Braun­schweig bereitet sich auf das 1000-jährige Stadt­ju­bi­läum vor

In den klimatisierten Magazinen des Stadtarchivs im nördlichen Flügel des rekonstruierten Residenzschlosses lagert das historische Gedächtnis Braunschweigs. Foto: Stadt Braunschweig, Daniela Nielsen.

Mediävist Thomas Scharff vom TU-Institut für Geschichts­wis­sen­schaft hält am 10. Mai um 19 Uhr in der Dornse des Altstadt­rat­hauses einen Impuls­vor­trag zu Stadt­bü­chern des Mittel­al­ters.

Stadt­bü­cher bildeten im Mittel­alter das Rückgrat der städti­schen Verwal­tung. Sie deckten ein breites, den vielfäl­tigen Aufgaben der vormo­dernen Stadt­ver­wal­tung entspre­chendes Spektrum ab, das von Rechts- und Statu­ten­bü­chern, über den Bereich der freiwil­ligen Gerichts­bar­keit bis hin zu Rechnungs- oder Steuer­bü­chern reicht. Sie gehören damit zu den zentralen Quellen der spätmit­tel­al­ter­li­chen und frühneu­zeit­li­chen Stadt­ge­schichte. Sie für Braun­schweig besser zu erschließen, ist eine Aufgabe, die sich das Stadt­ar­chiv in Vorbe­rei­tung auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen der Stadt gestellt hat.

Forschung soll inten­si­viert werden

Wedde­schatz­buch (1435–1485). Foto: Stadt­ar­chiv Braun­schweig

Die Braun­schweiger Stadt­bü­cher, besonders jene des 15. bis 17. Jahrhun­derts, seien bisher nur wenig erschlossen. Es gelte die Forschung in den Stadt­buch­be­stand des Stadt­ar­chivs in den nächsten Jahren zu inten­si­vieren, erläutert Henning Stein­führer, Leiter des Stadt­ar­chivs Braun­schweig, im Vorfeld der Tagung „Stadt­bü­cher – Zugang und Forschung“ vom 10. bis 12. Mai im Haus der Wissen­schaft. „In jedem Falle sollte es gelingen, mit den Stadt­bü­chern einer Quellen­gat­tung die ihr zuste­hende Geltung zu verschaffen und ein verbes­sertes Angebot für die Forschung bereit­zu­stellen“, meint Henning Stein­führer.

Stadt­bü­cher sind seit dem 13. Jahrhun­dert in vielen deutschen Städten überlie­fert. „Mit der Tendenz zur Verschrift­li­chung nimmt auch die Zahl der Stadt­bü­cher seit dem 15. Jahrhun­dert zu. Sie decken ein breites, den vielfäl­tigen Aufgaben der vormo­dernen Stadt­ver­wal­tung entspre­chendes inhalt­li­ches Spektrum ab, das von Rechts- und Statu­ten­bü­chern, über zahlreiche Bücher aus dem Bereich der freiwil­ligen Gerichts­bar­keit bis hin zu Rechnungs- oder Steuer­bü­chern reicht“, erklärt der Chef des Braun­schweiger Stadt­ar­chivs.

Europäi­sche Schrift­kultur im Mittel­alter

Dem Zusam­men­hang zwischen Herrschen, Schreiben und Verwalten geht der Braun­schweiger Mediävist Thomas Scharff vom Institut für Geschichts­wis­sen­schaft der TU Braun­schweig in seinem Vortrag am 10. Mai um 19 Uhr in der Dornse des Altstadt­rat­hauses bei freiem Eintritt nach. Er gibt einen Überblick über die Entwick­lung der europäi­schen Schrift­kultur im Mittel­alter. In diesem Prozess, der von Italien ausgehend seit dem 12. Jahrhun­dert große Teile des Konti­nents erfasste, spielten die Städte eine wesent­liche Rolle. Der Vortrag ist Teil einer Tagung zu Stadt­bü­chern, die das Stadt­ar­chiv vom 10. bis 12. Mai im Haus der Wissen­schaft in Vorbe­rei­tung auf das 1000-jährige Stadt­ju­bi­läum 2031veranstaltet. Sie soll aktuelle auf Stadt­bü­chern beruhende Forschungen sowie neue Erschlie­ßungs­mög­lich­keiten zu dieser nicht immer leicht zugäng­li­chen Quellen­gruppe zur Diskus­sion stellen.

