Das klare A hat überlebt

Die beiden Klinterklater-Bücher von Eckhard Schimpf sind nur noch antiquarisch erhältlich. Foto: Der Löwe
Die beiden Klinterklater-Bücher von Eckhard Schimpf sind nur noch antiquarisch erhältlich. Foto: Der Löwe

Der „bruns­wiek­sche“ Dialekt: Das Deutsch im Braun­schwei­gi­schen prägt noch immer eine spezielle Klang­farbe

Ist dies ein Nachruf? Leider. Es geht um den braun­schwei­gi­schen Dialekt. Er stirbt aus. Diese sprach­liche Mischform von Platt und Hochdeutsch – garniert mit kraftvoll-plasti­schen, eigen­stän­digen Wortschöp­fungen – sie verschwindet. Allen­falls die Genera­tion „70 plus“ ist mit typisch braun­schwei­gi­schen Redens­arten noch halbwegs vertraut. Aber auch nur dieje­nigen, die mit Okerwasser getauft wurden. Für die Jüngeren und für die vielen Zugereisten sind Worte wie Lattcher oder verho­n­e­pie­peln, Vigeli­e­nen­strieker oder verbum­fi­deln Relikte einer versun­kenen Zeit.

„Zieh‘ die Gaaken aus“

Bedau­er­lich? Nun, ja: Das ist eine normale Entwick­lung. Sprache ist nun mal lebendig. Sie wandelt sich ständig. Als ich vor mehr als drei Jahrzehnten den „Klinter­k­later“ schrieb, dieses Buch über braun­schwei­gi­sche Ausdrücke und Redens­arten, da war das noch völlig anders. Da konnten viele Braun­schweiger, speziell auch die Bewohner der Dörfer zwischen Helmstedt und Peine, zwischen Heide und Harz noch bruns­wieksch köddern. Sie wussten, was ’ne Ölpersche ist und wie ein Murker sein Geld verdient. Bis in die 1960er- und 1970er-Jahre hinein hörte man in Werkstätten, in kleinen Läden, auf Baustellen und Bauern­höfen noch das echte Braun­schwei­gisch. Wunder­bare Ausdrücke wie puttjehup, mitten­mank und achielen, Döneken, bluste­rich und detsch, Prijammel, Flötje­piepen oder quiemen oder verbum­fie­deln. Ich brauche mich nur an meine Mutter zu erinnern – schon fällt mir wieder was ein. Wenn sie etwa sagte: „Aase nicht so mit der Butter“ (aasen gleich­be­deu­tend mit zu viel). Oder: „Zieh‘ Deine Gaaken aus, ehe Du ins Wohnzimmer kommst.“ Gaaken – die Schuhe. 

Zwei Bände „Klinter­k­later“

1500 Begriffe waren damals (1993 und 1995) in meinen zwei Bänden vom „Klinter­k­later“ aufge­listet. Auch komplette Redens­arten wie „die Uhr geht nach’m Raffturm“ (also sie geht falsch) oder „nun ma nich like flott“ (nicht übermütig werden). Wie sehr die Menschen in den 1990er-Jahren noch mit der Sprache von früher verwoben waren, beweist der Erfolg vom „Klinter­k­later“. Über 70 000 Exemplare sind verkauft worden. Wer hätte das bei einem doch nur regional inter­es­sie­renden Buch erwartet?

