Februar 1946 in der Aula der Kant-Hochschule begann in den wieder­errich­teten Verfas­sungs­or­ganen das Bemühen, einen „Weg aus Chaos und Not“ zu finden. Mit diesem Datum verbindet sich zugleich der 80. Jahrestag des ersten und letzten demokra­ti­schen Landtags im Land Braun­schweig nach Kriegs­ende. Tatsäch­lich gelang es den im Landtag unermüd­lich Tätigen, entschei­dend die Weichen für die Zukunft zu stellen, auch wenn der Eigen­stän­dig­keit keine lange Dauer mehr vergönnt war.

Die Verordnung Nr. 55 der Britischen Militärregierung. Foto: IBRG
Die Verord­nung Nr. 55 der Briti­schen Militär­re­gie­rung. Foto: IBRG

Kubel kämpfte für Braun­schweig

Minis­ter­prä­si­dent Alfred Kubel, der die stark emotio­na­li­sierte Thematik der Sel bstän­dig­keit des Landes pragma­tisch und mit viel Reali­täts­sinn anging, sah sich seit Sommer 1946 verstärkt den im Einver­nehmen mit der briti­schen Militär­re­gie­rung betrie­benen, hanno­ver­schen Nieder­sachsen-Plänen gegenüber, die letztlich reali­siert wurden. Diese schienen der Militär­re­gie­rung als beste Lösung, jedoch sollten quasi als vorder­grün­diger Kompro­miss zur Beruhi­gung der Emotionen die Eigen­arten der vier Bestand­teile des neuen Landes weitest­ge­hend erhalten bleiben. Kubel, der das Land Braun­schweig in den Vorbe­spre­chungen vertreten hatte, wurde im November in der braun­schwei­gi­schen Presse heftig kriti­siert, „da er die Unver­letz­bar­keit der Landes­grenzen preis­ge­geben und die 800jährige Tradition des Landes nicht ohne Hinweis auf die unerfreu­li­chen Züge und Schat­ten­seiten bewertet habe. Man solle den Abgeord­neten nicht nachsagen dürfen, dass Braun­schweig sich gegenüber dem Zentra­li­sie­rungs­an­spruch Hannovers kampflos gefügt habe“.

Bis zuletzt hatten Politiker, Landtag und Bürger­schaft Braun­schweigs in der zweiten Hälfte des Jahres 1946 gehofft und gekämpft, als selbstän­diges Land in der engli­schen Zone bestehen zu können, wenn auch mit moderaten Anpas­sungen bezie­hungs­weise Erwei­te­rungen. Ein Ziel dabei war, einer Zwangs­ver­ei­ni­gung mit Hannover zu entgehen, befürch­tete man doch deutliche Nachteile für die braun­schwei­gi­schen Landes­teile.

Die Aula der Kant-Hochschule war die Geburtsstätte des demokratischen Neubeginns nach dem nationalsozialistischen Terrorregime und dem Zweiten Weltkrieg.Foto IBRG
Die Aula der Kant-Hochschule war die Geburts­stätte des demokra­ti­schen Neube­ginns nach dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Terror­re­gime und dem Zweiten Weltkrieg.Foto IBRG

Warnung vor Hanno­ver­scher Annexi­ons­po­litik

Von der SPD-Fraktion warnte noch in der Schluss­sit­zung der Abgeord­nete Arnholz deutlich vor einer Hanno­ver­schen Annexi­ons­po­litik, eine Befürch­tung, die keines­wegs einer blau-gelben Kirch­turm­po­litik entsprang und die weiteren Entwick­lungen sollten diese Bedenken bis in die Gegenwart immer wieder wachrufen. Zumindest erhoffte man sich in Kreisen der SPD ein Mindestmaß an Mitbe­stim­mung bei den Entschei­dungen und nicht einfach eine Verord­nung von oben durch die Militär­re­gie­rung. Daher mahnte sein Frakti­ons­kol­lege Professor Dr. Gerhard von Franken­berg als Versäumnis an: „Wohl sah der Kundige schon lange, dass eine Neuord­nung der deutschen Länder kommen musste. Aber wir hatten sie uns anders gewünscht! Wir hätten gern selbst mitent­schieden, wären gern allmäh­lich hinein­ge­wachsen in das größere Ganze, dem wir nun angehören sollen!“

Das Volk aber schien nach den erst kurz zurück­lie­genden Erfah­rungen der NS-Zeit aus Sicht der Besatzer noch keines­wegs allein entschei­dungs­fähig bezie­hungs­weise noch nicht reif genug für die Demokratie zu sein. Damit endete die Eigen­stän­dig­keit des Landes Braun­schweig.

Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel ist Gründungs­di­rektor des Instituts für Regio­nal­ge­schichte und Geschichts­ver­mitt­lung an der TU Braun­schweig.

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