Aus dem Stadtarchiv, Folge 6: Arbeiter kamen seit dem 16. Jahrhundert zu uns
„Migration gehört zur Geschichte Europas, Deutschlands, Niedersachsens und des Braunschweiger Landes”, so Heike Pöppelmann die Direktorin des Braunschweigischen Landesmuseums. Ganz zweifellos. Aber ist das Braunschweiger Land stärker oder anders durch Migrationen geprägt worden als andere Gegenden?
Ein Dialog:
A: Was verstehen wir unter Migration? Einfach Reisende sicher nicht. Menschen müssen doch ihren Wohnsitz verändern, in Folge von Flucht, Vertreibung oder aus wirtschaftlichen Gründen.
B: Und sicher geht es eher um Gruppen als um Einzelpersonen. Das Institut für Migrationsforschung der Universität Osnabrück nennt als Migrationsbewegungen: Arbeits- und Siedlungswanderungen, Nomadismus, Bildungs- und Ausbildungswanderungen, Menschenhandel, Flucht, Vertreibung oder Deportation. Den Blick bestimmt sehr die Gegenwart, aber alle diese Migrationsformen hat es auch in der Vergangenheit gegeben.
A: Das Braunschweiger Land ist sicher ein Transitland: Große Straßen verbinden Ost und West. Deshalb auch wurde hier die innerdeutsche Grenze, die den Transit weitgehend unterband, so spürbar und nachhaltig wirksam.
B: Können wir sagen, ob unsere Gegend mehr durch Einwanderung oder durch Auswanderung geprägt war? Gab es spezifische Gründe und Anlässe? Sind während der spätmittelalterlichen Agrardepression hier besonders viele Orte verlassen worden? Mir fällt der Landtagsabschied von 1435 ein: Fürst und Stände geben einige leibherrliche Rechte auf, um eine stärkere Abwanderung der Landbevölkerung zu verhindern.
A: In Notzeiten können wir eine starke Binnenmigration registrieren. Das gilt etwa für die erste Phase des Dreißigjährigen Krieges, ohne dass diese Bewegungen wirklich zu quantifizieren wären. Was mich auch interessierte: Was bewirkten Religionsveränderungen? Kam es nach der Reformation zu einem Katholikenexodus?
B: Da ging es bestimmt nur um eine sehr kleine Zahl und eine Elite: die Mönche. Eine agrarische Ständegesellschaft befördert nicht die Mobilität.
A: Aber vergessen wir nicht das Fahrende Volk: die Vaganten, Landstreicher, Bettler. Wir wissen wenig über ihre Zahl und die Auswirkungen der Reformation und der Territorialisierung darauf. Es werden zwar immer neue Edikte erlassen und Regelungen getroffen. Aber was sagt das über quantitative Veränderungen aus? Zu den Glaubensflüchtlingen gehören in unserer Region die Pfälzer, die sich zum Beispiel 1749/50 in Veltenhof niederließen.
B: Wichtig war zu allen Zeiten die Arbeitsmigration. Das betraf zunächst Fachkräfte: Bergleute, die im 16. Jahrhundert aus dem Erzgebirge zuzogen. Diese Linie lässt sich verlängern über den Ausbau des Helmstedter Braunkohlebergbaus bis zur Gründung zweier neuer Städte im 20. Jahrhundert: Salzgitters und Wolfsburgs.
A: Im 19. und 20. Jahrhundert müssen wir im Zuge der Industrialisierung mit ganz anderen Bevölkerungsströmen rechnen als zuvor. Außerdem wird die Auswanderung nach Übersee ein bedeutendes Phänomen. Also Emigration aus wirtschaftlichen Gründen. Das Land Braunschweig bildete jedoch im Vergleich keinen Schwerpunkt der Amerika-Auswanderung.
B: Regional konnte sich das anders darstellen, zum Beispiel im Westharz, etwa Wolfshagen oder im Weserdistrikt. Ein schillerndes Mosaiksteinchen ist die Gründung der Kolonie Blumenau in Brasilien, die den Namen eines Braunschweigers trägt. Orte wie New Brunswick haben hingegen mit unserer Region wenig zu tun.
A: Umwälzungen einer neuen Dimension haben unsere Vorfahren im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts erlebt. Zunächst wurden in Folge des Kriegs Tausende von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter hierher verschleppt, die jüdische Bevölkerung hingegen ins Exil getrieben oder deportiert. Dann kamen die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, 600.000 wurden allein im Durchgangslager in Mariental registriert; sie veränderten das soziale, ökonomische und übrigens auch konfessionelle Gefüge unserer Städte und Dörfer ganz entscheidend.
