Industrie machte bei der Elektri­fi­zie­rung Druck

Ruhfäutchenplatz mit modernen Straßenlampen, 1887.
Ruhfäutchenplatz mit modernen Straßenlampen, 1887.

Am 1. April 1900 ging mit dem Lichtwerk Wilhelm­straße das erste städti­sche Elektri­zi­täts­werk in Betrieb.

Das öffent­liche Braun­schweiger Stromnetz hatte seine Anfänge im Jahr 1900. „125 Jahre Stromnetz – das sind mehr als sechs Genera­tionen, zwei Weltkriege, unzählige techni­sche Revolu­tionen und vermut­lich mehrere Millionen Glühbirnen, die unser schönes Braun­schweig durch ihr Licht erhellten“, schreiben Kai-Uwe Rothe und Jan Gasten, Geschäfts­führer von BS|NETZ, in ihrem Vorwort zur von ihnen beauf­tragten histo­ri­schen Aufar­bei­tung der Geschichte der Elektri­fi­zie­rung in Braun­schweig. Das 60-seitige Buch von Histo­riker Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel, Gründungs­di­rektor des Instituts für Braun­schwei­gi­sche Regio­nal­ge­schichte und Geschichts­ver­mitt­lung an der TU Braun­schweig, ist im Adler­stein Verlag Braun­schweig (ISBN-Nr. 978–3‑9115–4707‑9) erschienen und im Buchhandel für 8,50 Euro erhält­lich.

Die Entwick­lung des Stroms ist bis heute eine spannende Geschichte. Er wird in Braun­schweig nicht mehr aus Kohle produ­ziert, sondern durch die Verwen­dung von Altholz in Kombi­na­tion mit einem Gastur­binen-Heizkraft­werk. Um klima­scho­nend Elektri­zität und Wärme erzeugen zu können, inves­tierte die Braun­schweiger Versor­gungs-AG nach eigenen Angaben rund 250 Millionen Euro am Standort Mitte. Die Anfänge waren deutlich beschei­dener.

Keine syste­ma­ti­sche Straßen­be­leuch­tung

In Braun­schweig wurde am 26. September 1764 entschieden, die indivi­du­elle Straßen­be­leuch­tung mit Later­nen­trä­gern durch Laternen-Anlagen in allen Straßen zu ersetzen. Dazu wurden für die etwa 1800 Laternen in der Stadt eigens Later­nen­wärter beschäf­tigt zur Befüllung des Öls und der regel­mä­ßigen Reinigung der Lampen. Dabei ging es um einzelne Öllampen, nicht um syste­ma­ti­sche Laternen-Straßen­be­leuch­tung.

Lampenputzer mit historischer Lampe, am Haus angebracht.
Lampen­putzer mit histo­ri­scher Lampe, am Haus angebracht.

„Mit der Indus­tria­li­sie­rung seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts und in Braun­schweig haupt­säch­lich seit der Mitte des 19. Jahrhun­derts sowie dem Erwachen der Natur­wis­sen­schaften mit neuen Denkan­sätzen, endete fast abrupt die lange Phase ‚primi­tiver‘ Beleuch­tung und Beleuch­tungs­ele­mente. Petroleum, Öl und Gas kennzeich­neten die erste Phase des techni­schen Fortschritts. Nun wurden damit Sicher­heits­be­wusst­sein, Alltags­leben und wirtschaft­liche Entwick­lung maßgeb­lich beein­flusst. Bei näherer Betrach­tung dieser Entwick­lung und Bestim­mung des öffent­li­chen Lebens seit der Mitte des 19. Jahrhun­derts und bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhun­derts ist aus meiner Sicht unbestritten, dass spätes­tens die folgende Elektri­zität das Leben der Menschen erneut grund­le­gend verändert hat“, schreibt Gerd Biegel in seinen Ausfüh­rungen.

Ab 1863 ersetzten Gas- die Öllampen

Braun­schweig wurde das Ende der Öllampen im Haus und den Öllaternen in den Straßen der Stadt am 1. Juli 1863 mit der Gründung eines Städti­schen Gaswerk besiegelt. In Städten wie London, Paris oder Berlin hatte das Experi­ment mit Elektri­zität erfolg­reich begonnen. Die elektri­sche Beleuch­tung und Energie­er­zeu­gung in Braun­schweig blieb zunächst Gewerbe und Industrie, Geschäften und Hotels sowie Privat­leuten überlassen.

Gaslaterne, Ritterlampe mit Auer-Glühlicht, 1892.
Gasla­terne, Ritter­lampe mit Auer-Glühlicht, 1892.

