Bis nach Indone­sien: Klavierbau im Herzogtum Braun­schweig

Ein reich verziertes Clavichord aus der Werkstatt Barthold Fritzes.
Ein reich verziertes Clavichord aus der Werkstatt Barthold Fritzes, ca. 1756. Heute ist es im Städtischen Museum zu sehen. Foto: Peter Karsten

Die aktuelle Sonder­aus­stel­lung „People and Pianos“ im Städti­schen Museum Braun­schweig, kuratiert durch Frau Dr. Antje Becker, zeigt noch bis Ende April 2025 die Geschichte der beiden berühmten Klavier­bau­firmen Steinway & Sons und Grotrian-Steinweg. Doch schon vor diesen beiden bekannten Firmen waren Braun­schweiger Klaviere in aller Welt zu finden. Peter Karsten, Experte für histo­ri­sche Musik­in­stru­mente aus dem Braun­schwei­gi­schen, erzählt in seinem Beitrag ihre weitge­hend unbekannte Geschichte.

Klavier­bauer siedelten sich schon früh in der Region des Fürsten­tums Braun­schweig-Wolfen­büttel und dem späterem Herzogtum Braun­schweig an.

Von ihnen gingen wegwei­sende Innova­tionen aus. Im 18. Jahrhun­dert wurden in Braun­schweig herge­stellte Klaviere bis nach Finnland, Russland und Indone­sien expor­tiert – über einhun­dert Jahre, bevor Steinway & Sons mit heraus­ra­gendem Quali­täts­ver­ständnis als Ikone im Olymp der Klavier­bauer in Amerika bekannt wurde.

„Mecha­nikus“: Die Vorge­schichte des Klavier­baus

Mit Blick auf möglichst große Kunden­nähe – in der Regel die Höfe und vermö­genden Schichten der Zeit – siedelten sich die Klavier­bauer stets in den regio­nalen Zentren an. Ein Beispiel dafür ist der Autodi­dakt Barthold Fritze.

Fritze, 1697 als Sohn eines Müllers in Holle geboren, erhielt 1720 in Braun­schweig das Bürger­recht. Zunächst bezeich­nete er sich selbst als „Mecha­nikus“. Sein erster Kunde für ein von ihm neu gebautes kleines Clavichord war 1721 Organist Hurle­busch, welcher 1722 als Hofka­pell­meister an den könig­li­chen Hof von Stockholm, dann Bayreuth, Braun­schweig und Hamburg ging und schließ­lich als Organist in Amsterdam wirkte.

Fritze hat bis 1765 allein etwa 460 Instru­mente gebaut, davon etwa 70% die kosten­güns­ti­geren gebun­denen Clavichorde (bei denen sich benach­barte Töne eine Saite teilen) und etwa 30% ungebun­dene Clavichorde. Etwa 20% davon verkaufte er an adelige Kunden und 80% an Berufs­mu­siker, gehobenes Bürgertum wie auch die Profes­soren der neu gegrün­deten Collegio Carolinum.

Bis zu ein Jahr Wartezeit

Seine Instru­mente waren sehr begehrt – er führte eine Bestell­liste und Kunden mussten sich bis zu einem Jahr Liefer­zeit gedulden. In seiner Referenz­liste finden sich berühmte Kunden, zum Beispiel der Komponist Carl Heinrich Graun, der zu dieser Zeit als Kapell­meister in Berlin am Hof Fried­richs des Großen wirkte. Etwa 10% seiner Instru­mente nahmen Händler wie Kaufmann Gräfe aus Hamburg in Kommis­sion und lieferten bis London, Gibraltar, Norwegen und Archan­gelsk (Russland).

1755 brachte Fritze bei Breitkopf und Härtel in Leipzig eine Stimman­lei­tung heraus, in deren Vorwort er stolz betont, dass Carl Phillip Emanuel Bach bei einem Besuch in Braun­schweig seine Stimm­me­thode persön­lich für gut befunden habe. Auch stimmte er die Instru­mente des Braun­schweiger Herzogs. Seit 1755 bezeichnet er sich nun auch als „Clavier-Instru­men­ten­ma­cher“. Da er keine Nachkommen hatte, verfügte er sein Haus am Marstall 12 für wohltä­tige Zwecke – das „Fritze­sche Vermächtnis“. Vier Clavichorde sind von ihm bis heute in Museen erhalten, u.a. ein pracht­volles Exemplar im Städti­schen Museum in Braun­schweig.

Vom Bohlweg nach Indone­sien

Ein weiterer bedeu­tender Klavier­bauer der Zeit war Georg Wilhelm Lemme. Eigent­lich war er Organist an der Fürst­li­chen Schloss­kirche und der Magni­kirche. Er fertigte darüber hinaus aber auch Clavichorde an und bildete seinen 1746 in Braun­schweig geborenen Sohn Carl Lemme sowohl im Orgel­spiel als auch im Instru­men­tenbau aus. Beide bauten bis 1815 etwa 800 Instru­mente, darunter Clavichorde, Tafel­kla­viere und Hammer­flügel nach dem Vorbild von Johann Andreas Stein aus Augsburg.

Die Instru­mente wurden bis Indone­sien und Russland expor­tiert. Darüber hinaus reparierten, handelten und vermie­teten sie auch Instru­mente anderer Erbauer, vornehm­lich engli­scher Herkunft, welche auf Grund der Verflech­tung der welfi­schen Königs­häuser mit England in der Region einen bedeu­tenden Markt­an­teil hatten.