Zwar gibt es Braun­schweiger „Urgesteine“ wie Bäcker­meister Karl Milkau oder die Unter­nehmer Richard und Henning Borek, auch Ex-Dompre­diger Joachim Hempel und andere, die noch wissen, was eine Glissecke ist. Oder ein Fittcheprökel. Aber das sind heute Ausnahmen. Wobei es mich freut, dass sich Reste unserer sprach­li­chen Eigenart halten. So behauptet sich der Begriff „Klinter­k­later“ (für die hier geborenen, verwur­zelten Ur-Braun­schweiger) nach wie vor. Auch bei jüngeren Leuten. Es gibt Stamm­ti­sche mit dem Namen „Klinter­k­later“ sowie einen Lions-Club, eine Motorrad-Gruppe und eine SPD-Zeitung. Und wenn sich deutlich Jüngere als ich einer bin – wie etwa der Journa­list Ralph-Herbert (Ralle) Meyer oder der Wolfen­büt­teler Ex-Motor­rad­renn­fahrer „Ente“ Stiddien – am Telefon mit „bis denne“ oder mit „denn man tau“ verab­schieden, dann darf das als Bekenntnis zu dieser Region gelten. Aber verschwunden ist der echte, durch­gängig mit Platt gemixte Dialekt, wie ihn noch mein Mathe­ma­tik­lehrer Otto Sander in den 1950er-Jahren pflegte, wenn er brüllte: „are dick“ (hüte Dich).

Einhei­mi­scher oder nicht?

Aller­dings hält sich nach wie vor eine bestimmte Klang­farbe in unserer Sprache. Das Deutsch in „Oker-Valley“ (so will ich unsere Region längs der Oker mal nennen) prägt nach wie vor ein spezi­eller Sound. In erster Linie das „klare A“. Das schwebt langge­zogen zwischen a und ä. Es enthält aber auch einen Schuss ö. Wenn wir Schüler früher einen Neuling auf Braun­schweig-Zugehö­rig­keit prüfen wollten, ließen wir ihn den Satz aufsagen: „Aufer Fasanen­straße is ‘in Bananen­wagen einem über’n Magen jefahren.“ Nach dieser A‑Prüfung war alles klar. Einhei­mi­scher oder nicht.

Merkwür­di­ger­weise pressen die Braun­schweiger den Doppel­laut „ei“ in ähnlichem Klang durch die Lippe wie „a“. Also ist ein Schwan nicht nur der stolze, weiße Schwimm­vogel auf dem Kreuz­teich, sondern gleicher­maßen das Borsten­vieh. Andere Eigen­heiten halten sich ebenfalls. Das i wird oft zum ü: Kürsche (statt Kirsche), Kürche (Kirche), Bürne (Birne).

Vokale werden vertauscht

Auch sonst werden Vokale vertauscht: Vörzehn (statt vierzehn), ölf Uhr (statt elf), fuffzehn (statt fünfzehn). Außerdem verwan­delt sich das „r“ gern in „ch“: Kachte (statt Karte), Kacht­offel (Kartoffel), Sochte (sorte). Und es gibt noch viele weitere Beispiele. Sprache ist Heimat. Und Heimat ist ein Stück Identität. Deshalb: „Ni nalaten“. Wir sollten zumindest die Reste unserer Sprache bewahren und pflegen. Auch das „klare A“. Das hat doch was. Oder? Wie pflegen doch Münchner, Frank­furter, Hamburger und Berliner ihre sprach­li­chen Eigen­tüm­lich­keiten. Warum nicht auch wir? Minsche, minsche! Typisch braun­schwei­gi­sche Ausdrücke sind doch auch eine Art „akusti­sche Visiten­karte“ von uns. Und ein Stück Authen­ti­zität für das Land Braun­schweig, dass ja über Jahrhun­derte hinweg – das wird leicht vergessen – ein eigen­stän­diges Land (wie Bayern oder Sachsen) gewesen ist, ehe es nach dem Zweiten Weltkrieg in der Neuschöp­fung Nieder­sachsen unterging.

Stimmt: Es ist eine ganze Weile her. Aber war so erfreu­lich, dass ich mich bis heute daran erinnere. Damals war Ulrich Markurth, gebür­tiger Braun­schweiger, noch Oberbür­ger­meister. Beim tradi­ti­ons­rei­chen Eisbein­essen des Techniker-Vereins zog er launig-lustig über die vielen Baustellen in der City her und nannte Braun­schweig eine „Operet­ten­stadt“. Hhmm? Nicht alle Zuhörer wussten, was er damit gemeint hatte. Deshalb lieferte er die Lösung des Rätsels gleich mit. Nach Art der Ur-Braun­schweiger. Und das bedeutet: Überall sind die Straßen „oppe-retten“ oder auch „oopereeten“. Aufge­rissen. Ja! Das ist Braun­schwei­gisch. Das tut echten Klinter­k­la­tern wohl, weil es ein Bekenntnis zu den Merkwür­dig­keiten dieser Stadt ist.

