Exempla­risch für den Wandel der Mobilität

Autobahnkreuz Braunschweig-Süd im Umbau 2022. Foto: Stadt Braunschweig/Daniela Nielsen /Screenshot aus „Von Asse bis Zucker“
Autobahnkreuz Braunschweig-Süd im Umbau 2022. Foto: Stadt Braunschweig/Daniela Nielsen /Screenshot aus „Von Asse bis Zucker“

Aus dem Stadt­ar­chiv, Folge 11: Verkehrs­ge­schichte in der Region Braun­schweig

Die Region Braun­schweig bildet ein besonders geeig­netes Beobach­tungs­feld für die sich verän­dernde Mobilität der vergan­genen 200 Jahre, da sie aufgrund ihrer geogra­fi­schen Lage als Transit­re­gion und ihrer überschau­baren Größe die Entwick­lungen geradezu exempla­risch abbildet. Ihre Geschichte bietet zahlreiche Ansatz­punkte für erhel­lende Einsichten und faszi­nie­rende Entde­ckungen. Die Archive der Region sind voller Materia­lien, die noch gesichtet und einge­ordnet werden müssen.

So alltäg­lich die Bundes­au­to­bahnen A2 oder A39 auch genutzt werden, deren Planungs- und Reali­sie­rungs­ge­schichte muss ebenso noch geschrieben werden wie ihre Unfall- und Stauge­schichte. In welchem Umfang die fortschrei­tende Automo­bi­li­sie­rung auch die Zersied­lung der Landschaft zur Folge hatte, ließe sich am Beispiel des Braun­schweiger Umlandes prüfen.

Wasser­wege und Schienen

Flüsse erleich­terten den Menschen bereits in der Bronze­zeit die Fortbe­we­gung, wie archäo­lo­gi­sche Funde von Einbäumen belegen. Schunter, Oker und Aller dienten vom Mittel­alter bis zur Indus­tria­li­sie­rung dem Holz- und Korntrans­port und wurden wasser­bau­lich optimiert. Im 20. Jahrhun­dert kamen Wasser­straßen wie der Mittel­land­kanal und der Stich­kanal Salzgitter hinzu. Auf ihnen werden Massen­güter wie Kohle und Eisenerz, inzwi­schen aber auch Container trans­por­tiert.

Die Eisenbahn gab dem eisernen Zeitalter der Hochin­dus­tria­li­sie­rung ihren Namen und brachte diese Entwick­lung in das Land Braun­schweig. Nachdem 1838 mit der ersten Staats­ei­sen­bahn eine Schie­nen­ver­bin­dung zwischen Braun­schweig und Wolfen­büttel einge­richtet worden war, beschleu­nigte das rasch wachsende Strecken­netz den Transport von Menschen und Gütern erheblich. Die große Zahl an Zucker­fa­briken wurde erst durch die Vernet­zung der landwirt­schaft­li­chen Anbau­flä­chen mittels Klein­bahnen möglich.

Nach dem Übergang des staat­li­chen Eisen­bahn­we­sens an das Reich wurden Entschei­dungen über Strecken und Schie­nen­fahr­zeuge zwar in der Haupt­stadt getroffen. Ihre Auswir­kungen waren jedoch auch in der Region zu spüren – etwa bei der Still­le­gung von Neben­stre­cken, der Taktung des Verkehrs oder der Vernach­läs­si­gung der Bausub­stanz. Seit den 1950er-Jahren wurde die Eisenbahn durch das Automobil in die Defensive gedrängt. Ihr starkes indus­tri­elles Erbe, zu dem beispiels­weise der Alstom-/Bombar­dier-Standort in Salzgitter und Siemens Mobility in Braun­schweig gehören, könnte im Zuge einer neuer­li­chen Verkehrs­wende jedoch eine Wieder­be­le­bung erfahren.

Der erste Büssing-Omnibus fuhr von 1904 an regelmäßig die Strecke Wendeburg-Braunschweig. Foto: Braunschweigische Landschaft
Der erste Büssing-Omnibus fuhr von 1904 an regel­mäßig die Strecke Wendeburg-Braun­schweig. Foto: Braun­schwei­gi­sche Landschaft

