Der Flughafen in Waggum besteht seit 90 Jahren

Das Gebäude des Flughafens Braunschweig-Wolfsburg im heutigen Zustand. Foto: der Löwe
Das Gebäude des Flughafens Braunschweig-Wolfsburg im heutigen Zustand. Foto: der Löwe

Erst Verkehrs­flug­hafen, dann Militär­flug­hafen und heute einer der bedeu­tendsten Forschungs­flug­häfen Europas.

Weil das NS-Regime den bishe­rigen Flughafen in Broitzem ausschließ­lich noch militä­risch nutzen wollte, wurde in Waggum vor 90 Jahren ein neuer Verkehrs­flug­hafen gebaut. Am 18. Mai 1936 landete dort das erste Flugzeug. Heute firmiert der Flughafen Braun­schweig-Wolfsburg unter dem Zusatz „Forschungs­flug­hafen“. Die Verlän­ge­rung der Startbahn auf 2.300 Meter im Jahr 2012 bildete die Grundlage für die heraus­ra­gende Entwick­lung zu einem der innova­tivsten Wirtschafts- und Wissen­schafts­zen­tren Europas für Mobili­täts­for­schung. In den mehr als 40 Unter­nehmen und Forschungs­ein­rich­tungen im Umfeld sind etwa 3.700 Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beiter beschäf­tigt.

Schild am Nebeneingang. Foto: der Löwe
Schild am Neben­ein­gang. Foto: der Löwe

Rund um den Verkehrs­flug­hafen haben Bund, Land, Forschungs­ein­rich­tungen, Unter­nehmen und die Stadt Braun­schweig mittler­weile mehr als 300 Millionen Euro inves­tiert, um eine Infra­struktur zu schaffen, die europa­weit einzig­artig ist. Nirgendwo sind Forschungs­flug­zeuge, Windka­näle, Simula­toren und Prüfstände in so großer Zahl und von so hoher Qualität versam­melt wie in Braun­schweig. Weitere Bedeutung gewann der Standort im vergan­genen Jahr durch das einge­rich­tete Drohnen-Testfeld.

In den 1970er Jahren wurde der Flughafen vor allem von Sportfliegern und Fallschirmspringern genutzt. Foto: Archiv Flughafen Braunschweig-Wolfsburg / Screenshot aus „Fliegen und Forschen“
In den 1970er Jahren wurde der Flughafen vor allem von Sport­flie­gern und Fallschirm­sprin­gern genutzt. Foto: Archiv Flughafen Braun­schweig-Wolfsburg / Screen­shot aus „Fliegen und Forschen“

Mitten durch den Querumer Forst

Vor 90 Jahren war noch nicht absehbar, welche Bedeutung der Flughafen Waggum einmal erlangen würde. Da der neue Verkehrs­flug­hafen zu Braun­schweig gehören sollte, durfte er nicht außerhalb der Stadt­grenzen liegen. Die benötigten Flächen von insgesamt 81 Hektar wurden deshalb am 1. Oktober 1936 von der Gemeinde Waggum in das Stadt­ge­biet von Braun­schweig einge­glie­dert. Gleich­zeitig wurde die Zubrin­ger­straße gebaut, die zwei Kilometer durch den Querumer Forst führte. Heute ist sie für den Autover­kehr gesperrt.

Der Flugver­kehr nahm schnell zu. An manchen Tagen flogen 100 Maschinen Waggum an, darunter viele Schulungs­flüge. Bei Bienrode hatten die Luther­werke eine Halle mit direkter Rollbahn vom Werks- auf das Flugha­fen­ge­lände gebaut. Dort wurden die Heinkel-He-46-Aufklärer einge­flogen, die im Luther-Werk an der Frank­furter Straße gebaut worden waren. Ein Jahr später errich­tete die MIAG dort ein Werk, in dem Schul­flug­zeuge des Typs Focke-Wulf Fw 58 in Lizenz gebaut wurden.

1987 war eine Ju52 zu Gast. Foto: Archiv Flughafen Braunschweig-Wolfsburg / Screenshot aus „Fliegen und Forschen“
1987 war eine Ju52 zu Gast. Foto: Archiv Flughafen Braun­schweig-Wolfsburg / Screen­shot aus „Fliegen und Forschen“

Lufthansa-Linie nach Berlin

Schon Anfang 1937 wurde der Flughafen Waggum an das Luftfahrt­netz der Deutschen Lufthansa angeschlossen. Der Flug Braunschweig–Berlin dauerte 50 Minuten. Mit der „Linie 112“ waren von Braun­schweig aus über Berlin Auslands­flüge nach Oslo, Kopen­hagen, Helsing­fors, Stockholm, Moskau, Wien, Budapest, Belgrad, Sofia, Saloniki, Athen oder Rom möglich. Bereits Ende Mai 1937 reagierte die Lufthansa auf die starke Nachfrage und setzte mit der zehnsit­zigen Ju 86 eine größere Maschine ein. Die Deutsche Post schaltete Anzeigen in Tages­zei­tungen, um für Luftpost zu werben. Im europäi­schen und außer­eu­ro­päi­schen Verkehr ließen sich dadurch Zeitge­winne von bis zu mehreren Wochen erzielen.

