Aus dem Stadtarchiv, Folge 5: Vom Hitzesommer 1556 bis zur Kleinen Eiszeit mit dem bitterkalten Winter 1739/40.
Die Klimakrise steht wieder auf der Tagesordnung. Nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung 1989 und der ungehemmten Globalisierung, nach der Finanzkrise 2008, die die Diskussion um globale Erwärmung und die Zukunft unseres Planeten in den Hintergrund hatte treten lassen, wächst wieder die Angst vor der Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen. Am 20. September 2019 strömten in Braunschweig, Wolfenbüttel, Peine und Helmstedt Tausende auf die Straßen, um für „Klimagerechtigkeit” zu demonstrieren. Aber hat es extreme Klimalagen, Hitzesommer und kalte Winter, nicht immer gegeben? Haben sich nicht große Klimaveränderungen, Eiszeiten und Wärmeperioden ganz ohne jeden menschlichen Einfluss ereignet?
Not- und Hungerszeiten
Aus den Rechnungen des Stifts St. Blasii in Braunschweig kennen wir die Schwankungen der Kornpreise seit 1299. Das Ansteigen der Preise für Roggen, Weizen und Gerste deutet auf Not- und Hungerszeiten hin, die ihren Grund in Miss-wachs, Ernteausfällen und Kriegen hatten. 1556 herrschte z. B. im Juli große Hitze. Im ganzen Land verendeten Schweine, Kühe und Kälber, die Bauern schleiften die Kadaver auf die Felder oder warfen sie in die wenigen noch fließenden Gewässer. Der Herzog befahl den Obrigkeiten, dafür zu sorgen, dass das gestorbene Vieh fernab der Dörfer vergraben werde, um den Gestank und die Seuchengefahr zu bannen. Die Akten der vergangenen Jahrhunderte sind voll von Klagen und Gesuchen wegen schlechter Ernten, kalter Sommer, Dürrezelten, Wassernot. Es geht um den Erlass von Abgaben (Remissionen), Steuererleichterungen, Nothilfen und Bevorratung.
Und kennt man nicht die Kleine Eiszeit vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts? Erschüttert liest man, was der Pastor in Ahlum von den kältesten Wintern im 18. Saeculum, besonders aber vom Jahre 1739 auf 1740 in vielen Strophen dichtete, etwa wie in großer Not im Winter das Stroh von den Dächern gerissen wurde, um das vor Hunger schreiende Vieh zu füttern. Mitteilungen über extreme Wetterphänomen finden sich in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Chroniken, die längst nicht alle ediert und gedruckt worden sind. Handschriftliche Territorial- und Stadtchroniken verwahren neben dem Landesarchiv unter anderem auch das Stadtarchiv Braunschweig.
Messungen im 19. Jahrhundert
Eine genaue Messung der Klimadaten beginnt im 19. Jahrhundert. Privatleute notierten täglich Temperatur und Niederschlagsmengen. Auf Veranlassung des „Braunschweiger Tagebatts” richtete das Preußische Meteorologische Institut im Jahre 1880 eine meteorologische Station in Braunschweig ein, eine Vorläuferin des heutigen Zentrums für Agrarmeteorologische Forschung Braunschweig. Seit 1881 gibt es demnach durchgängige, exakt erhobene Zahlen zu den Klimaänderungen für den Raum Braunschweig. In diesem Zeitraum hat sich die mittlere Jahrestemperatur um 1,4 °C erhöht, in den letzten 20 Jahren beschleunigte sich die Entwicklung.
Aber wie steht es mit den anthropogenen Einflüssen? Was hat der Mensch zu verantworten? Durch die technischen Möglichkeiten, Energie aus Stein- und Braunkohle zu gewinnen, wurden seit Beginn des 19. Jahrhunderts Treibhausgase, besonders Kohlendioxid, in ungeheuren Mengen freigesetzt. Diese Gase absorbieren die Infrarotstrahlung der Erde, die sonst ins Weltall entweichen würde, und geben Wärme ab.

Klimawandel beschleunigt
Die Mengen genau zu bestimmen, ist schwierig. Ein Ingenieur der Salzgitter AG versuchte 1960, objektive Tatbestände über Emissionen und Immissionen durch die Industrieanlagen der Berg- und Hüttenbetriebe zu fixieren. Danach emittierte die Krupp-Renn-Anlage für die Aufbereitung eisenarmer Erze allein ungefähr 470.000 Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Gegenwärtig rechnet die Salzgitter AG mit ca. 8.000.000 Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß jährlich. Durch neue Techniken will das Unternehmen diese Emissionen zukünftig weitgehend vermeiden.
Da der Klimawandel sich gegenwärtig spürbar beschleunigt – in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden die 18 wärmsten Jahre seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen registriert, Hitzesommer schädigen nachhaltig die heimischen Wälder, die Hochlagen des Harzes verwandelten sich durch Dürre und Borkenkäferbefall in gespenstische Landschaften aus fahlen Baumleichen –, erscheint er als globale Herausforderung, der lokal, regional und global begegnet werden muss. Die EU und die Bundesregierung verschärften 2019 bzw. 2020 ihre Klimaschutzziele. Die Städte Braunschweig, Salzgitter und Wolfenbüttel und der Kreis Goslar beschäftigen Klimaschutzmanagerinnen und ‑manager, um eigene Klimaschutzkonzepte umzusetzen.
Dr. Brage Bei der Wieden leitet das Niedersächsische Landesarchiv Abteilung Wolfenbüttel. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Fundamente Braunschweigischer Regionalgeschichte“.
Mit unserer Reihe „Aus dem Stadtarchiv“ wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braunschweigs im Jahr 2031 vorbereiten. Anlass dafür ist die Ersterwähnung der Stadt in der Weiheurkunde der Magnikirche von 1031.



