Sie machten Braun­schweig zum Zentrum der Moderne

Otto Ralfs mit einem Aquarell von Emil Nolde. Foto: Braunschweiger Presse, 18.2.1954, Fotograf unbekannt
Otto Ralfs mit einem Aquarell von Emil Nolde. Foto: Braunschweiger Presse, 18.2.1954, Fotograf unbekannt

Gilbert Holzgangs Buch „Otto Ralfs, Käte Ralfs, Junge Kunst. Avant­gar­de­för­de­rung in der Provinz.“ ist im Michael Imhof Verlag erschienen

Nach mehreren Theater­pro­duk­tionen und der Biografie „Galka Scheyer. Ein Leben für Kunst und Kreati­vität.“ hat sich Gilbert Holzgang, Autor und Regisseur des Theaters Zeitraum, dem Braun­schweiger Ehepaar Otto (1892–1955) und Käte (1898–1995) Ralfs gewidmet. Sie waren engagierte Förderer der Avant­garde und ließen Braun­schweig zu einem auch inter­na­tional viel beach­teten Zentrum der Moderne avancieren. Nach langer Arbeit ist Holzgangs reich­haltig illus­trierte Doppel­bio­grafie „Otto Ralfs, Käte Ralfs, Junge Kunst. Avant­gar­de­för­de­rung in der Provinz.“ jetzt im Michael Imhof Verlag erschienen. Es ist eine gelungene Hommage an die beiden Mäzene, aber auch ein überaus inter­es­santes und kompetent geschrie­benes Stück Braun­schweiger Geschichte.

Käte und Otto Ralfs circa 1926 auf Wangerooge. Foto: Fotograf unbekannt
Käte und Otto Ralfs circa 1926 auf Wanger­ooge. Foto: Fotograf unbekannt

Tonband­auf­zeich­nung von Käte Ralfs

„Erstmals bin ich auf das Ehepaar Ralfs durch das Buch ‚100 Jahre Bürgertum in Braun­schweig‘ des Histo­ri­kers Ernst-August Roloff aufmerksam geworden. Ihre Geschichte hat mich von Beginn an gefesselt. Ernst-August Roloff schenkte mir später auch eine Tonband­auf­zeich­nung eines Inter­views mit Käte Ralfs, das er geführt hatte. Auch Auszüge davon finden sich im Buch“, erzählt Gilbert Holzgang. Bereits 2006 insze­nierte er das dokumen­ta­ri­sche Theater­stück „Das Ralfs-Projekt. Braun­schweigs Umgang mit moderner Kunst 1920–1950“. Es wurde im Herzog Anton Ulrich-Museum, im Städti­schen Museum und im LOT-Theater aufge­führt. Die Doppel­bio­grafie greift nun auch die Zeit danach auf.

Wegen der Ausstel­lungen, die das Ehepaar zwischen 1925 und 1933 im Braun­schweiger Schloss organi­sierte, kamen Maler wie Lyonel Feininger (1871–1956), Alexej von Jawlensky (1864–1941), Wassily Kandinsky (1866–1944) und Paul Klee (1879–1940) nach Braun­schweig, die als „Blaue Vier“ weltweit reüssierten. Viele ihrer Ausstel­lungen gingen von Braun­schweig aus in Metro­polen des In- und Auslands. Die Stadt wurde zum Zentrum der Moderne.

Käte Ralfs mit dem Gästebuch Otto Ralfs. Braunschweiger Presse, 25.10.1968, Fotograf unbekannt
Käte Ralfs mit dem Gästebuch Otto Ralfs. Braun­schweiger Presse, 25.10.1968, Fotograf unbekannt

Otto Ralfs war seiner Zeit voraus

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten die Ralfs in ihrer Privat­ga­lerie Werke von Ida Kerkovius oder Willi Baumeister und Fritz Winter aus. „Otto Ralfs war sicher ein etwas kauziger und wortkarger Typ, aber er war in der Beurtei­lung der Kunst seiner Zeit voraus. Er bewun­derte vor allem Kandinsky, weil der mit allem Herkömm­li­chen brach“, charak­te­ri­siert Gilbert Holzgang den 1955 bei einem Verkehrs­un­fall umgekom­menen Ralfs.

Gezeigt wird in dem Buch, mit welch großem Idealismus Otto und Käte Ralfs als Kunst­mä­zene wirkten und mit welchen Wider­ständen von Seiten der Politik und der Presse sie zu kämpfen hatten, als sie die Avant­garde von Braun­schweig aus förderten. Erzählt wird ferner, was aus ihrer Kunst­samm­lung geworden ist. In kurzen Zwischen­texten erläutert Gilbert Holzgang die jewei­ligen Lebens­um­stände, das politi­sche und wirtschaft­liche Geschehen im 20. Jahrhun­dert mit Erstem und Zweitem Weltkrieg, Weimarer Republik und Natio­nal­so­zia­lismus, Zerstö­rung und Wieder­aufbau.

Gästebuch Käte Ralfs Ostern mit Profilzeichnung Lufft von Otto Ralfs. Foto: Holzgang
Gästebuch Käte Ralfs Ostern mit Profil­zeich­nung Lufft von Otto Ralfs. Foto: Holzgang

Schrift­stücke als Basis

Die Grundlage des Buches liefern Briefe von Otto und Käte Ralfs, Briefe von Künst­le­rinnen und Künstlern, Otto Ralfs Tagebü­cher aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und aus der Gefan­gen­schaft, Einla­dungen zu den Ausstel­lungen, Bilder­listen, Gäste­bü­cher und mehr. Darüber hinaus sind über die Ausstel­lungen, die Otto und Käte Ralfs mit ihrer „Gesell­schaft der Freunde junger Kunst“ im Braun­schweiger Schloss und in ihrer Privat­ga­lerie organi­sierten, zahlreiche Berichte in Tages­zei­tungen erschienen.

Diese Berichte werden zitiert und zusam­men­ge­fasst, spiegeln sie doch auf eklatante Weise, welch altmo­di­sche, wider­sprüch­liche Ansichten die Kultur­jour­na­listen vertraten und welcher Meinung sie auf einmal waren, wenn es politisch opportun wurde. Breiten Raum nimmt dabei die Diskus­sion über das Bauhaus in Weimar und Dessau ein. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Politik gegen die „entartete Kunst“ wird ebenso erläutert wie die Debatte über die herauf­kom­mende ungegen­ständ­liche Malerei.

Bucheinband
Buchein­band

Keine Chance auf Rückkehr nach Braun­schweig

Otto Ralfs war jahrelang Eigen­tümer der weltweit größten Sammlung von Paul Klee-Zeich­nungen – sie kamen ihm in Polen abhanden. „Später tauchten einige davon bei Auktionen auf. Aber Käte Ralfs‘ Versuche, ihre Eigen­tums­rechte geltend zu machen, schei­terten“, berichtet Gilbert Holzgang im Gespräch mit dem „Löwen“. Die vielen Werke von Kandinsky, die Ralfs besaß, verbrannten am 15. Oktober 1944 in Braun­schweig. Einige Arbeiten, die er trotz dieser Schick­sals­schläge ansam­melte, sind im vorlie­genden Buch abgebildet. Es ist unter anderem mit Unter­stüt­zung der Richard Borek Stiftung entstanden.

Info:

Großformat, Hardcover, 320 Seiten, 220 Abbil­dungen, Register von 650 Personen

Michael Imhof Verlag, Peters­berg

ISBN 978–3‑7319–1604‑8

Euro 39,95

Kontakt:

www.theater-zeitraum.de

www.galka-scheyer.de

E‑Mail: info@galka-scheyer.de

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