Extreme Klima­lagen in mittel­al­ter­li­chen Chroniken

Claude Monet (1840-1926), La Charrette. Route sous la neige à Honfleur, um 1866, Öl/Lwd., 65 x 93 cm, Musée d'Orsay, Paris. Foto: gemeinfrei
Claude Monet (1840-1926), La Charrette. Route sous la neige à Honfleur, um 1866, Öl/Lwd., 65 x 93 cm, Musée d'Orsay, Paris. Foto: gemeinfrei

Aus dem Stadt­ar­chiv, Folge 5: Vom Hitze­sommer 1556 bis zur Kleinen Eiszeit mit dem bitter­kalten Winter 1739/40.

Die Klima­krise steht wieder auf der Tages­ord­nung. Nach dem Zusam­men­bruch der bipolaren Weltord­nung 1989 und der ungehemmten Globa­li­sie­rung, nach der Finanz­krise 2008, die die Diskus­sion um globale Erwärmung und die Zukunft unseres Planeten in den Hinter­grund hatte treten lassen, wächst wieder die Angst vor der Zerstö­rung der mensch­li­chen Lebens­grund­lagen. Am 20. September 2019 strömten in Braun­schweig, Wolfen­büttel, Peine und Helmstedt Tausende auf die Straßen, um für „Klima­ge­rech­tig­keit” zu demons­trieren. Aber hat es extreme Klima­lagen, Hitze­sommer und kalte Winter, nicht immer gegeben? Haben sich nicht große Klima­ver­än­de­rungen, Eiszeiten und Wärme­pe­ri­oden ganz ohne jeden mensch­li­chen Einfluss ereignet?

Not- und Hungers­zeiten

Aus den Rechnungen des Stifts St. Blasii in Braun­schweig kennen wir die Schwan­kungen der Kornpreise seit 1299. Das Ansteigen der Preise für Roggen, Weizen und Gerste deutet auf Not- und Hungers­zeiten hin, die ihren Grund in Miss-wachs, Ernte­aus­fällen und Kriegen hatten. 1556 herrschte z. B. im Juli große Hitze. Im ganzen Land veren­deten Schweine, Kühe und Kälber, die Bauern schleiften die Kadaver auf die Felder oder warfen sie in die wenigen noch fließenden Gewässer. Der Herzog befahl den Obrig­keiten, dafür zu sorgen, dass das gestor­bene Vieh fernab der Dörfer vergraben werde, um den Gestank und die Seuchen­ge­fahr zu bannen. Die Akten der vergan­genen Jahrhun­derte sind voll von Klagen und Gesuchen wegen schlechter Ernten, kalter Sommer, Dürre­zelten, Wassernot. Es geht um den Erlass von Abgaben (Remis­sionen), Steuer­erleich­te­rungen, Nothilfen und Bevor­ra­tung.

Und kennt man nicht die Kleine Eiszeit vom Ende des 16. Jahrhun­derts bis zum Ende des 18. Jahrhun­derts? Erschüt­tert liest man, was der Pastor in Ahlum von den kältesten Wintern im 18. Saeculum, besonders aber vom Jahre 1739 auf 1740 in vielen Strophen dichtete, etwa wie in großer Not im Winter das Stroh von den Dächern gerissen wurde, um das vor Hunger schrei­ende Vieh zu füttern. Mittei­lungen über extreme Wetter­phä­nomen finden sich in mittel­al­ter­li­chen und frühneu­zeit­li­chen Chroniken, die längst nicht alle ediert und gedruckt worden sind. Handschrift­liche Terri­to­rial- und Stadt­chro­niken verwahren neben dem Landes­ar­chiv unter anderem auch das Stadt­ar­chiv Braun­schweig.

