Zeitter & Winkel­mann vor Schimmel und Grotrian-Steinweg 

Zeitter & Winkelmann-Werbung, 1891. Foto: Stadtarchiv
Zeitter & Winkelmann-Werbung, 1891. Foto: Stadtarchiv

Geschichte(n) von nebenan, Folge 6: Braun­schweigs erste Klavier­bau­ma­nu­faktur ist heute weitge­hend unbekannt. 

Braun­schweig ist nicht nur Stadt der Wissen­schaft, sondern auch Stadt der Musik. Das ehemalige Opernhaus am Hagen­markt war 1690 das dritte für die Allge­mein­heit zugäng­liche Opernhaus Deutsch­lands. Komponist Louis Spohr nutze im Jahr 1820 als erster einen hölzernen Taktstock. Braun­schweig besitzt dazu noch heute die älteste Geigen­bau­werk­statt Deutsch­lands an der Schöp­pen­stedter Straße. Und auch der Klavierbau war in Braun­schweig stolz behei­matet. Die älteste in Braun­schweig gegrün­dete Klavier­bau­ma­nu­faktur war aller­dings nicht Schimmel und auch nicht Grotrian-Steinweg sondern Zeitter & Winkel­mann. 

Christian Theodor Winkel­mann (1812 – 1875) gründete 1837 seine beschei­dene Klavier­bau­firma. Am Wollmarkt 3 produ­zierte er anfangs mit wenigen Mitar­bei­tern Tafel­kla­viere. Heute existiert das Unter­nehmen nicht mehr und ist fast vollends in Verges­sen­heit geraten. Es wurde 1963 an die Klavier­bau­firma Seiler verkauft, die bis heute in Kitzingen/Bayern Quali­tät­s­kla­viere fertigt. Das ehemalige Fabrik­ge­bäude am Neustadt­ring steht aber bis heute und ist an dieser Stelle unver­än­dert stadt­bild­prä­gend und markant. Dort war viele Jahre bis 2002 der Sanitär-Großhändler Eisen­vater behei­matet.  

Schild am Gebäude Neustadtring 7. Foto: Sabrina Brandes
Schild am Gebäude Neustadt­ring 7. Foto: Sabrina Brandes

Gedeih­liche Zusam­men­ar­beit 

Der in Braun­schweig ansässige Klavier­vir­tuose und Musik­ver­leger Henry Litolff hatte 1851 den Kontakt zwischen Winkel­mann und dem Wiener Klavier­fa­bri­kanten Friedrich Zeitter herge­stellt. Daraus ergab sich eine überaus gedeih­liche Zusam­men­ar­beit, die zur erstaun­li­chen Expansion des Betriebs führen sollte. Zeitter, der zuvor in London und Wien wichtige Erfah­rungen gesammelt hatte, trat als Teilhaber in die Firma ein.  

In der Folgezeit stieg die Produk­tion der nun Zeitter & Winkel­mann heißenden Firma auf 60 bis 80 Instru­mente jährlich. Zudem wurden beim Bau der Pianinos Neuerungen wie die Kreuzung der Saiten und die Verwen­dung eines Eisen­rah­mens einge­führt. 1860 wurde das Unter­nehmen zum Herzog­li­chen Hof-Piano­for­te­fa­bri­kanten ernannt. 

Weil die Produk­tion stetig stieg, baute Otto Winkel­mann sen., Sohn des Firmen­grün­ders, 1888 ein neues Fabrik­ge­bäude an der Ecke Hildes­heimer Straße/Roßstraße (heute Ecke Neustadt­rin­g/Ernst-Amme-Straße). In der Blütezeit fanden dort mehrere hundert Arbeiter Beschäf­ti­gung. Seine Söhne Otto jun. und Rudolf ließen 1902 die heute noch erhaltene Villa in der Roßstraße, heute Ernst-Amme-Straße, errichten und erwei­terten das Firmen­areal 1924 noch einmal. In dem Jahr wurde dort das 30.000 Klavier produ­ziert. 

Die ehemalige Produktionsstädte am Neustadtring. Foto: Sabrina Brandes
Die ehemalige Produk­ti­ons­städte am Neustadt­ring. Foto: Sabrina Brandes

Schwie­rige Zeiten 

Dennoch musste Zeitter & Winkel­mann mit mehreren Klavier­bau­firmen (darunter auch die seit 1929 ebenfalls in Braun­schweig ansässige Firma Schimmel) angesichts der Weltwirt­schafts­krise die „Deutsche Piano­werke AG“ gründen. In den 1930er Jahren wurde der Zusam­men­schluss aber wieder aufge­hoben. Zeitter & Winkel­mann behielt dadurch seine Eigen­stän­dig­keit. 

Die alte Roßstraße begann in der heutigen Ernst-Amme-Straße, führte weiter über die Julius-Konegen-Straße und den Fried­landweg und setzte sich fort über die heutige Saarbrü­ckener Straße in Richtung Pawel­sches Holz. Dort besaß die Familie Winkel­mann eine Villa für Urlaub und Wochen­enden. In der Chronik des ehema­ligen Stadt­teil­hei­mat­pfle­gers Hans-Dietrich Schultz heißt es, dass im dortigen großen Garten nach dem Zweiten Weltkrieg ein kleines Café bestand. Auch die ehemalige Villa der Familie Winkel­mann hat längst einen neuen Eigen­tümer gefunden. 

Die Produk­ti­ons­stätte am Neustadt­ring wurde im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstört. Rudolf Winkel­mann, der Urenkel des Firmen­grün­ders, baute das Werk an der Leipziger Straße aller­dings wieder auf, ehe er 1963 verkaufte. 

Zeitter & Winkelmann-Werbung, 1924. Foto: Stadtarchiv
Zeitter & Winkel­mann-Werbung, 1924. Foto: Stadt­ar­chiv

Sabrina Brandes ist Stadt­teil­hei­mat­pfle­gerin Lehndorf/Kanzlerfeld. 

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