Sonntag „verdöl­mern“

Irgend­wann schrieb Susi Jasper, die BZ-Kolum­nistin, mal über ihre Söhne, die gern den Sonntag auf dem Sofa „verdöl­mern“. Noch so ein Ausdruck. Verdöl­mern und der Dölmer – auch das ist echtes Braun­schwei­gisch. Dölme ist ein Weser-Dorf unweit von Holzminden, das früher zum Herzogtum Braun­schweig gehörte. In den Zeiten, als es weder Auto noch iPhone gab, lag Dölme so weit entfernt von der Residenz Braun­schweig, dass man die Menschen von dort gleich­setzte mit rückständig. Dölmer stand für Trottel. Und dölmern war gleich­zu­setzen mit faulenzen, langweilen, lahm, ein wenig dümmlich.

Wenn jemand als Dölmer bezeichnet wurde, dann hieß das: dörflich, ungeschickt, etwas lahm, antriebslos, langweilig, ein wenig dümmlich. All das stand für Dölmer. Und das Verb dölmern ist auch gleich­zu­setzen mit faulenzen, faul herum­hängen. Nun gibt es unzählige Wörter, die hier zwar ständig im Umlauf waren, aber nicht unbedingt hier entstanden. Wie Bredulje, Fisima­tenten, Etepetete, Lamäng, Mallör oder Schis­la­väng. Aber der Dölmer und das Dölmern sind Begriffe, die mit absoluter Sicher­heit von hier stammen.

In den 1950er-Jahren – öfter habe ich das beschrieben – waren die vielen bunten, humor­vollen Ausdrücke (wie Nußberg-Tiroler, Karino, Galentje, Vigeli­e­nen­strieker oder Tirater (statt Theater) noch allge­gen­wärtig. Und in bestimmten Kreisen sprachen die Älteren gar noch dies Gemisch von Platt und Hochdeutsch. Wir wissen längst: Dieser Dialekt ist weitge­hend verschwunden. Aber das heißt ja für unsere Tiktok- oder Instagram-Genera­tion keines­wegs, all diese oft so plaka­tiven Ausdrücke und Redens­arten völlig zu vergessen. Oder? Zumindest sollte man ab und zu daran erinnern. Zum Beispiel, was Damen einst sagten, wenn sie in ein neues reinsei­denes Kleid schlüpften und sich vor dem Spiegel drehten. Nämlich dies: „Wenn ich maaan Raaan­saaa­denes anhaaabe, dann is maaan ganzer Laaab wie ’ne Glissecke.“ Überset­zung für Zugereiste: Die Glissecke – das ist die Rutsch­bahn, die sich Kinder anlegen und mit Anlauf darüber hinweg schlit­tern.

Noch ein paar Bruns­vi­gen­sien gefällig? Bluste­rich, Bolchen und dunnemals, Flitzepee, flötje­piepen und frickeln, gatschen, hallwege, in dutten und jipperich, Käppel­baum, kattewitt und klaterig, verpo­se­ma­tu­keln, puttje­hupp und Tebe, schwie­melig, stantepee und, und. Wer nun als Neu-Bürger diese Vokabeln nicht versteht, kann ja mal in den alten „Klinterklater“-Büchern nachschlagen.

Zur Person

Eckhard Schimpf (Jahrgang 1938) ist gebür­tiger Braun­schweiger. Er besuchte das Martino-Katha­ri­neum und die Gaußschule. Schimpf absol­vierte sein Volon­ta­riat bei der Braun­schweiger Zeitung und war dort bis 2003 beschäf­tigt. In den letzten 14 Jahren war er Mitglied der Chefre­dak­tion. Heute ist er freier Journa­list und Autor von über 20 Büchern. Der frühere Rennfahrer zählt zudem zu den bekann­testen deutschen Motor­sport­jour­na­listen.

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