3.000 Stadt­bü­cher sind archi­viert

„Der Braun­schweiger Stadt­buch­be­stand, der im Stadt­ar­chiv Braun­schweig verwahrt wird, ist mit rund 3.000 Stadt­bü­chern aus der Zeit zwischen dem 13. und dem 19. Jahrhun­dert sowie etwas mehr als 10.000 Bände an Rechnungen aller Art sehr umfang­reich“, berichtet Henning Stein­führer. Sei es anfangs noch üblich gewesen, verschie­dene Sachbe­treffe in ein Buch einzu­tragen, sei man noch im Mittel­alter dazu überge­gangen, spezia­li­sierte Buchserien nach inhalt­li­chen Kriterien zu schaffen. So beträfen beispiels­weise die Kopial­bü­cher Angele­gen­heiten des Gemeinen Rates und enthalten Abschriften der einge­gan­genen Urkunden und Briefe. Die ausge­henden Briefe seien in spezi­ellen Brief­bü­chern verzeichnet worden. Und in den Gedenk­bü­chern fänden sich neben Dienst­ver­trägen, Ratsher­ren­ver­zeich­nissen sowie Rechts­ge­schäften der einzelnen Weich­bilde auch wichtige, so der Chef des Stadt­ar­chivs.

Die Ersterwäh­nungs­ur­kunde Braun­schweigs aus dem Jahr 1031. Foto: Peter Sierigk

„Einen hohen Quellen­wert für die Stadt­ge­schichte haben die 111 Ratspro­to­koll­bü­cher. Die mit 71 Bänden sehr umfang­reiche Serie der Finanz­bü­cher enthält neben Zinsbü­chern für die einzelne Weich­bilde und für die Gesamt­stadt unter anderem auch Zollbü­cher sowie einzelne Kämmerei- und Braure­gister. Hinzu kommen noch Testa­ment­bü­cher, Neubür­ger­bü­cher, Degeding­bü­cher, Urteil­bü­cher, Prozess­bü­cher sowie Rechts- und Gerichts­bü­cher“, zählt Henning Stein­führer auf.

Die älteste vom Rat (der Altstadt) ausge­stellte Urkunde datiert von 1231, die ersten Stadt­bü­cher wurden 1268 in der Altstadt und im Hagen angelegt. Bis zum 15. Jahrhun­dert hatte sich ein diffe­ren­ziertes und auf profes­sio­nellen Kräften beruhendes adminis­tra­tives Schrift­wesen heraus­ge­bildet. Bis heute sind die zahlrei­chen erhal­tenen Urkunden, Briefe, Stadt­bü­cher, Rechnungen und Akten eindrucks­volle Zeugnisse.

Die Anfänge des Stadt­ar­chivs reichen bis ins ausge­hende 12. Jahrhun­dert zurück, als erste schrift­ge­stützte Privi­le­gien aufbe­wahrt wurden. Syste­ma­tisch wird in der Stadt seit 1408 archi­viert. In den Beständen spiegelt sich die lange und wechsel­volle Geschichte der einstigen Hanse- und Residenz­stadt wider. In den klima­ti­sierten Magazinen im nördli­chen Flügel des rekon­stru­ierten Residenz­schlosses nehmen die Ersterwäh­nungs­ur­kunde Braun­schweigs aus dem Jahr 1031 und das Zollpri­vileg von Kaiser Otto IV. als älteste Urkunde der Stadt aus dem Jahr 1199 Sonder­stel­lungen ein.

Mehr unter: https://www.braunschweig.de/kultur/bibliotheken_archive/stadtarchiv/tagung-stadtbuecher_2023.php

Kontakt

Stadt­ar­chiv Braun­schweig
Schloss­platz 1
38100 Braun­schweig

Telefon: 0531–4704711
E‑Mail: stadtarchiv@braunschweig.de

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