Mehr als 1000 Bücher brannten auf dem Schloss­platz

Gedenkplatte auf dem Schlossplatz. Foto: der Löwe
Gedenkplatte auf dem Schlossplatz. Foto: der Löwe

Kampagne „Wider den undeut­schen Geist“ war ein Fanal für all das Schreck­liche, was Natio­nal­so­zia­listen anrichten sollten.

Am 10. Mai jährt sich eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zum 93. Mal. Die im ganzen Reich grassie­rende und in der sogenannten Bücher­ver­bren­nung gipfelnde Kampagne „Wider den undeut­schen Geist“ war ein Fanal für all das Schreck­liche, was Natio­nal­so­zia­listen von 1933 bis 1945 anrichten sollten. In Braun­schweig fand die Bücher­ver­bren­nung auf dem Schloss­platz statt.

Rektor Horrmann schritt voran

Studenten Techni­schen Hochschule waren gemeinsam mit Rektor Paul Horrmann zum Schloss­platz aufge­bro­chen, um dort Bücher misslie­biger Autoren zu verbrennen. Viele Bürger betei­ligten sich oder waren als Zuschauer anwesend. Zuvor waren sie aufge­for­dert worden, den Natio­nal­so­zia­listen die „Schund­li­te­ratur“ aus ihren Bücher­re­galen zu holen und abzugeben. Derartige Verbren­nungen fanden in mehr als 90 deutschen Städten statt.

Bei den Bücher­ver­bren­nungen wurden Werke jüdischer, pazifis­ti­scher und marxis­ti­scher Autoren vernichtet. Zu den promi­nen­testen Betrof­fenen zählten Heinrich Mann, Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Erich Maria Remarque. Es ging den Natio­nal­so­zia­listen darum, opposi­tio­nelle Stimmen verstummen zu lassen und kultu­relle Vielfalt syste­ma­tisch zu zerstörten.

Gedenkplatte am Volksfreundehaus. Foto: der Löwe
Gedenk­platte am Volks­freun­de­haus. Foto: der Löwe

Eine lange „Schwarze Liste“

Eine ständig erwei­terte „Schwarze Liste“ umfasste im Mai 1933 nach Angaben der Bundes­zen­trale für politi­sche Bildung allein 131 Namen der „Schönen Literatur“ und 141 Autorinnen und Autoren der „Politik- und Staats­wis­sen­schaften“. 1939 enthielt die „Liste 1 des schäd­li­chen und unerwünschten Schrift­tums“ 4.175 Einzel­titel und 565 Verbote von Gesamt­werken.

Der mit den Natio­nal­so­zia­listen sympa­thi­sie­rende Horrmann war in das Rekto­renamt gekommen, weil sein Vorgänger Johann Gustav Gassner auf Druck von Dietrich Klagges, damals Volks­bil­dungs­mi­nister im Freistaat Braun­schweig, zurück­treten musste. Klagges wurde am 6. Mai 1933 zum Minis­ter­prä­si­denten des Freistaates Braun­schweig ernannt. Nur vier Tage später kam es zur Bücher­ver­bren­nung auf dem Schloss­platz.

Heute erinnert eine Gedenk­platte auf dem Schloss­platz an diese Ereig­nisse. Sie befindet sich an der histo­ri­schen Stelle der Verbren­nung und trägt das berühmte Zitat von Heinrich Heine: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Die 2010 errich­tete Tafel verdeut­licht, dass die Bücher­ver­bren­nung nicht nur ein Angriff auf Literatur, sondern ein Vorbote umfas­sender Gewalt und Verfol­gung war. In Braun­schweig wurden auf dem Schloss­platz insgesamt mehr als 1.000 Werke vernichtet, davon allein 640 Bände aus dem Bestand der damaligen Techni­schen Hochschule.

