Ehrenbürger der Stadt Braunschweig, Folge 8: Heinrich Freiherr von Gagern
Im Jahr 1849 wurde ein Mann mit der Ehrenbürgerwürde geehrt, der nicht unmittelbar mit der Geschichte Braunschweigs verbunden war, dafür jedoch umso mehr mit der Geschichte Deutschlands: Heinrich Wilhelm August Freiherr von Gagern. Er bekleidete während der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848 als ihr erster Präsident eine entscheidende Rolle. Unter der Führung des liberalen Politikers wurden mit dem verabschiedeten „Reichsgesetz betreffend die Grundrechte des deutschen Volkes“ erstmals Menschen- und Bürgerrechte auf deutschem Gebiet festgeschrieben.
Sein Traum eines demokratischen Nationalstaats ging jedoch unter seiner Führung noch nicht in Erfüllung, sondern erst rund zwei Jahrzehnte später. Bis dahin bestand der Deutsche Bund weiter aus Einzelstaaten wie den Königreichen Preußen, Bayern, Hannover und Württemberg oder dem Herzogtum Braunschweig.
Heinrich Wilhelm August Freiherr von Gagern wurde am 20. August 1799 in Bayreuth geboren. Sein Vater Hans Christoph Ernst Freiherr von Gagern war Diplomat, liberaler Politiker und Kunsthistoriker. Seine Mutter Karoline war Hoffräulein in Mannheim und heiratete bereits im Alter von 17 Jahren ihren protestantischen Mann. Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor. Aus Angst vor den französischen Truppen floh die Familie in das preußische Verwaltungsgebiet Ansbach-Bayreuth.
Verwundet bei Waterloo
Von 1812 bis 1814 besuchte Heinrich die Kadettenschule. Als Fünfzehnjähriger nahm er an der Schlacht bei Waterloo teil und wurde am Fuß verwundet. Die Teilnahme an den Befreiungskriegen prägte den jungen Mann nachhaltig. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften in Heidelberg, Göttingen, Jena und Genf. Auch die Begegnung mit Johann Wolfgang von Goethe, der mit der Familie im Austausch stand, beeinflusste seinen weiteren Lebensweg. Zunächst schlug von Gagern eine Beamtenlaufbahn ein. 1832 wurde er Vorsitzender des Finanzausschusses im Darmstädter Landtag und machte sich als Oppositionsführer einen Namen.
1847 wurde er im Großherzogtum Hessen in den Landtag gewählt. Auch dort profilierte er sich rasch als scharfer Kritiker der bestehenden Verhältnisse. Schließlich wandte er sich gegen die Monarchie und forderte deren Abschaffung. Gemeinsam mit anderen Oppositionsführern setzte er sich zugleich dafür ein, Friedrich Wilhelm IV. zum Bundesoberhaupt zu wählen. Als der sogenannte Heckeraufstand Aufständischer in Baden niedergeschlagen wurde, kam sein Bruder Fritz von Gagern, Kommandeur eines badischen Operationskorps, ums Leben.

1848 wurde von Gagern von seinen politischen Weggefährten für die Wahl zum Präsidenten der Nationalversammlung vorgeschlagen. Am 19. Mai 1848 erhielt er 305 von 397 Stimmen und setzte sich damit gegen den Linksliberalen Robert Blum durch. Auch bei den späteren Wahlgängen, die zunächst monatlich zur Bestätigung des Präsidentenamts stattfanden, behauptete er seine Stellung.
Heinrich Freiherr von Gagern, 1848, Gemälde von Eduard von Heuss. Foto: gemeinfrei
Am 28. März 1849 wurde nach zuvor gescheiterten Anläufen die Verfassung des Deutschen Reichs beschlossen. Damit wurden auch die Grundrechte des deutschen Volks festgelegt. Der einflussreichste Politiker der Revolutionszeit wurde am 29. März 1849 zum Ehrenbürger Berlins und am 12. April 1849 zum Ehrenbürger Braunschweigs ernannt – als Anerkennung seiner Verdienste um die Einheit Deutschlands.
An Uneinigkeit gescheitert
Letztlich scheiterte die Nationalversammlung jedoch an innerer Uneinigkeit. Das Ziel, einen vereinten und freiheitlichen deutschen Nationalstaat zu schaffen, wurde verfehlt. Der preußische König war nicht bereit, sich von den Abgeordneten zum Kaiser wählen zu lassen. Zudem führte der Krieg Schleswig-Holsteins gegen Dänemark zu neuen Spannungen. Auch der Krimkrieg löste ab 1854 Kontroversen unter den deutschen Staaten aus. Schließlich kam es 1866 zum Krieg zwischen Preußen und Österreich. Erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurde unter der Führung des preußischen Ministerpräsidenten und späteren ersten Reichskanzlers Otto von Bismarck das Deutsche Reich gegründet.
Von Gagern, inzwischen zum Katholizismus übergetreten, kandidierte später als unabhängiger Bewerber für den Reichstag. Bei mehreren Wahlen in verschiedenen Wahlkreisen scheiterte er jedoch jeweils nur knapp. 1877 erkrankte von Gagern schwer. Er erlebte jedoch noch den von Bismarck verwirklichten Zweibund mit Österreich, den der Reichskanzler früher als „Gagerns Träumereien“ verspottet hatte. Heinrich Wilhelm August Freiherr von Gagern starb am 22. Mai 1880. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof in Darmstadt.