Fahrrad und Automobil

Auch die Geschichte des Fahrrads könnte in diesem Zusam­men­hang eine Renais­sance erleben. Die 1896 in Braun­schweig gegrün­dete Panther Fahrrad­werke AG erarbei­tete sich einen überre­gional guten Ruf. In den 1960er-Jahren drängte das Automobil jedoch andere Fortbe­we­gungs­arten zurück, und das Unter­nehmen ging in Konkurs. Heute treten wieder mehr Menschen in die Pedale, wenn auch zunehmend mit elektri­scher Unter­stüt­zung. Zu Beginn des 20. Jahrhun­derts war das Fahrrad nicht nur vom Fahrtwind, sondern auch vom politi­schen Streit zwischen bürger­li­chen und prole­ta­ri­schen Radfah­rern umweht, die jeweils eigene Fahrrad­clubs und Treff­punkte unter­hielten. Seit den 1980er-Jahren entwi­ckelte sich das muskel­be­trie­bene Zweirad zum bevor­zugten Verkehrs­mittel vieler Umwelt­be­wusster. Angesichts der hohen Verkaufs­zahlen von E‑Bikes und Pedelecs könnte sich das Fahrrad in der Gegenwart aller­dings selbst zu einem nicht unerheb­li­chen Energie­ver­brau­cher entwi­ckeln.

Der große Aufsteiger des 20. Jahrhun­derts war das Kraft­fahr­zeug. Ob Nutzfahr­zeug oder Perso­nen­wagen: Das Unter­nehmen Büssing erlangte in der Region heraus­ra­gende techni­sche und wirtschaft­liche Bedeutung. Mit dem Braun­schweiger Löwen als Marken­zei­chen bewegten Büssing-Nutzfahr­zeuge schwere Lasten, während die Nieder­flur­busse des Unter­neh­mens Menschen trans­por­tierten. Über viele Jahrzehnte prägte Büssing die Braun­schweiger Wirtschaft und war zugleich Schau­platz heftiger sozialer Konflikte.

Die Mühlenbau und Industrie AG (MIAG) produ­zierte während des Zweiten Weltkriegs unter anderem Panzer. In den 1950er-Jahren verlor Büssing an Innova­tions- und Wirtschafts­kraft und ging schließ­lich im MAN-Konzern auf. Derweil entwi­ckelte sich der Spätstarter Volks­wagen zum neuen Zentrum der regio­nalen Automo­bil­in­dus­trie. Im Natio­nal­so­zia­lismus gegründet, stiegen sowohl der Wagen als auch das Unter­nehmen zu Symbolen des Wirtschafts­wun­ders auf.

Mit Fabriken in Wolfsburg und Braun­schweig sowie seit 1970 auch in Salzgitter bildet der zum Weltkon­zern heran­ge­wach­sene Fahrzeug­her­steller das automo­bile Kraft­zen­trum der Region. Zahlreiche Betriebe, Ingenieur­dienst­leister und Wissen­schafts­ein­rich­tungen arbeiten dem Konzern zu. Die Region hatte bislang Benzin im Blut und bewegte die Massen. Ob künftig vor allem batte­rie­be­trie­bene Elektro­fahr­zeuge die Straßen bevölkern und weiterhin für hohe Einkommen sorgen werden, lässt sich nur schwer vorher­sagen.

Eine Heinkel HE 111 der Lufthansa war eine der ersten Verkehrsmaschinen, die auf dem Flughafen Waggum landete. Foto: Archiv Flughafen Braunschweig-Wolfsburg / Screenshot aus „Fliegen und Forschen“
Eine Heinkel HE 111 der Lufthansa war eine der ersten Verkehrs­ma­schinen, die auf dem Flughafen Waggum landete. Foto: Archiv Flughafen Braun­schweig-Wolfsburg / Screen­shot aus „Fliegen und Forschen“

Luftfahrt in Braun­schweig

Wer einmal in „Klein-Tempelhof“, dem Waggumer Flugplatz, war, weiß um die Bedeutung des Flugplatz­ge­ländes sowie der dort ansäs­sigen Insti­tu­tionen und Unter­nehmen. Der Flugplatz gehörte zu den frühen Stationen der Lufthansa, wurde während des Zweiten Weltkriegs militä­risch genutzt und behei­matet heute unter anderem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Außerdem starten hier Verkehrs­flug­zeuge. Dass Braun­schweig während des Zweiten Weltkriegs mit dem Nieder­säch­si­schen Motoren­werk in Querum sowie den Unter­nehmen MIAG, Luther und Grotrian ein Zentrum des Flugzeug­baus war, hat sich dagegen nicht nachhaltig im öffent­li­chen Bewusst­sein verankert.

Prof. Dr. Manfred Grieger ist Histo­riker und Lehrbe­auf­tragter an der Georg-August-Univer­sität Göttingen. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Funda­mente Braun­schwei­gi­scher Regio­nal­ge­schichte“. Heraus­ge­geben von der Braun­schwei­gi­schen Landschaft.

Mit dieser Reihe in Koope­ra­tion mit dem Stadt­ar­chiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braun­schweigs im Jahr 2031 vorbe­reiten. Anlass dafür ist die Ersterwäh­nung der Stadt in der Weihe­ur­kunde der Magni­kirche von 1031.

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