Gilbert Holzgangs Buch „Otto Ralfs, Käte Ralfs, Junge Kunst. Avantgardeförderung in der Provinz.“ ist im Michael Imhof Verlag erschienen
Nach mehreren Theaterproduktionen und der Biografie „Galka Scheyer. Ein Leben für Kunst und Kreativität.“ hat sich Gilbert Holzgang, Autor und Regisseur des Theaters Zeitraum, dem Braunschweiger Ehepaar Otto (1892–1955) und Käte (1898–1995) Ralfs gewidmet. Sie waren engagierte Förderer der Avantgarde und ließen Braunschweig zu einem auch international viel beachteten Zentrum der Moderne avancieren. Nach langer Arbeit ist Holzgangs reichhaltig illustrierte Doppelbiografie „Otto Ralfs, Käte Ralfs, Junge Kunst. Avantgardeförderung in der Provinz.“ jetzt im Michael Imhof Verlag erschienen. Es ist eine gelungene Hommage an die beiden Mäzene, aber auch ein überaus interessantes und kompetent geschriebenes Stück Braunschweiger Geschichte.

Tonbandaufzeichnung von Käte Ralfs
„Erstmals bin ich auf das Ehepaar Ralfs durch das Buch ‚100 Jahre Bürgertum in Braunschweig‘ des Historikers Ernst-August Roloff aufmerksam geworden. Ihre Geschichte hat mich von Beginn an gefesselt. Ernst-August Roloff schenkte mir später auch eine Tonbandaufzeichnung eines Interviews mit Käte Ralfs, das er geführt hatte. Auch Auszüge davon finden sich im Buch“, erzählt Gilbert Holzgang. Bereits 2006 inszenierte er das dokumentarische Theaterstück „Das Ralfs-Projekt. Braunschweigs Umgang mit moderner Kunst 1920–1950“. Es wurde im Herzog Anton Ulrich-Museum, im Städtischen Museum und im LOT-Theater aufgeführt. Die Doppelbiografie greift nun auch die Zeit danach auf.
Wegen der Ausstellungen, die das Ehepaar zwischen 1925 und 1933 im Braunschweiger Schloss organisierte, kamen Maler wie Lyonel Feininger (1871–1956), Alexej von Jawlensky (1864–1941), Wassily Kandinsky (1866–1944) und Paul Klee (1879–1940) nach Braunschweig, die als „Blaue Vier“ weltweit reüssierten. Viele ihrer Ausstellungen gingen von Braunschweig aus in Metropolen des In- und Auslands. Die Stadt wurde zum Zentrum der Moderne.

Otto Ralfs war seiner Zeit voraus
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten die Ralfs in ihrer Privatgalerie Werke von Ida Kerkovius oder Willi Baumeister und Fritz Winter aus. „Otto Ralfs war sicher ein etwas kauziger und wortkarger Typ, aber er war in der Beurteilung der Kunst seiner Zeit voraus. Er bewunderte vor allem Kandinsky, weil der mit allem Herkömmlichen brach“, charakterisiert Gilbert Holzgang den 1955 bei einem Verkehrsunfall umgekommenen Ralfs.
Gezeigt wird in dem Buch, mit welch großem Idealismus Otto und Käte Ralfs als Kunstmäzene wirkten und mit welchen Widerständen von Seiten der Politik und der Presse sie zu kämpfen hatten, als sie die Avantgarde von Braunschweig aus förderten. Erzählt wird ferner, was aus ihrer Kunstsammlung geworden ist. In kurzen Zwischentexten erläutert Gilbert Holzgang die jeweiligen Lebensumstände, das politische und wirtschaftliche Geschehen im 20. Jahrhundert mit Erstem und Zweitem Weltkrieg, Weimarer Republik und Nationalsozialismus, Zerstörung und Wiederaufbau.

Schriftstücke als Basis
Die Grundlage des Buches liefern Briefe von Otto und Käte Ralfs, Briefe von Künstlerinnen und Künstlern, Otto Ralfs Tagebücher aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und aus der Gefangenschaft, Einladungen zu den Ausstellungen, Bilderlisten, Gästebücher und mehr. Darüber hinaus sind über die Ausstellungen, die Otto und Käte Ralfs mit ihrer „Gesellschaft der Freunde junger Kunst“ im Braunschweiger Schloss und in ihrer Privatgalerie organisierten, zahlreiche Berichte in Tageszeitungen erschienen.
Diese Berichte werden zitiert und zusammengefasst, spiegeln sie doch auf eklatante Weise, welch altmodische, widersprüchliche Ansichten die Kulturjournalisten vertraten und welcher Meinung sie auf einmal waren, wenn es politisch opportun wurde. Breiten Raum nimmt dabei die Diskussion über das Bauhaus in Weimar und Dessau ein. Die nationalsozialistische Politik gegen die „entartete Kunst“ wird ebenso erläutert wie die Debatte über die heraufkommende ungegenständliche Malerei.

Keine Chance auf Rückkehr nach Braunschweig
Otto Ralfs war jahrelang Eigentümer der weltweit größten Sammlung von Paul Klee-Zeichnungen – sie kamen ihm in Polen abhanden. „Später tauchten einige davon bei Auktionen auf. Aber Käte Ralfs‘ Versuche, ihre Eigentumsrechte geltend zu machen, scheiterten“, berichtet Gilbert Holzgang im Gespräch mit dem „Löwen“. Die vielen Werke von Kandinsky, die Ralfs besaß, verbrannten am 15. Oktober 1944 in Braunschweig. Einige Arbeiten, die er trotz dieser Schicksalsschläge ansammelte, sind im vorliegenden Buch abgebildet. Es ist unter anderem mit Unterstützung der Richard Borek Stiftung entstanden.
Info:
Großformat, Hardcover, 320 Seiten, 220 Abbildungen, Register von 650 Personen
Michael Imhof Verlag, Petersberg
ISBN 978–3‑7319–1604‑8
Euro 39,95
Kontakt:
E‑Mail: info@galka-scheyer.de