Erinnerungstafel vor dem Schloss. Foto: der Löwe
Erinne­rungs­tafel vor dem Schloss. Foto: der Löwe

Schon im März brannten Bücher

Unrühm­lich ist auch, dass es nicht die erste Bücher­ver­bren­nung in Braun­schweig war. Denn bereits vier Tage nach der Wahl zum Reichstag am 5. März 1933, aus der die NSDAP mit 43,9 Prozent der Stimmen als stärkste Kraft hervor­ging, hatten SS-Schergen das Volks­freund­haus mit den Geschäfts­räumen der SPD besetzt. Dabei wurde der Kaufmann Hans Salle erschossen. Die SS-Leute verbrannten beschlag­nahmte Bücher, Akten und Druck­schriften auf dem nahege­le­genen Ackerhof. Es war eine der ersten Bücher­ver­bren­nungen nach Dresden am 7. März 1933 überhaupt.

An der Hauswand zum Ackerhof hat das Friedens­zen­trum Braun­schweig eine Gedenk­tafel angebracht. Darauf heißt es: „Am 9.3.1933 stürmte die zwei Tage vorher aus SA und SS aufge­stellte ‚Hilfs­po­lizei‘ das Volks­freund­haus, inhaf­tierte, folterte und tötete Gegner. Mehrere Tage lang brannte auf dem Ackerhof ein Schei­ter­haufen, auf dem die Bücher der Volks­buch­hand­lung, das gesamte SPD-Partei­ar­chiv, die Akten der Gewerk­schaften und anderer Verbände vernichtet wurden.“

Das könnte Sie auch interessieren

  • Figuren­theater Faden­schein: Wo Objekte zum Leben erwachen

    Figuren­theater Faden­schein: Wo Objekte zum Leben erwachen

    Viele Kinder sehen ihr erstes Theaterstück im Figurentheater Fadenschein. Doch das Theater zeichnet sich auch durch ein internationales Festival und innovative, genreüberschreitende Stücke für aus. Weiterlesen

  • Außer­ge­wöhn­li­ches zum Erinnern

    Außer­ge­wöhn­li­ches zum Erinnern

    Das dritte Memorial-Konzert des Staats­or­ches­ters thema­ti­siert die Bücher­ver­bren­nung 1933 und die Zerstö­rung der jüdischen Synagoge 1938. Es ist ein beson­deres Konzert, an einem beson­deren Ort mit einem beson­deren Anlass: Das Staats­or­chester Braun­schweig thema­ti­siert mit seinem „Memorial III – zerstörtes Denken“ die Bücher­ver­bren­nung durch die Natio­nal­so­zia­listen. Weiterlesen

  • Überzeugter Welfe und Kämpfer für die heutige TU

    Überzeugter Welfe und Kämpfer für die heutige TU

    Mathematiker Richard Dedekind erwarb sich im 19. Jahrhundert große Verdienste um den Ruf und die Weiterentwicklung Braunschweigs als Hochschulstandort. Weiterlesen

  • „Mit mir hätte Hitler den Krieg auch nicht gewonnen“

    „Mit mir hätte Hitler den Krieg auch nicht gewonnen“

    Vor 80 Jahren, am 12. April 1945, endeten in Braunschweig der verheerende Zweite Weltkrieg und die schreckliche NS-Herrschaft. Zu diesem Jahrestag gibt Ralph-Herbert Meyer Einblick in die persönlichen Erinnerungen seines Vaters aus dieser Zeit. Weiterlesen

  • Hunger nach Kultur

    Hunger nach Kultur

    75 Jahre Kriegsende, Folge 5: Durch Plünderung und Zerstörung waren bei den ausgelagerten Braunschweigischen Sammlungsbeständen unersetzliche Verluste eingetreten. Weiterlesen

  • 7,50 Schilling wurden zum Verhängnis

    7,50 Schilling wurden zum Verhängnis

    Ausstel­lung und Katalog  beschäf­tigt sich mit Hitlers Einbür­ge­rung in Braun­schweig und facet­ten­reich mit dem, was folgte: von Lager 21 über das Straf­ge­fängnis in Wolfen­büttel, die zerstörte Synagoge in Seesen, den Stich­kanal Salzgitter bis hin zum Bau der „Stadt des KdF-Wagens“ bei Fallers­leben.  Die Arbeits­gruppe der Heimat­pfleger in der Braun­schwei­gi­schen Landschaft setzt sich in ihrer aktuellen… Weiterlesen