Werkstatt und Verkaufs­raum befanden sich am Bohlweg, direkt gegenüber dem Schloss. Vater und Sohn Lemme haben sich darüber hinaus mit eigenen Erfin­dungen einen Namen gemacht, darunter einer geraden Tasten­füh­rung und ovalrunden Korpussen bei Clavichorden, welche für eine leichtere Spiel­bar­keit und einen schönen und starken Ton gelobt wurden, sowie den gepressten Resonanz­boden, bei dem zwei Böden winkel­ver­setzt so mitein­ander verleimt wurden, dass eine Rissbil­dung beim Transport und späterer Nutzung unter starker klima­ti­scher Beanspru­chung verhin­dert werden konnte.

Auch Lemme lieferte an den Braun­schweiger Hof. Um Nachahmer und Fälscher abzuschre­cken, kennzeich­nete er seine Instru­mente mit Geneh­mi­gung seines Herzogs ab 1786 mit dem Braun­schweiger Wappen.

Sein Sohn, auch Carl Lemme benannt, wanderte 1799 nach Paris aus und baute dort bis 1832 als Charles Lemme weiterhin Tafel­kla­viere.

1814 beendete Carl Lemme seine Tätigkeit in Braun­schweig und verkaufte die in seiner Werkstatt lagernden Holzvor­räte, z.B. Resonanz­bo­den­holz aus Böhmen.
Von Carl Lemme sind drei Clavichorde und zwei Hammer­flügel erhalten. Ein bis heute spiel­barer Hammer­flügel befindet sich in Braun­schweig.

Ein Hammerflügel aus der Werkstatt Carl Lemmes, gebaut 1796.
Ein Hammer­flügel aus der Werkstatt Carl Lemmes, gebaut 1796. Foto: Peter Karsten

Dreihun­dert Jahre Klaviere aus der Region Braun­schweig

Neben Barthold Fritze und Georg Wilhelm Lemme gab es zahlreiche weitere Klavier­bauer, die in der erwei­terten Region um Braun­schweig aktiv waren. Mit Rücksicht auf die Begren­zung des Umfangs dieses Beitrages muss ich mich auf deren Nennung, Wirkungs­zeit und Adresse beschränken:

1721 – 1765: Barthold Fritze (Marstall 12)

1741 – 1809: Johann Bernhard Katter­feld (Friesen­straße)

1750 – 1766: Georg Wilhelm Lemme

1765 – 1815: Carl Lemme (Bohlweg assec. 2038)

1770 – 1826: Krämer / Gebrüder Krämer (Göttingen)

1795 – heute: Rithmüller und Söhne (Göttingen) bis heute aktiv, jedoch nur Weiter­ver­wen­dung des Marken­na­mens

1799 – 1832: Charles Lemme (Rue d Orleans 7 in Paris)

1835 – heute: Theodor Steinweg (Seesen – Wolfen­büttel – Braum­schweig – Steinway & Sons. New York und Hamburg) die Linie kann insofern als durch­ge­hend angesehen werden, da die Numme­rie­rung der Instru­mente fortlau­fend erfolgte

1837 – 1962: Zeitter & Winkel­mann (ab 1963 zu Seiler in Kitzingen gehörig)

1848 – 1890: Wilhelm Wehage (Breite Str. 9)

1855 – ?: H. Beese & H. Bremer (Wilhelmstr. ass.1511)

1857 – 1893: Günther Wechsung (Fallers­leber Str. 40)

1865 – heute: Th. Steinweg Nachf. / Grotrian, Helffe­rich, Schulz, Th. Steinweg Nachf. / Grotrian-Steinweg (Bohlweg 48 und weitere) mit gemein­samen Wurzeln aus 1835 Theodor Steinweg (siehe oben) – (2015 zu Parsons Music Group, Fortfüh­rung aktuell unsicher)

1882 – 1893: Klusmann & Wenzel (Schöp­pen­stedter Str. 40)

1885 – heute: Schimmel in Leipzig gegründet, ab 1929 in Braum­nschweig (2016 zu Pearl River Piano Group)

1888 – 1891: Carl Dünkel (Friedrich-Wilhelm-Str. 27)

1896 – 1912: Max Noack (Brabantstr. 7)

1902 – 1940: Fritz Ohm (Wilhelmstr. 88)

1904 – 1948: Gustav Lutze (Bohlweg 6–7)

1929 – heute: Schimmel aktuell als einzige aktiv produ­zie­rende Klavier­marke in Braun­schweig

Histo­ri­sche Instru­mente im Konzert

Für alle, die die histo­ri­schen Musik­in­stru­mente gerne in Aktion hören möchten, finden im Laufe des März 2025 verschie­dene Konzerte statt:

16.3.25: Eröff­nungs­kon­zert der Reihe „300 Jahre Hammer­flügel“ im Prinzen­pa­lais Wolfen­büttel (Kultur­in­itia­tive TonArt), Konzert auf origi­nalem Hammer­flügel von Carl Lemme, Braun­schweig 1796.

30.3.25: Konzert „Zwischen­töne“ im Schloss­mu­seum Braun­schweig auf einem origi­nalen Clavichord aus ca. 1750.

23.8.25: Konzert „Hör mal“ in der Orangerie der Herren­häuser Gärten in Hannover auf einem origi­nalen Spinett von Johannes Player London 1690, dem Hammer­flügel von Carl Lemme, Braun­schweig 1796 und einem modernen Konzert­flügel – eine „Zeitreise“.

Peter Karsten sammelt, restau­riert und beforscht histo­ri­sche Musik­in­stru­mente vorzugs­weise regio­naler Herkunft hinsicht­lich ihrer Prove­ni­enzen und techni­schen Entwick­lungen und versucht dabei stets auch eine Einord­nung in den jewei­ligen gesell­schaft­li­chen Kontext.

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