Wegwer­far­chi­tektur an der Kasta­ni­en­allee

Die Architektur des modernisierten Aldi-Markts an der Kastanienallee stößt auf Kritik. Foto: der Löwe
Die Architektur des modernisierten Aldi-Markts an der Kastanienallee stößt auf Kritik. Foto: der Löwe

Das neue Aldi-Gebäude passt sich in keiner Weise der bestehenden Bebauung an

Nein, das alte Gebäude, indem sich das Aldi-Geschäft an der Kasta­ni­en­allee befand, war nicht wirklich schön, aber es passte als Bau der späten 1970er Jahre irgendwie in die Umgebung. Rote Klinker, große Glasfronten und schwarze Dachziegel – das störte nicht neben dem zierli­chen Fachwerk­haus links und dem großen Wohnhaus aus der Gründer­zeit rechts. Doch jetzt hat der Discounter nach dem Abriss an gleicher Stelle einen grau-silber­glän­zenden Indus­triebau gestellt, der besser auf ein Gewer­be­ge­biet neben einer Autobahn gepasst hätte als an eine der schönsten Straßen Braun­schweigs.

Kein harmo­ni­sches Gesamt­bild

Dabei regelt das Bauge­setz­buch (BauGB) gemeinhin die Anpassung von Gebäuden an die Umgebung, insbe­son­dere über den für den Außen­be­reich geltenden Paragrafen 34. In Nieder­sachsen legt die Nieder­säch­si­sche Bauord­nung (NBauO) sogar ergän­zende konkrete Details für Abstände und Verfahren fest. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Gebot, dass sich neue Bauten in Art und Maß in die bestehende Bebauung einfügen müssen, um ein harmo­ni­sches Gesamt­bild zu gewähr­leisten, ohne die Umgebungs­prä­gung zu beein­träch­tigen.

Nicht nur für Bauhis­to­riker Elmar Arnhold ist das Aldi-Gebäude aber kritik­würdig. „Die Archi­tektur solcher Verbrau­cher­märkte ist ein grund­sätz­li­ches Problem. In diesem Fall spreche ich von reiner Wegwer­far­chi­tektur, die an dieser Stelle einfach fehl am Platz ist“, sagt er. Auf der Inter­net­seite www.braunschweiger-baukultur.de hat sich Arnhold im Auftrag der Richard Borek Stiftung als Experte intensiv mit Neubau­pro­jekten in der Braun­schweiger Innen­stadt beschäf­tigt und sie in Katego­rien „proble­ma­tisch“ und „positiv“ bewertet.

Blick in die Kastanienallee stadteinwärts während der Blüte. Foto: der Löwe / Andreas Greiner-Napp
Blick in die Kasta­ni­en­allee stadt­ein­wärts während der Blüte. Foto: der Löwe / Andreas Greiner-Napp

Stadt­hei­mat­pfleger enttäuscht

Kritik gibt es gleich­falls vom Stadt­hei­mat­pfleger Thorsten Wendt. „Der Grundsatz, dass sich ein Neubau in das bestehende Stadtbild einfügen muss, ist hier definitiv nicht beherzigt worden. Die Geneh­mi­gung ist nicht nachvoll­ziehbar und fragwürdig. Das Gebäude ist an dieser Stelle unpassend“, meint er. Der Stadt­teil­hei­mat­pfleger für das Östliche Ringge­biet, Wolfgang Horn, ist an dem Geneh­mi­gungs­pro­zess ebenfalls nicht beteiligt gewesen und wurde nicht gehört.

Die Kasta­ni­en­allee hatte im Zweiten Weltkrieg nur geringe Schäden erlitten. Nur etwa 20 Prozent der Häuser waren betroffen, während in der Innen­stadt 90 Prozent der Gebäude zerstört worden waren. Bis heute hat sich die Kasta­ni­en­allee so ihren beson­deren Charme mit ihren Gründer­zeit­bauten und den nachge­pflanzten Kastanien bewahren können. Während der Nachkriegs­zeit waren die ursprüng­lich dort gepflanzten Bäume abgeholzt und von den Menschen zum Heizen benutzt worden. Insbe­son­dere zur Kasta­ni­en­blüte im Mai und Juni ist die Straße vom Prinzen­park bis zum Altewie­kring, ganz im Gegensatz zum Aldi-Markt, heute längst wieder eine wahre Augen­weide.

Bis 1850 nur ein Feldweg

Erst 1869 wurde die Kasta­ni­en­allee erstmals im Braun­schweiger Adress­buch erwähnt. Zuvor war sie seit etwa 1850 ein Feldweg Richtung Riddags­hausen. Im Zuge der Indus­tria­li­sie­rung wurde das Ölstliche Ringge­biet nach Plänen des Stadt­bau­rats Ludwig Winter entwi­ckelt, und die Kasta­ni­en­allee gewann an Bedeutung, die sie bis heute genießt.

Der Aldi-Markt an der Kasta­ni­en­allee war länger als ein Jahr geschlossen. Die moder­ni­sierte Filiale wurde Anfang Dezember wieder eröffnet. Die Verkaufs­fläche wuchs von bislang 581 auf 943 Quadrat­meter. Im Bestands­ge­bäude sei die Moder­ni­sie­rung, die die Menschen im Östlichen Ringge­biet erfreut, nicht umsetzbar gewesen, hieß es bei Aldi. Eine anspre­chen­dere und dem Standort an der Kasta­ni­en­allee angemes­sene Archi­tektur wäre dagegen sehr wohl möglich gewesen.

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