Zwischen Gefäng­nis­mauern und Zukunfts­vi­sionen

Blick in den nördlichen Zellentrakt, 2024. Foto: Stadt Braunschweig, Stadtbild und Denkmalpflege
Blick in den nördlichen Zellentrakt, 2024. Foto: Stadt Braunschweig, Stadtbild und Denkmalpflege

Die ehemalige Justiz­voll­zugs­an­stalt Rennel­berg steht als Denkmal im Wandel

Mit dem Festival Theater­formen wird ein Ort zugäng­lich, der über Jahrzehnte für die Öffent­lich­keit verschlossen geblieben war. Vom 18. bis 28. Juni öffnet die ehemalige Justiz­voll­zugs­an­stalt Rennel­berg erstmals ihre Tore für Besuche­rinnen und Besucher. Das ehemalige Gefängnis wird zu einem kultu­rellen Zentrum mit Theater, Konzerten, Kino und Diskus­sionen. Inter­na­tio­nale Künst­le­rinnen und Künstler treffen auf einen Ort, der zuvor in seiner Geschichte von Ausgren­zung und Isolation geprägt war.

1884/1885 erbaut

Die temporäre kultu­relle Nutzung lenkt zugleich den Blick auf die denkmal­ge­schützte Anlage, deren histo­ri­sche und städte­bau­liche Bedeutung weit über ihre frühere Funktion als Haftan­stalt hinaus­geht. Im Nieder­säch­si­schen Denkmal­atlas wird die ehemalige Justiz­voll­zugs­an­stalt als einheit­liche Gesamt­an­lage beschrieben. Zum Ensemble gehören die funktional und nüchtern gestal­teten Backstein­ge­bäude aus den Jahren 1884/85, darunter das Verwal­tungs- und Zellen­ge­bäude, die Kapelle, ein Waschhaus, die Umfas­sungs­mauern sowie ein außerhalb der Gefäng­nis­mauern gelegenes Beamten­wohn­haus.

Blick in die ehemalige Justizvollzugsanstalt Rennelberg. Foto: Theaterformen/Anton Vichrov
Blick in die ehemalige Justiz­voll­zugs­an­stalt Rennel­berg. Foto: Theaterformen/Anton Vichrov

Errichtet wurde die Anlage zeitgleich mit der Entwick­lung der Celler Straße auf einem geschichts­träch­tigen Gelände. Auf dem sogenannten Rennel­berg befand sich zuvor das seit dem 13. Jahrhun­dert bestehende Kreuz­kloster mit seinen Garten­an­lagen. Die neue Haftan­stalt entstand, weil die bishe­rigen Gefäng­nis­ein­rich­tungen in Braun­schweig den steigenden Sicher­heits­an­for­de­rungen des späten 19. Jahrhun­derts nicht mehr genügten. Archi­tek­to­nisch folgt der Gebäu­de­kom­plex der damals verbrei­teten Indus­trie­ar­chi­tektur in Backstein­bau­weise. Aus denkmal­pfle­ge­ri­scher Sicht besitzt die Anlage eine hohe Bedeutung als Zeugnis der Bau‑, Kunst‑, Sozial- und Stadt­ge­schichte.

Dunkle Vergan­gen­heit

Ursprüng­lich als Kreis- und Unter­su­chungs­ge­fängnis errichtet, diente die Anstalt während der Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus auch als Haftort für politi­sche Gegner, die in sogenannte Schutz­haft genommen wurden. Die durch­schnitt­liche Belegung lag mit rund 344 Männern und 50 Frauen deutlich über der eigent­li­chen Kapazität. Das Gefängnis fungierte vielfach als Zwischen­sta­tion auf dem Weg in Konzen­tra­ti­ons­lager oder Hinrich­tungs­stätten. Noch heute erinnern sogenannte Todes­zellen an diese Zeit. Angesichts dieser Vergan­gen­heit wird seit Jahren disku­tiert, wie die Erinne­rung an die Opfer dauerhaft gesichert werden kann. Die Stadt Braun­schweig setzt sich dafür ein, mindes­tens drei histo­ri­sche Zellen origi­nal­ge­treu zu erhalten.

