Klaviere aus Braun­schweig genießen Weltruhm

Tafelklavier Opus 1, Heinrich Steinweg, Seesen 1835. Foto: Städtisches Museum Braunschweig
Tafelklavier Opus 1, Heinrich Steinweg, Seesen 1835. Foto: Städtisches Museum Braunschweig

Aus dem Stadt­ar­chiv, Folge 9: Von Schimmel, Grotrian-Steinweg und Steinway & Sons

Als Weltmarke „made in Braun­schweig“ gilt das Klavier­bau­un­ter­nehmen Schimmel bis heute. Grotrian-Steinweg gehörte noch bis zur Insolvenz im Jahr 2024 dazu. Doch die beiden Unter­nehmen sind nicht die einzigen, die Braun­schweigs guten Ruf unter Pianisten begrün­deten.

Winkel­mann war die Nr. 1

1837 gründete Christian Theodor Winkel­mann (1812–1875) die älteste Braun­schweiger Klavier­bau­firma. Am Wollmarkt produ­zierte er mit wenigen Mitar­bei­tern zunächst Tafel­kla­viere, später auch Flügel und Pianinos. Als 1851 der Wiener Klavier­fa­bri­kant Friedrich Zeitter als Teilhaber in die Firma eintrat, stieg die Produk­tion auf 60 bis 80 Instru­mente jährlich, zudem führte er beim Bau der Pianinos Neuerungen wie die Kreuzung der Saiten und die Verwen­dung eines Eisen­rah­mens ein. 1963 verkaufte ein Urenkel des Firmen­grün­ders Name und Unter­nehmen an die Kitzinger Klavier­bau­firma Seiler.

Die Wurzeln des Klavier­bau­un­ter­neh­mens Grotrian-Steinweg legte Georg Friedrich Carl Grotrian (1803–1860). Nach einigen Jahren als Musika­lien- und Instru­men­ten­bauer in Russland kehrte er 1856 in seinen Geburtsort zurück und lernte Theodor Steinweg kennen. Dessen Vater hatte 1835 in Seesen eine Klavier­bau­firma gegründet, die jetzt in Braun­schweig produ­zierte und in die Grotrian nun einstieg. Schon bald waren die Instru­mente aus Braun­schweig über die Stadt­grenzen hinaus bekannt.

Berühmte Gäste im Haus am Bohlweg

Nach seinem überra­schenden Tod 1860 trat sein Sohn Wilhelm in das Unter­nehmen ein und führte es auch weiter, als Steinweg nach Amerika ausge­wan­dert war. Er überar­bei­tete und verbes­serte die übernom­menen Steinweg-Modelle, daneben förderten Wilhelm Grotrian und seine Frau Elsbeth das Musik­leben der Stadt und unter­stützten insbe­son­dere junge Musiker. Im Haus am Bohlweg 48 trugen sich berühmte Gäste wie Clara Schumann, Max Reger, später Richard Strauss, Wilhelm Furtwängler oder Angehö­rige der Familie Wagner in das Gästebuch ein. Das 1903 entwi­ckelte Klein­kla­vier Modell 120 erregte in Fachkreisen großes Aufsehen und gilt auch heute noch als eines der besten Klaviere. Erst 1999 endete die fünf Genera­tionen lange Famili­en­tra­di­tion mit dem Eintritt eines neuen Gesell­schaf­ters. 2024 folgte die Insolvenz.

Mitte des 20. Jahrhun­derts waren Klaviere der Marke Schimmel die meist­ge­kauften Instru­mente der deutschen Klavier­bau­un­ter­nehmen. 1929 hatte Arno Wilhelm Schimmel (1898–1961) die von seinem Vater gegrün­dete Firma wegen wirtschaft­li­cher Probleme von Leipzig nach Braun­schweig verlegt. Schimmel war nicht nur ein guter Geschäfts­mann, sondern auch ein begabter Designer, der jedes Detail seiner Instru­mente selbst entwarf. Mit Neuerungen wie der Einfüh­rung des rasten­losen Klavier­rah­mens und der extrem kreuz­sei­tigen Saiten­be­span­nung trug Schimmel entschei­dend zum Erfolg der neu entste­henden Klein­kla­viere bei.

Fabrikordnung der Firma Grotrian-Steinweg 1892. Foto: Stadtarchiv
Fabrik­ord­nung der Firma Grotrian-Steinweg 1892. Foto: Stadt­ar­chiv

Steinway stammte aus dem Harz

Und auch die Weltmarke Steinway & Sons hat ihre Wurzeln im Herzogtum Braun­schweig. Der Tischler Heinrich Steinweg, geboren 1797 in Wolfs­hagen im Harz, betrieb in Seesen zunächst nebenbei eine Repara­tur­werk­statt für Klaviere. Bald machte er sich als Instru­men­ten­bauer einen Namen, und als die Familie nach Amerika auswan­derte, gründete er dort das Unter­nehmen Steinway & Sons. Er selbst nannte sich nun Henry E. Steinway. Im Städti­schen Museum Seesen ist der erste Flügel ausge­stellt, den Steinway in New York baute – das Gegen­stück, das letzte in Seesen gefer­tigte Instru­ment, steht in New York im Metro­po­litan Museum of Modern Art. Die Erfindung des Stahl­rah­mens zum Aufspannen der Saiten ist einer der Gründe für den großen Erfolg des Seesener Instru­men­ten­bauers.

Die bekannten Piano­forte- und Klavier­bau­un­ter­nehmen haben verschie­dene Spuren in den Beständen der Archive hinter­lassen. Infor­ma­tionen zu den Firmen­grün­dern und Inhabern sowie zur Firmen­ge­schichte finden sich unter anderem im Stadt­ar­chiv Braun­schweig. Auch nach dem Weggang der Familie Steinweg nach Amerika blieb William Steinway seiner Heimat eng verbunden. Seine Spenden für die Stadt Seesen, insbe­son­dere die Schulen und die Armen­kasse sind im Bestand der Stadt Seesen im Landes­ar­chiv nachzu­voll­ziehen.

Meike Buck ist Mitar­bei­terin imStadt­ar­chiv Braun­schweig. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Funda­mente Braun­schwei­gi­scher Regio­nal­ge­schichte“. Heraus­ge­geben von der Braun­schwei­gi­schen Landschaft.

Mit dieser Reihe in Koope­ra­tion mit dem Stadt­ar­chiv wollen wir unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braun­schweigs im Jahr 2031 vorbe­reiten. Anlass dafür ist die Ersterwäh­nung der Stadt in der Weihe­ur­kunde der Magni­kirche von 1031.

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