Die Technik entwi­ckelte sich rasant weiter. Während in vielen europäi­schen Städten elektri­sche Straßen­be­leuch­tung auf dem Vormarsch war, wurde im Braun­schweig der 1880er Jahre zunächst die Gasbe­leuch­tung weiter perfek­tio­niert. Erste Handels­be­triebe begannen aber, in Block­sta­tionen, kleinen dezen­tralen Kraft­werken, Strom für eigene Zwecke zu produ­zieren. Wie schon gut 40 Jahre zuvor beim Gas machten sich Unter­nehmer wie Max Jüdel und Hochschul­lehrer an der Polytech­ni­schen Schule Braun­schweig wie Constantin Uhde dafür stark, eine Kraft­werk­sta­tion aufzu­bauen.

Stadt hinkte beim Strom hinterher

„Noch bevor Natalis oder Jüdel eng mit dem Fachmann Peukert zusam­men­ar­bei­teten, war weltweit seit den 1880er Jahren der Nutzen der Elektro­technik erkannt und mit unter­schied­li­chen Schwer­punkten erprobt und einge­setzt worden. Etwa bei Straßen­bahnen, Motoren­an­trieben in Maschi­nen­werken, privaten Beleuch­tungen oder Straßen­be­leuch­tungen.

Hauptbahnhof mit elektrischer Platzbeleuchtung, 1884.
Haupt­bahnhof mit elektri­scher Platz­be­leuch­tung, 1884.

Waren bei letzterer in Braun­schweig noch die Gasbe­leuch­tungen favori­siert, hatten andere Städte, selbst Klein­städte in der Provinz, schon umgestellt. Besonders galt dies für Geschäfte und Hotels sowie erste Betriebe. Hier waren Unter­nehmer wie Max Jüdel mit der Eisenbahn-Signal-Bauan­stalt oder Albert Natalis mit seiner Nähma­schi­nen­fa­brik unmit­telbar betroffen und zukunfts­ori­en­tiert. In diesen Betrieben waren Block­sta­tionen und elektri­sche Beleuch­tung selbst­ver­ständ­lich geworden. Entspre­chend sind ihre ehren­amt­li­chen Engage­ments zu verstehen. Jüdel hatte mit seinem Antrag eine Zentral­sta­tion gefordert – aber in Träger­schaft der Stadt. Neben den bereits erwähnten Beispielen war es der Braun­schweiger Haupt­bahnhof, der 1884 bereits mit elektri­schem Licht hell erstrahlte, einschließ­lich einiger Vorbe­reiche“, heißt es bei Biegel.

Elektrisch erleuchtete Bahnsteighalle, 1884.
Elektrisch erleuch­tete Bahnsteig­halle, 1884.

Letzte Gaslampe brannte bis 1973

Die Stadt fürchtete zunächst Konkur­renz für ihre Gaswerke, gab aber schließ­lich 1898 den Wider­stand auf, heißt es in einer Veröf­fent­li­chung der Braun­schweiger Versor­gungs-AG. So ging am 1. April 1900 mit dem Lichtwerk Wilhelm­straße das erste städti­sche Elektri­zi­täts­werk in Betrieb. Große Dampf­kessel und Genera­toren zeugten von indus­tri­eller Moderne. Der Schorn­stein des Kraft­werks wurde zum Wahrzei­chen für Fortschritt. Das Lichtwerk Wilhelm­straße versorgte neben bereits auf elektri­sche Laternen umgestellten Straßen­zügen zunächst vor allem öffent­liche Gebäude und einige Betriebe mit Strom. Parallel brannten weiter Gasla­ternen – die letzte wurde erst 1973 ersetzt.

Lichtwerk Wilhelmstraße 68, eröffnet 1. April 1900.
Lichtwerk Wilhelm­straße 68, eröffnet 1. April 1900.

Der Bedarf an Strom wuchs schnell. Schon bald erhielt das Lichtwerk leistungs­fä­hi­gere Genera­toren und verbes­serte Steue­rungs­technik. Zunächst war die Stadt mit Gleich­strom versorgt worden, in den 1910er-Jahren wurden Anlagen gebaut, die Wechsel­strom erzeugten. 1916 ging ein Drehstrom­werk am heutigen Standort des Heizkraft­werks Mitte ans Netz. Die techni­sche Entwick­lung war auch im Stadtbild sichtbar: Trafo­häus­chen, Leitungs­masten und neue Beleuch­tungs­körper prägten das öffent­liche Bild. Die elektri­sche Beleuch­tung setzte sich aber erst von 1938 an endgültig durch, als Gas- und E‑Werke in den Stadt­werken vereinigt wurden.

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