Geschichte(n) von nebenan, Folge 6: Braunschweigs erste Klavierbaumanufaktur ist heute weitgehend unbekannt.
Braunschweig ist nicht nur Stadt der Wissenschaft, sondern auch Stadt der Musik. Das ehemalige Opernhaus am Hagenmarkt war 1690 das dritte für die Allgemeinheit zugängliche Opernhaus Deutschlands. Komponist Louis Spohr nutze im Jahr 1820 als erster einen hölzernen Taktstock. Braunschweig besitzt dazu noch heute die älteste Geigenbauwerkstatt Deutschlands an der Schöppenstedter Straße. Und auch der Klavierbau war in Braunschweig stolz beheimatet. Die älteste in Braunschweig gegründete Klavierbaumanufaktur war allerdings nicht Schimmel und auch nicht Grotrian-Steinweg sondern Zeitter & Winkelmann.
Christian Theodor Winkelmann (1812 – 1875) gründete 1837 seine bescheidene Klavierbaufirma. Am Wollmarkt 3 produzierte er anfangs mit wenigen Mitarbeitern Tafelklaviere. Heute existiert das Unternehmen nicht mehr und ist fast vollends in Vergessenheit geraten. Es wurde 1963 an die Klavierbaufirma Seiler verkauft, die bis heute in Kitzingen/Bayern Qualitätsklaviere fertigt. Das ehemalige Fabrikgebäude am Neustadtring steht aber bis heute und ist an dieser Stelle unverändert stadtbildprägend und markant. Dort war viele Jahre bis 2002 der Sanitär-Großhändler Eisenvater beheimatet.

Gedeihliche Zusammenarbeit
Der in Braunschweig ansässige Klaviervirtuose und Musikverleger Henry Litolff hatte 1851 den Kontakt zwischen Winkelmann und dem Wiener Klavierfabrikanten Friedrich Zeitter hergestellt. Daraus ergab sich eine überaus gedeihliche Zusammenarbeit, die zur erstaunlichen Expansion des Betriebs führen sollte. Zeitter, der zuvor in London und Wien wichtige Erfahrungen gesammelt hatte, trat als Teilhaber in die Firma ein.
In der Folgezeit stieg die Produktion der nun Zeitter & Winkelmann heißenden Firma auf 60 bis 80 Instrumente jährlich. Zudem wurden beim Bau der Pianinos Neuerungen wie die Kreuzung der Saiten und die Verwendung eines Eisenrahmens eingeführt. 1860 wurde das Unternehmen zum Herzoglichen Hof-Pianofortefabrikanten ernannt.
Weil die Produktion stetig stieg, baute Otto Winkelmann sen., Sohn des Firmengründers, 1888 ein neues Fabrikgebäude an der Ecke Hildesheimer Straße/Roßstraße (heute Ecke Neustadtring/Ernst-Amme-Straße). In der Blütezeit fanden dort mehrere hundert Arbeiter Beschäftigung. Seine Söhne Otto jun. und Rudolf ließen 1902 die heute noch erhaltene Villa in der Roßstraße, heute Ernst-Amme-Straße, errichten und erweiterten das Firmenareal 1924 noch einmal. In dem Jahr wurde dort das 30.000 Klavier produziert.

Schwierige Zeiten
Dennoch musste Zeitter & Winkelmann mit mehreren Klavierbaufirmen (darunter auch die seit 1929 ebenfalls in Braunschweig ansässige Firma Schimmel) angesichts der Weltwirtschaftskrise die „Deutsche Pianowerke AG“ gründen. In den 1930er Jahren wurde der Zusammenschluss aber wieder aufgehoben. Zeitter & Winkelmann behielt dadurch seine Eigenständigkeit.
Die alte Roßstraße begann in der heutigen Ernst-Amme-Straße, führte weiter über die Julius-Konegen-Straße und den Friedlandweg und setzte sich fort über die heutige Saarbrückener Straße in Richtung Pawelsches Holz. Dort besaß die Familie Winkelmann eine Villa für Urlaub und Wochenenden. In der Chronik des ehemaligen Stadtteilheimatpflegers Hans-Dietrich Schultz heißt es, dass im dortigen großen Garten nach dem Zweiten Weltkrieg ein kleines Café bestand. Auch die ehemalige Villa der Familie Winkelmann hat längst einen neuen Eigentümer gefunden.
Die Produktionsstätte am Neustadtring wurde im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstört. Rudolf Winkelmann, der Urenkel des Firmengründers, baute das Werk an der Leipziger Straße allerdings wieder auf, ehe er 1963 verkaufte.

Sabrina Brandes ist Stadtteilheimatpflegerin Lehndorf/Kanzlerfeld.



