Das neue Aldi-Gebäude passt sich in keiner Weise der bestehenden Bebauung an
Nein, das alte Gebäude, indem sich das Aldi-Geschäft an der Kastanienallee befand, war nicht wirklich schön, aber es passte als Bau der späten 1970er Jahre irgendwie in die Umgebung. Rote Klinker, große Glasfronten und schwarze Dachziegel – das störte nicht neben dem zierlichen Fachwerkhaus links und dem großen Wohnhaus aus der Gründerzeit rechts. Doch jetzt hat der Discounter nach dem Abriss an gleicher Stelle einen grau-silberglänzenden Industriebau gestellt, der besser auf ein Gewerbegebiet neben einer Autobahn gepasst hätte als an eine der schönsten Straßen Braunschweigs.
Kein harmonisches Gesamtbild
Dabei regelt das Baugesetzbuch (BauGB) gemeinhin die Anpassung von Gebäuden an die Umgebung, insbesondere über den für den Außenbereich geltenden Paragrafen 34. In Niedersachsen legt die Niedersächsische Bauordnung (NBauO) sogar ergänzende konkrete Details für Abstände und Verfahren fest. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Gebot, dass sich neue Bauten in Art und Maß in die bestehende Bebauung einfügen müssen, um ein harmonisches Gesamtbild zu gewährleisten, ohne die Umgebungsprägung zu beeinträchtigen.
Nicht nur für Bauhistoriker Elmar Arnhold ist das Aldi-Gebäude aber kritikwürdig. „Die Architektur solcher Verbrauchermärkte ist ein grundsätzliches Problem. In diesem Fall spreche ich von reiner Wegwerfarchitektur, die an dieser Stelle einfach fehl am Platz ist“, sagt er. Auf der Internetseite www.braunschweiger-baukultur.de hat sich Arnhold im Auftrag der Richard Borek Stiftung als Experte intensiv mit Neubauprojekten in der Braunschweiger Innenstadt beschäftigt und sie in Kategorien „problematisch“ und „positiv“ bewertet.

Stadtheimatpfleger enttäuscht
Kritik gibt es gleichfalls vom Stadtheimatpfleger Thorsten Wendt. „Der Grundsatz, dass sich ein Neubau in das bestehende Stadtbild einfügen muss, ist hier definitiv nicht beherzigt worden. Die Genehmigung ist nicht nachvollziehbar und fragwürdig. Das Gebäude ist an dieser Stelle unpassend“, meint er. Der Stadtteilheimatpfleger für das Östliche Ringgebiet, Wolfgang Horn, ist an dem Genehmigungsprozess ebenfalls nicht beteiligt gewesen und wurde nicht gehört.
Die Kastanienallee hatte im Zweiten Weltkrieg nur geringe Schäden erlitten. Nur etwa 20 Prozent der Häuser waren betroffen, während in der Innenstadt 90 Prozent der Gebäude zerstört worden waren. Bis heute hat sich die Kastanienallee so ihren besonderen Charme mit ihren Gründerzeitbauten und den nachgepflanzten Kastanien bewahren können. Während der Nachkriegszeit waren die ursprünglich dort gepflanzten Bäume abgeholzt und von den Menschen zum Heizen benutzt worden. Insbesondere zur Kastanienblüte im Mai und Juni ist die Straße vom Prinzenpark bis zum Altewiekring, ganz im Gegensatz zum Aldi-Markt, heute längst wieder eine wahre Augenweide.
Bis 1850 nur ein Feldweg
Erst 1869 wurde die Kastanienallee erstmals im Braunschweiger Adressbuch erwähnt. Zuvor war sie seit etwa 1850 ein Feldweg Richtung Riddagshausen. Im Zuge der Industrialisierung wurde das Ölstliche Ringgebiet nach Plänen des Stadtbaurats Ludwig Winter entwickelt, und die Kastanienallee gewann an Bedeutung, die sie bis heute genießt.
Der Aldi-Markt an der Kastanienallee war länger als ein Jahr geschlossen. Die modernisierte Filiale wurde Anfang Dezember wieder eröffnet. Die Verkaufsfläche wuchs von bislang 581 auf 943 Quadratmeter. Im Bestandsgebäude sei die Modernisierung, die die Menschen im Östlichen Ringgebiet erfreut, nicht umsetzbar gewesen, hieß es bei Aldi. Eine ansprechendere und dem Standort an der Kastanienallee angemessene Architektur wäre dagegen sehr wohl möglich gewesen.



