Aus dem Stadtarchiv, Folge 11: Verkehrsgeschichte in der Region Braunschweig
Die Region Braunschweig bildet ein besonders geeignetes Beobachtungsfeld für die sich verändernde Mobilität der vergangenen 200 Jahre, da sie aufgrund ihrer geografischen Lage als Transitregion und ihrer überschaubaren Größe die Entwicklungen geradezu exemplarisch abbildet. Ihre Geschichte bietet zahlreiche Ansatzpunkte für erhellende Einsichten und faszinierende Entdeckungen. Die Archive der Region sind voller Materialien, die noch gesichtet und eingeordnet werden müssen.
So alltäglich die Bundesautobahnen A2 oder A39 auch genutzt werden, deren Planungs- und Realisierungsgeschichte muss ebenso noch geschrieben werden wie ihre Unfall- und Staugeschichte. In welchem Umfang die fortschreitende Automobilisierung auch die Zersiedlung der Landschaft zur Folge hatte, ließe sich am Beispiel des Braunschweiger Umlandes prüfen.
Wasserwege und Schienen
Flüsse erleichterten den Menschen bereits in der Bronzezeit die Fortbewegung, wie archäologische Funde von Einbäumen belegen. Schunter, Oker und Aller dienten vom Mittelalter bis zur Industrialisierung dem Holz- und Korntransport und wurden wasserbaulich optimiert. Im 20. Jahrhundert kamen Wasserstraßen wie der Mittellandkanal und der Stichkanal Salzgitter hinzu. Auf ihnen werden Massengüter wie Kohle und Eisenerz, inzwischen aber auch Container transportiert.
Die Eisenbahn gab dem eisernen Zeitalter der Hochindustrialisierung ihren Namen und brachte diese Entwicklung in das Land Braunschweig. Nachdem 1838 mit der ersten Staatseisenbahn eine Schienenverbindung zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel eingerichtet worden war, beschleunigte das rasch wachsende Streckennetz den Transport von Menschen und Gütern erheblich. Die große Zahl an Zuckerfabriken wurde erst durch die Vernetzung der landwirtschaftlichen Anbauflächen mittels Kleinbahnen möglich.
Nach dem Übergang des staatlichen Eisenbahnwesens an das Reich wurden Entscheidungen über Strecken und Schienenfahrzeuge zwar in der Hauptstadt getroffen. Ihre Auswirkungen waren jedoch auch in der Region zu spüren – etwa bei der Stilllegung von Nebenstrecken, der Taktung des Verkehrs oder der Vernachlässigung der Bausubstanz. Seit den 1950er-Jahren wurde die Eisenbahn durch das Automobil in die Defensive gedrängt. Ihr starkes industrielles Erbe, zu dem beispielsweise der Alstom-/Bombardier-Standort in Salzgitter und Siemens Mobility in Braunschweig gehören, könnte im Zuge einer neuerlichen Verkehrswende jedoch eine Wiederbelebung erfahren.

Fahrrad und Automobil
Auch die Geschichte des Fahrrads könnte in diesem Zusammenhang eine Renaissance erleben. Die 1896 in Braunschweig gegründete Panther Fahrradwerke AG erarbeitete sich einen überregional guten Ruf. In den 1960er-Jahren drängte das Automobil jedoch andere Fortbewegungsarten zurück, und das Unternehmen ging in Konkurs. Heute treten wieder mehr Menschen in die Pedale, wenn auch zunehmend mit elektrischer Unterstützung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Fahrrad nicht nur vom Fahrtwind, sondern auch vom politischen Streit zwischen bürgerlichen und proletarischen Radfahrern umweht, die jeweils eigene Fahrradclubs und Treffpunkte unterhielten. Seit den 1980er-Jahren entwickelte sich das muskelbetriebene Zweirad zum bevorzugten Verkehrsmittel vieler Umweltbewusster. Angesichts der hohen Verkaufszahlen von E‑Bikes und Pedelecs könnte sich das Fahrrad in der Gegenwart allerdings selbst zu einem nicht unerheblichen Energieverbraucher entwickeln.
Der große Aufsteiger des 20. Jahrhunderts war das Kraftfahrzeug. Ob Nutzfahrzeug oder Personenwagen: Das Unternehmen Büssing erlangte in der Region herausragende technische und wirtschaftliche Bedeutung. Mit dem Braunschweiger Löwen als Markenzeichen bewegten Büssing-Nutzfahrzeuge schwere Lasten, während die Niederflurbusse des Unternehmens Menschen transportierten. Über viele Jahrzehnte prägte Büssing die Braunschweiger Wirtschaft und war zugleich Schauplatz heftiger sozialer Konflikte.
Die Mühlenbau und Industrie AG (MIAG) produzierte während des Zweiten Weltkriegs unter anderem Panzer. In den 1950er-Jahren verlor Büssing an Innovations- und Wirtschaftskraft und ging schließlich im MAN-Konzern auf. Derweil entwickelte sich der Spätstarter Volkswagen zum neuen Zentrum der regionalen Automobilindustrie. Im Nationalsozialismus gegründet, stiegen sowohl der Wagen als auch das Unternehmen zu Symbolen des Wirtschaftswunders auf.
Mit Fabriken in Wolfsburg und Braunschweig sowie seit 1970 auch in Salzgitter bildet der zum Weltkonzern herangewachsene Fahrzeughersteller das automobile Kraftzentrum der Region. Zahlreiche Betriebe, Ingenieurdienstleister und Wissenschaftseinrichtungen arbeiten dem Konzern zu. Die Region hatte bislang Benzin im Blut und bewegte die Massen. Ob künftig vor allem batteriebetriebene Elektrofahrzeuge die Straßen bevölkern und weiterhin für hohe Einkommen sorgen werden, lässt sich nur schwer vorhersagen.

Luftfahrt in Braunschweig
Wer einmal in „Klein-Tempelhof“, dem Waggumer Flugplatz, war, weiß um die Bedeutung des Flugplatzgeländes sowie der dort ansässigen Institutionen und Unternehmen. Der Flugplatz gehörte zu den frühen Stationen der Lufthansa, wurde während des Zweiten Weltkriegs militärisch genutzt und beheimatet heute unter anderem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Außerdem starten hier Verkehrsflugzeuge. Dass Braunschweig während des Zweiten Weltkriegs mit dem Niedersächsischen Motorenwerk in Querum sowie den Unternehmen MIAG, Luther und Grotrian ein Zentrum des Flugzeugbaus war, hat sich dagegen nicht nachhaltig im öffentlichen Bewusstsein verankert.
Prof. Dr. Manfred Grieger ist Historiker und Lehrbeauftragter an der Georg-August-Universität Göttingen. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Fundamente Braunschweigischer Regionalgeschichte“. Herausgegeben von der Braunschweigischen Landschaft.
Mit dieser Reihe in Kooperation mit dem Stadtarchiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braunschweigs im Jahr 2031 vorbereiten. Anlass dafür ist die Ersterwähnung der Stadt in der Weiheurkunde der Magnikirche von 1031.