Messungen im 19. Jahrhun­dert

Eine genaue Messung der Klima­daten beginnt im 19. Jahrhun­dert. Privat­leute notierten täglich Tempe­ratur und Nieder­schlags­mengen. Auf Veran­las­sung des „Braun­schweiger Tagebatts” richtete das Preußi­sche Meteo­ro­lo­gi­sche Institut im Jahre 1880 eine meteo­ro­lo­gi­sche Station in Braun­schweig ein, eine Vorläu­ferin des heutigen Zentrums für Agrar­me­teo­ro­lo­gi­sche Forschung Braun­schweig. Seit 1881 gibt es demnach durch­gän­gige, exakt erhobene Zahlen zu den Klima­än­de­rungen für den Raum Braun­schweig. In diesem Zeitraum hat sich die mittlere Jahres­tem­pe­ratur um 1,4 °C erhöht, in den letzten 20 Jahren beschleu­nigte sich die Entwick­lung.

Aber wie steht es mit den anthro­po­genen Einflüssen? Was hat der Mensch zu verant­worten? Durch die techni­schen Möglich­keiten, Energie aus Stein- und Braun­kohle zu gewinnen, wurden seit Beginn des 19. Jahrhun­derts Treib­haus­gase, besonders Kohlen­di­oxid, in ungeheuren Mengen freige­setzt. Diese Gase absor­bieren die Infra­rot­strah­lung der Erde, die sonst ins Weltall entwei­chen würde, und geben Wärme ab.

Hitzesommer, Dürre und Borkenkäferbefall haben in den Hochlagen des Harzes schwere Schäden verursacht. Foto: Der Löwe
Hitze­sommer, Dürre und Borken­kä­fer­be­fall haben in den Hochlagen des Harzes schwere Schäden verur­sacht. Foto: Der Löwe

Klima­wandel beschleu­nigt

Die Mengen genau zu bestimmen, ist schwierig. Ein Ingenieur der Salzgitter AG versuchte 1960, objektive Tatbe­stände über Emissionen und Immis­sionen durch die Indus­trie­an­lagen der Berg- und Hütten­be­triebe zu fixieren. Danach emittierte die Krupp-Renn-Anlage für die Aufbe­rei­tung eisen­armer Erze allein ungefähr 470.000 Tonnen Kohlen­di­oxid im Jahr. Gegen­wärtig rechnet die Salzgitter AG mit ca. 8.000.000 Tonnen Kohlen­di­oxid-Ausstoß jährlich. Durch neue Techniken will das Unter­nehmen diese Emissionen zukünftig weitge­hend vermeiden.

Da der Klima­wandel sich gegen­wärtig spürbar beschleu­nigt – in den vergan­genen zwei Jahrzehnten wurden die 18 wärmsten Jahre seit Beginn der Tempe­ra­tur­auf­zeich­nungen regis­triert, Hitze­sommer schädigen nachhaltig die heimi­schen Wälder, die Hochlagen des Harzes verwan­delten sich durch Dürre und Borken­kä­fer­be­fall in gespens­ti­sche Landschaften aus fahlen Baumlei­chen –, erscheint er als globale Heraus­for­de­rung, der lokal, regional und global begegnet werden muss. Die EU und die Bundes­re­gie­rung verschärften 2019 bzw. 2020 ihre Klima­schutz­ziele. Die Städte Braun­schweig, Salzgitter und Wolfen­büttel und der Kreis Goslar beschäf­tigen Klima­schutz­ma­na­ge­rinnen und ‑manager, um eigene Klima­schutz­kon­zepte umzusetzen.

Dr. Brage Bei der Wieden leitet das Nieder­säch­si­sche Landes­ar­chiv Abteilung Wolfen­büttel. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Funda­mente Braun­schwei­gi­scher Regio­nal­ge­schichte“.

Mit unserer Reihe „Aus dem Stadt­ar­chiv“ wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braun­schweigs im Jahr 2031 vorbe­reiten. Anlass dafür ist die Ersterwäh­nung der Stadt in der Weihe­ur­kunde der Magni­kirche von 1031.

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