Giebel des Haupteingangs. Foto: Stadt Braunschweig, Stadtbild und Denkmalpflege
Giebel des Haupt­ein­gangs. Foto: Stadt Braun­schweig, Stadtbild und Denkmal­pflege

Seit 2024 Leerstand

Auch nach dem Ende des Natio­nal­so­zia­lismus blieb die Anstalt ein wichtiger Bestand­teil des nieder­säch­si­schen Straf­voll­zugs. Im Haupt­ge­bäude befanden sich ursprüng­lich Verwal­tung, Frauen­ge­fängnis sowie getrennte Bereiche für Straf- und Unter­su­chungs­ge­fan­gene. Zuletzt diente die Einrich­tung dem Vollzug der Unter­su­chungs­haft für männliche Gefangene. Insgesamt standen 143 Haftplätze zur Verfügung. Im Mai 2024 wurde der Standort aufge­geben und geräumt. Damit endete nach rund 140 Jahren die Nutzung als Gefängnis.

Das Nieder­säch­si­sche Landesamt für Bau und Liegen­schaften hat das rund 13.400 Quadrat­meter große Areal zum Verkauf ausge­schrieben. Der Start­preis liegt bei 3,6 Millionen Euro. Kaufin­ter­es­senten mussten bis Ende April neben einem Gebot auch tragfä­hige Nachnut­zungs­kon­zepte vorlegen. Das Land prüft gegen­wärtig die Angebote. Entschieden ist noch nichts.

Nachnut­zung offen

Der Denkmal­schutz setzt aller­dings den Rahmen für die zukünf­tige Entwick­lung. Die histo­ri­schen Haupt­ge­bäude stehen nahezu vollständig unter Schutz und sollen erhalten werden. Denkbar sind Nutzungen für Gastro­nomie, Kultur, Kreativ­wirt­schaft, Klein­ge­werbe oder Beher­ber­gungs­be­triebe wie Hotels und Hostels. Auch Wohnnut­zungen sind grund­sätz­lich möglich. Ergänzend könnten auf freien Flächen Neubauten entstehen, die sich jedoch gestal­te­risch zurück­hal­tend in das histo­ri­sche Ensemble einfügen müssen. Selbst die markante Gefäng­nis­mauer darf nur teilweise zurück­ge­baut werden und soll als prägendes Element des Ortes weiterhin erkennbar bleiben.

Historische Tür im Zellentrakt. Foto: Stadt Braunschweig, Stadtbild und Denkmalpflege
Histo­ri­sche Tür im Zellen­trakt. Foto: Stadt Braun­schweig, Stadtbild und Denkmal­pflege

Parallel dazu arbeitet die Stadt Braun­schweig an langfris­tigen Entwick­lungs­zielen für das Umfeld. Studie­rende der Techni­schen Univer­sität Braun­schweig haben bereits verschie­dene Zukunfts­sze­na­rien entworfen. Die prämierten Konzepte reichen von einem offenen Kreativ­campus über grüne Parkland­schaften bis hin zu einem klein­tei­ligen Stadt­quar­tier, das den denkmal­ge­schützten Bestand in den Mittel­punkt stellt.

Die ehemalige JVA Rennel­berg steht damit beispiel­haft für eine Heraus­for­de­rung, die viele histo­ri­sche Orte heute beschäf­tigt: Wie lassen sich Erinne­rung, Denkmal­schutz und zeitge­mäße Nutzung mitein­ander verbinden? Das Festival Theater­formen gibt darauf bereits eine erste Antwort. Für wenige Tage wird aus einem Ort des Einschlusses ein Ort der Begegnung – und vielleicht ein Vorge­schmack auf die Zukunft eines bedeu­tenden denkmal­ge­schützten Ensembles in Braun­schweigs.

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