Im Fokus standen nicht die Gründerväter der Vereinigten Staaten, sondern John Brown und sein Kampf gegen die Sklaverei
Anlässlich des Jubiläums zum 100-jährigen Bestehen der Unabhängigkeitserklärung der USA (1776–1876) erschien im Braunschweiger Verlag W. Bracke eine historische Festschrift zur ersten Säkularfeier der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Anstatt die Gründerväter zu feiern, widmete sich der Autor Adolf Prowe der Symbolfigur John Brown. Brown war wegen seines bewaffneten Kampfs gegen die Sklaverei in die Geschichte eingegangen. Dazu verfasste Prof. Dr. h. c. Gerd Biegel, Gründungsdirektor des Braunschweigischen Instituts für Regionalgeschichte an der TU Braunschweig, einen Beitrag, den wir in leicht gekürzter Version veröffentlichen:
Briefwechsel mit Marx und Engels
Im Sommersemester 2026 behandele ich in meinem TU-Seminar den Briefwechsel eines Braunschweigers mit Friedrich Engels und Karl Marx in England. Dabei fand ich in einem Brief an Friedrich Engels vom 30. Mai 1876 folgende Notiz: „Die Schrift von Prowe über John Brown ist ein äußerst originelles Ding. Prowe hat eine merkwürdige Manier der Darstellung. Er selbst ist Republikaner und Atheist und spricht dies aus; aber zuweilen redet er von Browns Gottesgläubigkeit in einer Weise, die mich fast bedenklich gemacht und doch mindestens zu einer Änderung einiger Stellen veranlasst hat.“
Diese Nachricht elektrisierte mich und ich forschte weiter. Der genaue Titel des Bandes lautet „John Osawatomie Brown der Negerheiland. Festschrift zur Ersten Säkularfeier der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika“. Der aktuelle Bezug zum 4. Juli sowie der 250-Jahrfeier der USA 2026 machte mich zusätzlich neugierig und ließ mich mit den Studierenden weiterforschen.

Wer war der Braunschweiger mit dem langjährigen Briefwechsel über den Kanal nach England, und wie kam er in seiner zusätzlichen Aufgabe als Verleger ausgerechnet zur Übernahme einer Festschrift zur Ersten Säkularfeier der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika im Jahr 1876 in Braunschweig? Es war dies Wilhelm Bracke, der am 29. Mai 1842 in Braunschweig geborene Sohn des Müllermeisters Andreas Bracke.
Wichtiger Akteur der Sozialdemokratie
Am 6. September 1865, den die Braunschweiger Sozialdemokratie mit Recht als Gründungstag ihrer Partei betrachtet, veranstaltete Bracke eine erste sozialistische Volksversammlung, von deren 600 Teilnehmern sich vierzig der neuen Bewegung anschlossen. Sehr bald war er Mitglied im Bundesvorstand des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und sollte schließlich nach 1867 enger Begleiter von Karl Marx und dessen deutscher Fraktion Marx werden. 1869 begegnete er Karl Marx in Hannover persönlich, was für seinen weiteren Lebensweg entscheidend wurde. Stets in engem Gedankenaustausch mit Karl Marx in London wurde Bracke einer der wichtigsten Sprecher der sozialdemokratischen Arbeiterschaft.
Dieser Briefwechsel und die enge Verbindung zwischen Marx, Engels und Bracke sind allgemein weniger bekannt, obwohl neben Bebel und Liebknecht der Braunschweiger Bracke einer der bedeutendsten Führer der jungen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war. In seinem Braunschweiger SPD-Verlag hatte er fast ausschließlich wichtige und kostengünstige Werke für die Arbeiterschaft veröffentlicht.
Wie aber kam es zur Festschrift von 1876, die wohl kaum zum sozialistischen Programm des Verlags zählte? Die Begründung des Verlegers liest sich fast kurios: „Ich habe das Buch übernommen, weil es dem Verlage in neuen Kreisen Eingang verschaffen kann und weil Prowe Schuldirektor ist, der sich dann schließlich auch als Sozialist entpuppt.“

Brown wurde zum Märtyrer
Seit 1834 hatte Brown den Kampf gegen die Sklaverei aufgenommen. Gemäß einer Aussage in der Bibel „Ohne dass Blut ausgegossen wird, geschieht keine Vergebung“ (Hebräerbrief 9,22), sah sich Brown genötigt, die Sklaven zu bewaffnen, um für einen Aufstand eine reale Möglichkeit zu schaffen. Dazu hatte er mit einer motivierten Sympathisantengruppe das Waffenarsenal in Harpers Ferry/Virginia überfallen. Mit dem Überfall am 16. Oktober 1859 in Harpers Ferry machte Brown sich zum Märtyrer.
Der Überfall scheiterte und Brown wurde er am 2. Dezember 1859 wegen Sklavenaufstand und Hochverrat in Charles Town (Virginia) gehängt. Er, der in der Sprache der Zeit von seinen Anhängern als „Negerheiland“ (auch aus Glaubensgründen) gefeiert und verehrt wurde, hatte dennoch und gerade im Kontext seiner Hinrichtung auf die Problematik des neuen Verfassungsstaates hingewiesen, selbst wenn ihn die Mehrheit der Südstaatler als Mörder beschimpften: Man kann nicht in der Verfassung die Gleichheit der Menschen ehren und im eigenen Land Sklaven halten.






