Vor 65 Jahren: Aprildemo und Staub beim Abbruch
Herzogliches Kalenderblatt, Folge 11: Beim Abriss des Residenzschlossses vor 65 Jahren wurde Braunschweig Schauplatz einer der ersten Großdemonstrationen seit Kriegsende.
Im August 1960 war der Abbruch der Schlossruine beendet, später als von den Verantwortlichen geplant. Drei der vier Gutachten von 1959/60 zum Zustand des Gebäudes hatten auf die Mauerfestigkeit immer wieder hingewiesen und die Wiederherstellbarkeit des Schlosses empfohlen, nur ein Gutachten widersprach. Darauf aber stützte sich allein der SPD-geführte Stadtrat. Tatsächlich lag im August eine „große Staubwolke“ über der Abbruchstelle.
Die beauftragten Architektur-Professoren der TH Braunschweig hatten sich in ihren Beurteilungen also nicht geirrt. Sie hatten ihre Begutachtungen auf Bitten der Stadt unternommen und die Ergebnisse in einem offenen Brief am 24. April veröffentlicht. Oberbürgermeisterin Martha Fuchs schob die Rettungsversuche jedoch beiseite. Selbst die Proteste der erhitzten Öffentlichkeit aus Braunschweig, der Region und aus dem ganzen Bundesgebiet seit Januar, es sei für eine Rettung der Braunschweiger Schlossruine noch nicht zu spät, ließ der Stadtrat ins Leere laufen. Nichts fruchtete.
Großdemonstration in Braunschweig
So traf es auch am 23. April die große Demonstration vor dem Schloss, die Gottfried Hartwieg, Vorsitzender im Landesverein für Heimatschutz, Kaufmann Richard Borek und der Architekt Helmut Ebbecke ausgerichtet hatten. Am 21. April hatte Richard Borek eine ganzseitige Anzeige in der Braunschweiger Zeitung geschaltet, die zum Kommen aufrief: „Auch die Schloßfassade sinkt jetzt in Trümmer. Braunschweiger Bürger! Man zerstört das Gesicht Eurer Heimatstadt“. Der Unternehmer ließ auch noch Flugblätter in der hauseigenen Druckerei anfertigen und sorgte für die Lautsprecherwagen. Etwa 3.000 Besucher kamen an jenem Sonnabend im April ab Mittag vor das Schloss, so dass die Abbrucharbeiten für einige Stunden unterbrochen wurden. Gottfried Hartwieg beschwor von der ‚Rednerbühne‘, einer LKW-Ladefläche, die Zuhörer: „Die Kundgebung ist einberufen worden…, um zu beweisen, daß sich nicht nur ein kleiner Teil der Bevölkerung für die Erhaltung des Schlosses eingesetzt hat“.
Es war eine der ersten Großdemonstrationen in der jungen Bundesrepublik. Die Deutsche Presseagentur berichtete ausführlich über dieses Volksbegehren in der Stadt an der Zonengrenze. Die lokale Braunschweiger Zeitung lehnte diese erste Bürgerinitiative jedoch ab. Besonders die Angriffe auf Oberbürgermeisterin Fuchs missfielen ihr, obwohl sie zutrafen, denn Fuchs war eine entscheidende Befürworterin des Abbruches! Sie hätte ihn, wenn sie es gewollt hätte, verhindern können.

Flugblatt Richard Boreks zur Demonstration gegen den Schossabbruch am 23.April 1960;
oben links: Borek vorm Schloss am Mikrofon; darunter: Die ehemalige Herzogin Victoria Luise in der Menschenmenge.
Reaktion auf das Bürgerbegehren
Hatte die Kundgebung Eindruck auf die Stadtverordneten gemacht? Nein! Im Gegenteil: zwei Tage später berichtet die Braunschweiger Zeitung am 25.4.1960, dass der Stadtrat die ersten Mittel für die Planung der Stadthalle am Hauptbahnhof freigab. Ihre Herauslösung aus dem Schlossaufbau hatte diesem im Herbst 1959 den Boden entzogen. Der Artikel in der BZ vom 25.4.1960 betonte Wille des Stadtrates zum Aufbau der Stadt versagte beim Schloss völlig, aber beschied der Stadt Projekte, die Jahre später abgelehnt wurden: Der viel zu große J.-F.Kennedy-Platz und das Kerntangentenquadrat zergliedern noch heute die Stadt. Erst 2006 konnte z. B. der monströse Bohlweg zurückgebaut werden.
Immerhin: wenigstens hat die geschundene, östliche Stadtmitte mit der weitgehenden Schlossrekonstruktion ihre städtische Großzügigkeit wieder gewonnen, was schon 1960 mit gutem Willen hätte erreicht werden können.
Leser, die die damalige Diskussion in der BZ in Breite erfahren möchten, seien auf die Veröffentlichungen des Autors hingewiesen, so in: Das ehemalige Residenzschloss zu Braunschweig. Eine Doumentation über das Gebäude und seinen Abbruch, Braunschweig 1993³.