B: Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung setzte die Migration von Arbeitskräften aus dem Mittelmeerraum ein, es entstand ein Sog, der weiter anhält. Über die Italiener/innen in Wolfsburg ist viel geschrieben worden. Eigentlich scheint es mir aber nicht so, als wenn das Braunschweiger Land im größeren Vergleich eine ungewöhnliche Migrationsgeschichte hätte.
A: Migrationsgeschichte wird ja meistens auf der Grundlage von Statistiken geschrieben. Da versinken Schicksale in Zahlen. Wir müssen uns jedoch klar machen, dass auch Dimensionen der Erfahrungsgeschichte auszuloten sind. Und da ist jedes Schicksal einzigartig.

Archivquellen
Die Obrigkeiten, so ergeben Recherchen im Niedersächsischen Landesarchiv (NLA) in Wolfenbüttel, reagierten auf Migrantinnen und Migranten in der Frühen Neuzeit entweder mit Polizei- oder mit Fürsorgemaßnahmen. Der Abwehr diente z. B. das Setzen von „Zigeunerpfählen” durch die Grenzbehörden (1710–1711), protestantische Glaubensflüchtlinge wurden von der Fürstlichen Kammer versorgt und geleitet, Almosen spendeten die Kirchen. Einen Sonderfall bildete ab 1745 die Ansiedlung von Pfälzer Lutheranern in Veltenhof.
Auswanderungswelle nach Amerika
Die großen Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika, aber auch zum Beispiel nach Brasilien setzten voraus, dass die Auswanderer aus dem hiesigen Untertanenverband entlassen wurden, was wegen eventueller Schuldforderungen öffentlich bekannt gemacht werden musste. Im Landesarchiv ist ein Nachweissystem erarbeitet worden, das mehr als 18.000 Namen registriert.
Flucht und Vertreibungen im 20. Jahrhundert beschäftigten Politik und Verwaltung in ungleich stärkerer Weise. Das galt für die Vertreibung, Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerungsteile, für die es wenig unmittelbare Zeugnisse gibt. Einiges lässt sich aus den Ermittlungen wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen erschließen (NLA/Staatsanwaltschaft Braunschweig). Anderes geben die Entschädigungsverfahren preis (NLA/Bezirksregierung Braunschweig, Wiedergutmachung). Das galt auf andere Art für die Versorgung und Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten. Dabei hatte das Durchgangslager in Mariental eine besondere Funktion: In Mariental mussten ungefähr 600.000 Menschen, die 1946–1947 gewaltsam aus Schlesien verdrängt wurden, erfasst und weiterverteilt werden.

Flucht und Vertreibung
Die Entschädigungen für die Verluste, die die Vertriebenen an landwirtschaftlichem, Grund- und Betriebsvermögen erlitten hatten, dokumentieren die Akten der Ausgleichsämter (Stadtarchiv und NLA). Eine zentrale Dokumentation bietet das Lastenausgleichsarchiv, eine Abteilung des Bundesarchivs, in Bayreuth.
Flüchtlinge aus der sowjetisch besetzten Zone, später der DDR, erhielten von den Landkreisverwaltungen Flüchtlingsausweise, die ihnen die Eingliederung erleichterten. Häftlinge, die die Bundesregierung aus DDR-Gefängnissen freikaufte, bekamen eigene Unterstützungen (NLA/Häftlingshilfeakten der Bezirksregierung Braunschweig).
Unterlagen in Aufnahmelagern
Für die Einwanderung aus anderen Staaten haben die Einbürgerungsakten höchste Bedeutung. Bis 2005 fiel die Einbürgerung in die Zuständigkeit der Bezirksregierung Braunschweig, seitdem sind die Kommunen dafür verantwortlich (NLA). Weitere relevante Bestände bilden die Unterlagen der Aufnahmelager und die Asylverfahren, die vor dem Verwaltungsgericht Braunschweig geführt werden (NLA).
Dr. Brage Bei der Wieden leitet das Niedersächsische Landesarchiv Abteilung Wolfenbüttel. Birgit Hoffmann ist Landeskirchenarchivrätin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Fundamente Braunschweigischer Regionalgeschichte“. Herausgegeben von der Braunschweigischen Landschaft.
Mit dieser Reihe in Kooperation mit dem Stadtarchiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braunschweigs im Jahr 2031 vorbereiten. Anlass dafür ist die Ersterwähnung der Stadt in der Weiheurkunde der Magnikirche von 1031.