Eine Heinkel HE 111 der Lufthansa war eine der ersten Verkehrsmaschinen, die auf dem Flughafen Waggum landete. Foto: Archiv Flughafen Braunschweig-Wolfsburg / Screenshot aus „Fliegen und Forschen“
Eine Heinkel HE 111 der Lufthansa war eine der ersten Verkehrs­ma­schinen, die auf dem Flughafen Waggum landete. Foto: Archiv Flughafen Braun­schweig-Wolfsburg / Screen­shot aus „Fliegen und Forschen“

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Flughafen unter anderem für die Segelflug- und Fallschirm­jä­ger­aus­bil­dung, zur Statio­nie­rung von Luftwaf­fen­ein­heiten sowie für militä­ri­sche Werkstätten genutzt, während die zivile Luftfahrt zunehmend in den Hinter­grund trat. Durch gezielte Bomben­an­griffe der Alliierten wurde der Flughafen schwer beschä­digt. Noch heute sind im Querumer Forst Bomben­trichter zu entdecken.

Landwirt­schaft­liche Nutzung

Einen Teil des Geländes gab die Besat­zungs­macht 1945 zur landwirt­schaft­li­chen Nutzung durch die Bevöl­ke­rung frei. Die Fliegerei war für Deutsche tabu. Erst im April 1951 erlaubten die Alliierten, den Flughafen wieder für den Modell‑, Segel- und Ballon­sport zu nutzen. 1955 folgte die Geneh­mi­gung für deutsche Piloten, auch wieder motor­ge­trie­bene Maschinen in Waggum starten und landen zu dürfen.

Die Terrassen am Flugfeld wurden schnell zu einem Anziehungspunkt für Braunschweigerinnen und Braunschweiger. Foto: Archiv Flughafen Braunschweig-Wolfsburg / Screenshot aus „Fliegen und Forschen“
Die Terrassen am Flugfeld wurden schnell zu einem Anzie­hungs­punkt für Braun­schwei­ge­rinnen und Braun­schweiger. Foto: Archiv Flughafen Braun­schweig-Wolfsburg / Screen­shot aus „Fliegen und Forschen“

1967 wurde auf dem Rollfeld erstmals eine 1.200 Meter lange Asphalt-Startbahn gebaut. Bis dahin starteten und landeten die Flugzeuge auf einer Grasbahn. Der Zorn der Bienroder richtete sich gegen die Verlän­ge­rung der Bahn um 60 Meter nach Westen. Die umstrit­tene Verlän­ge­rungs­fläche gehörte jedoch der Flugha­fen­ge­sell­schaft. Später erfolgte eine weitere Erwei­te­rung auf 1.680 Meter.

Auch gegen eine weitere Verlän­ge­rung der Startbahn gab es über rund vier Jahrzehnte Wider­stand, der in Gerichts­ver­fahren gipfelte, jedoch letztlich erfolglos blieb. Das Oberver­wal­tungs­ge­richt bewertete das öffent­liche Interesse am Ausbau höher als den Natur­schutz. Für die gefällten Bäume wurde andern­orts entspre­chend aufge­forstet.

1956 landete der erste Zeppelin auf dem Flughafen. Foto: Archiv Flughafen Braunschweig-Wolfsburg / Screenshot aus „Fliegen und Forschen“
1956 landete der erste Zeppelin auf dem Flughafen. Foto: Archiv Flughafen Braun­schweig-Wolfsburg / Screen­shot aus „Fliegen und Forschen“

Zwei Kernar­gu­mente

Es gab zwei Kernar­gu­mente für den Ausbau: Für den bishe­rigen Anflug­winkel aus Osten war eine Ausnah­me­ge­neh­mi­gung erfor­der­lich, weil der Anflug aufgrund hoher Bäume im östlichen Bereich norma­ler­weise zu steil war. Mit der Verlän­ge­rung und der Hinder­nis­frei­heit nach Osten kann der Flughafen nun im regulären Anflug­winkel erreicht werden und erfüllt die EU-Richt­li­nien für Verkehrs­flug­häfen. Außerdem benötigte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt für sein Forschungs­flug­zeug ATRA eine längere Bahn, um am Standort Braun­schweig planmäßig Hochauf­triebs­for­schung zur Entwick­lung treib­stoff­ef­fi­zi­enter Techno­lo­gien betreiben zu können.

Eine englische Maschine war das erste viermotorige Flugzeug, das nach dem Krieg in Waggum landete. Foto: Archiv Flughafen Braunschweig-Wolfsburg / Screenshot aus „Fliegen und Forschen“
Eine englische Maschine war das erste viermo­to­rige Flugzeug, das nach dem Krieg in Waggum landete. Foto: Archiv Flughafen Braun­schweig-Wolfsburg / Screen­shot aus „Fliegen und Forschen“

Unter dem Strich bleibt festzu­halten, dass die Verlän­ge­rung der Startbahn vor allem der Stand­ort­si­che­rung diente und damit die positive Entwick­lung durch die Ansied­lung hochka­rä­tiger Institute und Firmen mit vielen hochqua­li­fi­zierten Arbeits­plätzen und entspre­chender Steuer­kraft ermög­lichte. Nach 90 Jahren bleibt als Fazit: Der Flughafen ist eine Erfolgs­ge­schichte.

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