Die ehemalige Justizvollzugsanstalt Rennelberg steht als Denkmal im Wandel
Mit dem Festival Theaterformen wird ein Ort zugänglich, der über Jahrzehnte für die Öffentlichkeit verschlossen geblieben war. Vom 18. bis 28. Juni öffnet die ehemalige Justizvollzugsanstalt Rennelberg erstmals ihre Tore für Besucherinnen und Besucher. Das ehemalige Gefängnis wird zu einem kulturellen Zentrum mit Theater, Konzerten, Kino und Diskussionen. Internationale Künstlerinnen und Künstler treffen auf einen Ort, der zuvor in seiner Geschichte von Ausgrenzung und Isolation geprägt war.
1884/1885 erbaut
Die temporäre kulturelle Nutzung lenkt zugleich den Blick auf die denkmalgeschützte Anlage, deren historische und städtebauliche Bedeutung weit über ihre frühere Funktion als Haftanstalt hinausgeht. Im Niedersächsischen Denkmalatlas wird die ehemalige Justizvollzugsanstalt als einheitliche Gesamtanlage beschrieben. Zum Ensemble gehören die funktional und nüchtern gestalteten Backsteingebäude aus den Jahren 1884/85, darunter das Verwaltungs- und Zellengebäude, die Kapelle, ein Waschhaus, die Umfassungsmauern sowie ein außerhalb der Gefängnismauern gelegenes Beamtenwohnhaus.

Errichtet wurde die Anlage zeitgleich mit der Entwicklung der Celler Straße auf einem geschichtsträchtigen Gelände. Auf dem sogenannten Rennelberg befand sich zuvor das seit dem 13. Jahrhundert bestehende Kreuzkloster mit seinen Gartenanlagen. Die neue Haftanstalt entstand, weil die bisherigen Gefängniseinrichtungen in Braunschweig den steigenden Sicherheitsanforderungen des späten 19. Jahrhunderts nicht mehr genügten. Architektonisch folgt der Gebäudekomplex der damals verbreiteten Industriearchitektur in Backsteinbauweise. Aus denkmalpflegerischer Sicht besitzt die Anlage eine hohe Bedeutung als Zeugnis der Bau‑, Kunst‑, Sozial- und Stadtgeschichte.
Dunkle Vergangenheit
Ursprünglich als Kreis- und Untersuchungsgefängnis errichtet, diente die Anstalt während der Zeit des Nationalsozialismus auch als Haftort für politische Gegner, die in sogenannte Schutzhaft genommen wurden. Die durchschnittliche Belegung lag mit rund 344 Männern und 50 Frauen deutlich über der eigentlichen Kapazität. Das Gefängnis fungierte vielfach als Zwischenstation auf dem Weg in Konzentrationslager oder Hinrichtungsstätten. Noch heute erinnern sogenannte Todeszellen an diese Zeit. Angesichts dieser Vergangenheit wird seit Jahren diskutiert, wie die Erinnerung an die Opfer dauerhaft gesichert werden kann. Die Stadt Braunschweig setzt sich dafür ein, mindestens drei historische Zellen originalgetreu zu erhalten.

Seit 2024 Leerstand
Auch nach dem Ende des Nationalsozialismus blieb die Anstalt ein wichtiger Bestandteil des niedersächsischen Strafvollzugs. Im Hauptgebäude befanden sich ursprünglich Verwaltung, Frauengefängnis sowie getrennte Bereiche für Straf- und Untersuchungsgefangene. Zuletzt diente die Einrichtung dem Vollzug der Untersuchungshaft für männliche Gefangene. Insgesamt standen 143 Haftplätze zur Verfügung. Im Mai 2024 wurde der Standort aufgegeben und geräumt. Damit endete nach rund 140 Jahren die Nutzung als Gefängnis.
Das Niedersächsische Landesamt für Bau und Liegenschaften hat das rund 13.400 Quadratmeter große Areal zum Verkauf ausgeschrieben. Der Startpreis liegt bei 3,6 Millionen Euro. Kaufinteressenten mussten bis Ende April neben einem Gebot auch tragfähige Nachnutzungskonzepte vorlegen. Das Land prüft gegenwärtig die Angebote. Entschieden ist noch nichts.
Nachnutzung offen
Der Denkmalschutz setzt allerdings den Rahmen für die zukünftige Entwicklung. Die historischen Hauptgebäude stehen nahezu vollständig unter Schutz und sollen erhalten werden. Denkbar sind Nutzungen für Gastronomie, Kultur, Kreativwirtschaft, Kleingewerbe oder Beherbergungsbetriebe wie Hotels und Hostels. Auch Wohnnutzungen sind grundsätzlich möglich. Ergänzend könnten auf freien Flächen Neubauten entstehen, die sich jedoch gestalterisch zurückhaltend in das historische Ensemble einfügen müssen. Selbst die markante Gefängnismauer darf nur teilweise zurückgebaut werden und soll als prägendes Element des Ortes weiterhin erkennbar bleiben.

Parallel dazu arbeitet die Stadt Braunschweig an langfristigen Entwicklungszielen für das Umfeld. Studierende der Technischen Universität Braunschweig haben bereits verschiedene Zukunftsszenarien entworfen. Die prämierten Konzepte reichen von einem offenen Kreativcampus über grüne Parklandschaften bis hin zu einem kleinteiligen Stadtquartier, das den denkmalgeschützten Bestand in den Mittelpunkt stellt.
Die ehemalige JVA Rennelberg steht damit beispielhaft für eine Herausforderung, die viele historische Orte heute beschäftigt: Wie lassen sich Erinnerung, Denkmalschutz und zeitgemäße Nutzung miteinander verbinden? Das Festival Theaterformen gibt darauf bereits eine erste Antwort. Für wenige Tage wird aus einem Ort des Einschlusses ein Ort der Begegnung – und vielleicht ein Vorgeschmack auf die Zukunft eines bedeutenden denkmalgeschützten Ensembles in Braunschweigs.






