Braun­schweig trauert um einen seiner größten Künstler

Gerd Winner vor seiner „Lokomotive“ im Städtischen Museum Braunschweig im Jahr 2016. Foto: Andreas Greiner-Napp
Gerd Winner vor seiner „Lokomotive“ im Städtischen Museum Braunschweig im Jahr 2016. Foto: Andreas Greiner-Napp

Gerd Winner starb am 8. April im Alter von 89 Jahren an seinem Wohnort in Lieben­burg

Die Darstel­lung von Städten hat eine lange Geschichte in der bildenden Kunst. In dieser Tradition war auch der inter­na­tional anerkannte Maler und Grafiker Gerd Winner verankert. Seine Suiten „Berlin I‑IV“ „London Transport“, „London Docks“, „Roadmarks“ oder „New York Times Square“ machten ihn in der inter­na­tio­nalen Kunst­szene populär. Seine Arbeiten finden sich in so renom­mierten Sammlungen wie des Museums of Modern Art in New York, des Victoria and Albert Museums in London, der Albertina in Wien, der Natio­nal­ga­lerie in Berlin oder der Kunst­halle Hamburg und natürlich auch in Braun­schweig im Städti­schen Museum und im Herzog Anton Ulrich-Museum. Der gebür­tigen Braun­schweiger starb am 8. April im Alter von 89 Jahren an seinem Wohnort in Lieben­burg. Am 24. April wird er in Braun­schweig auf dem Katho­li­schen Friedhof beerdigt.

„In den Bomben­nächten des Zweiten Weltkrieges wurde Braun­schweig, die Stadt meiner Kindheit, zerstört. Die roten Nächte der Feuers­brunst gehören zu den nachhal­tigen Eindrü­cken, die meine Sensi­bi­lität für das Phänomen Stadt begründen“, schil­derte Gerd Winner in dem im Jahr 2006 von der Stadt Braun­schweig heraus­ge­ge­benen Kunstband „Gerd Winner – Urbane Struk­turen Braun­schweig. Berlin. New York“ seine lebens­lange Faszi­na­tion und Ausein­an­der­set­zung mit Stadt­bil­dern und Stadt­räumen.

Inventur eines Künst­ler­le­bens

Seine Arbeiten waren groß, bunt, mächtig und in ihrer Ausfüh­rung speziell. Gerade in den Anfängen zählten seine Werke zum Genre der Pop Art. Überaus beein­dru­ckend war seine Retro­spek­tive anläss­lich seines 80. Geburts­tags im Jahr 2016 im Städti­schen Museum mit 150 Gemälde, Druck­gra­phiken, Zeich­nungen und Skulp­turen aus allen Schaf­fens­pe­ri­oden. Winner selbst nannte die umfas­sendste Präsen­ta­tion seiner Arbeiten „Inventur eines Künst­ler­le­bens“. 131 seiner Werke führt die Homepage des weltbe­kannten Museums Tate Gallery of Modern Art in London (https://www.tate.org.uk/) auf.

„Wie kein anderer Künstler hat er sich so intensiv und ausschließ­lich über weit mehr als dreißig Jahren mit der Stadt ausein­an­der­ge­setzt und gezeigt, dass sie ein unerschöpf­li­ches Reservoir für Bilder ist. Am Anfang Lastwagen, Omnibusse, dann Ansichten von Speichern wie denen der London Docks oder solcher in New York, … und immer wieder das Durch­su­chen der Stadt nach ihren Organi­sa­ti­ons­struk­turen, wie sie sich in ihrer Ausstat­tung mit vielfa­chen Zeichen und Gebrauchs­spuren darstellt“, beschrieb Lothar Romain, damals Präsident der Univer­sität der Bildenden Künste in Berlin, im Jahr 2005 Winners Arbeiten zur Eröffnung einer Ausstel­lung in Osnabrück.

Buchdeckel von „Braunschweig – unsere Stadt“. Foto: der Löwe
Buchde­ckel von „Braun­schweig – unsere Stadt“. Foto: der Löwe

Überblen­dung als Marken­zei­chen

Nach seiner Schulzeit in der Volks­schule Bültenweg und dem Gymnasium Raabe­schule ging er zum Studium nach Berlin an die dortige Hochschule für Bildende Künste (1956 – 1962), später folgten prägende Arbeits­auf­ent­halte in London und New York. 1972 wurde ihm der Deutsche Kriti­ker­preis für Bildende Kunst verliehen. Weitere Preise folgten. Seit 1964 war Winner als freischaf­fender Maler und Grafiker in Berlin tätig. Von 1975 bis 2002 wirkte er als Professor für Malerei und Graphik an der Akademie der Bildenden Künste München. Inter­na­tio­nale Anerken­nung erntete er für seine großen, fotoba­sierten Siebdruck­zy­klen zu Berlin, London und New York. Die Überblen­dung mehrerer Motive wurden Marken­zei­chen Winners. Bereits bei frühen Arbeiten dienten Kamera­auf­nahmen als Basis für seine Werke.

Im Jahr 2003 veröf­fent­lichte die Braun­schweiger Zeitung den Kunstband „Braun­schweig – unsere Stadt“ mit Fotoar­beiten aus Winners Heimat­stadt. Auf Initia­tive von Eckhard Schimpf, damals   stell­ver­tre­tender Chefre­dak­teur, entstand dieses für Braun­schweiger hervor­ra­gende Buch mit Winners beein­dru­ckenden künst­le­ri­schen Darstel­lungen von Dom, Gewand­haus, Schloss Richmond oder Haus Salve Hospes und Schimpfs Texten. Heute ist es nur noch antiqua­risch erhält­lich.

„Haus der Stille“ in Bergen-Belsen

Winner befasste sich auch mit sakraler Kunst und Skulp­turen. Für die Gedenk­stätte des ehema­ligen Konzen­tra­ti­ons­la­gers Bergen-Belsen schuf er gemeinsam mit seiner ersten Frau Ingwemar Reuter, die 1998 an den Folgen eines Autoun­falls starb, das „Haus der Stille“. Weil kein Gebäude des Konzen­tra­ti­ons­la­gers mehr steht, wurde es im Jahr 2000 als Ort der Besinnung einge­weiht. Mit „Jakobs­leiter“ (2005) und „Schwerter zu Pflug­scharen“ (2018) ist Winner mit zwei Plastiken auf dem Skulp­tu­renweg in Salzgitter-Bad im Rahmen der „Europäi­schen Straße des Friedens“ vertreten. Im Jahr 2018 wurde Winners Figura­tion des Heiligen Geistes von der damals noch existie­renden Paramen­ten­werk­statt der von Veltheim-Stiftung in Helmstedt in einen überdi­men­sio­nierten Altar­schmuck verwan­delt. In seinem Bild hatte Winner verschie­dene biblische Textstellen vereint.

Braun­schweig trauert um einen seiner größten Künstler der Nachkriegs­zeit. Gerd Winner war nicht nur ein heraus­ra­gender Künstler, sondern auch ein sympa­thi­scher, beschei­dener, boden­stän­diger und den Menschen überaus freund­lich zugewandter Mann. Er hinter­lässt seine Frau Martina und Sohn Marian. Er wird unver­gessen bleiben.

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