Am 1. April 1900 ging mit dem Lichtwerk Wilhelmstraße das erste städtische Elektrizitätswerk in Betrieb.
Das öffentliche Braunschweiger Stromnetz hatte seine Anfänge im Jahr 1900. „125 Jahre Stromnetz – das sind mehr als sechs Generationen, zwei Weltkriege, unzählige technische Revolutionen und vermutlich mehrere Millionen Glühbirnen, die unser schönes Braunschweig durch ihr Licht erhellten“, schreiben Kai-Uwe Rothe und Jan Gasten, Geschäftsführer von BS|NETZ, in ihrem Vorwort zur von ihnen beauftragten historischen Aufarbeitung der Geschichte der Elektrifizierung in Braunschweig. Das 60-seitige Buch von Historiker Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel, Gründungsdirektor des Instituts für Braunschweigische Regionalgeschichte und Geschichtsvermittlung an der TU Braunschweig, ist im Adlerstein Verlag Braunschweig (ISBN-Nr. 978–3‑9115–4707‑9) erschienen und im Buchhandel für 8,50 Euro erhältlich.
Die Entwicklung des Stroms ist bis heute eine spannende Geschichte. Er wird in Braunschweig nicht mehr aus Kohle produziert, sondern durch die Verwendung von Altholz in Kombination mit einem Gasturbinen-Heizkraftwerk. Um klimaschonend Elektrizität und Wärme erzeugen zu können, investierte die Braunschweiger Versorgungs-AG nach eigenen Angaben rund 250 Millionen Euro am Standort Mitte. Die Anfänge waren deutlich bescheidener.
Keine systematische Straßenbeleuchtung
In Braunschweig wurde am 26. September 1764 entschieden, die individuelle Straßenbeleuchtung mit Laternenträgern durch Laternen-Anlagen in allen Straßen zu ersetzen. Dazu wurden für die etwa 1800 Laternen in der Stadt eigens Laternenwärter beschäftigt zur Befüllung des Öls und der regelmäßigen Reinigung der Lampen. Dabei ging es um einzelne Öllampen, nicht um systematische Laternen-Straßenbeleuchtung.

„Mit der Industrialisierung seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und in Braunschweig hauptsächlich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sowie dem Erwachen der Naturwissenschaften mit neuen Denkansätzen, endete fast abrupt die lange Phase ‚primitiver‘ Beleuchtung und Beleuchtungselemente. Petroleum, Öl und Gas kennzeichneten die erste Phase des technischen Fortschritts. Nun wurden damit Sicherheitsbewusstsein, Alltagsleben und wirtschaftliche Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Bei näherer Betrachtung dieser Entwicklung und Bestimmung des öffentlichen Lebens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ist aus meiner Sicht unbestritten, dass spätestens die folgende Elektrizität das Leben der Menschen erneut grundlegend verändert hat“, schreibt Gerd Biegel in seinen Ausführungen.
Ab 1863 ersetzten Gas- die Öllampen
Braunschweig wurde das Ende der Öllampen im Haus und den Öllaternen in den Straßen der Stadt am 1. Juli 1863 mit der Gründung eines Städtischen Gaswerk besiegelt. In Städten wie London, Paris oder Berlin hatte das Experiment mit Elektrizität erfolgreich begonnen. Die elektrische Beleuchtung und Energieerzeugung in Braunschweig blieb zunächst Gewerbe und Industrie, Geschäften und Hotels sowie Privatleuten überlassen.

Die Technik entwickelte sich rasant weiter. Während in vielen europäischen Städten elektrische Straßenbeleuchtung auf dem Vormarsch war, wurde im Braunschweig der 1880er Jahre zunächst die Gasbeleuchtung weiter perfektioniert. Erste Handelsbetriebe begannen aber, in Blockstationen, kleinen dezentralen Kraftwerken, Strom für eigene Zwecke zu produzieren. Wie schon gut 40 Jahre zuvor beim Gas machten sich Unternehmer wie Max Jüdel und Hochschullehrer an der Polytechnischen Schule Braunschweig wie Constantin Uhde dafür stark, eine Kraftwerkstation aufzubauen.
Stadt hinkte beim Strom hinterher
„Noch bevor Natalis oder Jüdel eng mit dem Fachmann Peukert zusammenarbeiteten, war weltweit seit den 1880er Jahren der Nutzen der Elektrotechnik erkannt und mit unterschiedlichen Schwerpunkten erprobt und eingesetzt worden. Etwa bei Straßenbahnen, Motorenantrieben in Maschinenwerken, privaten Beleuchtungen oder Straßenbeleuchtungen.

Waren bei letzterer in Braunschweig noch die Gasbeleuchtungen favorisiert, hatten andere Städte, selbst Kleinstädte in der Provinz, schon umgestellt. Besonders galt dies für Geschäfte und Hotels sowie erste Betriebe. Hier waren Unternehmer wie Max Jüdel mit der Eisenbahn-Signal-Bauanstalt oder Albert Natalis mit seiner Nähmaschinenfabrik unmittelbar betroffen und zukunftsorientiert. In diesen Betrieben waren Blockstationen und elektrische Beleuchtung selbstverständlich geworden. Entsprechend sind ihre ehrenamtlichen Engagements zu verstehen. Jüdel hatte mit seinem Antrag eine Zentralstation gefordert – aber in Trägerschaft der Stadt. Neben den bereits erwähnten Beispielen war es der Braunschweiger Hauptbahnhof, der 1884 bereits mit elektrischem Licht hell erstrahlte, einschließlich einiger Vorbereiche“, heißt es bei Biegel.

Letzte Gaslampe brannte bis 1973
Die Stadt fürchtete zunächst Konkurrenz für ihre Gaswerke, gab aber schließlich 1898 den Widerstand auf, heißt es in einer Veröffentlichung der Braunschweiger Versorgungs-AG. So ging am 1. April 1900 mit dem Lichtwerk Wilhelmstraße das erste städtische Elektrizitätswerk in Betrieb. Große Dampfkessel und Generatoren zeugten von industrieller Moderne. Der Schornstein des Kraftwerks wurde zum Wahrzeichen für Fortschritt. Das Lichtwerk Wilhelmstraße versorgte neben bereits auf elektrische Laternen umgestellten Straßenzügen zunächst vor allem öffentliche Gebäude und einige Betriebe mit Strom. Parallel brannten weiter Gaslaternen – die letzte wurde erst 1973 ersetzt.

Der Bedarf an Strom wuchs schnell. Schon bald erhielt das Lichtwerk leistungsfähigere Generatoren und verbesserte Steuerungstechnik. Zunächst war die Stadt mit Gleichstrom versorgt worden, in den 1910er-Jahren wurden Anlagen gebaut, die Wechselstrom erzeugten. 1916 ging ein Drehstromwerk am heutigen Standort des Heizkraftwerks Mitte ans Netz. Die technische Entwicklung war auch im Stadtbild sichtbar: Trafohäuschen, Leitungsmasten und neue Beleuchtungskörper prägten das öffentliche Bild. Die elektrische Beleuchtung setzte sich aber erst von 1938 an endgültig durch, als Gas- und E‑Werke in den Stadtwerken vereinigt wurden.






