Zurück in Braun­schweig! Die Geschichte eines wieder­ent­deckten Schloss­in­ven­tars

Braunschweig, Schloss, Leuchter, Kerzenbeleuchtung, Gartensaal, 1868
Braunschweig, Schloss, Leuchter, Kerzenbeleuchtung, Gartensaal, 1868

Objekt des Monats, Folge 30: Die histo­ri­schen Leuchter aus dem herzog­li­chen Residenz­schloss Braun­schweig

Nun sind sie wieder da! Ein lang gehegtes Projekt, das sich über mehr als 15 Jahre erstreckte, fand nun seinen glück­li­chen Abschluss.

Als das Schloss­mu­seum in der rekon­stru­ierten Residenz der Braun­schwei­gi­schen Herzöge 2011 eröffnet wurde, war alles so, wie erhofft: Die Ausstel­lung war auf wissen­schaft­li­cher Grundlage einge­richtet und vermit­telte den Besuche­rinnen und Besuchern ein umfas­sendes Bild des herzog­li­chen Hofes und seiner Bewohnern im 19. Jahrhun­dert. Das Einzige, was fehlte, waren die Leuchter im Weißen Saal. Statt histo­ri­scher Leuchter spendeten unter der wieder­ge­won­nenen, aufge­malten Fächer­decke drei Design­leuchter aus den 1960er Jahren das nötige Licht. Sie galten als Übergangs­lö­sung, verbunden mit der Hoffnung, eines Tages einen angemes­senen Ersatz zu finden. Genau so kam es.

Braunschweig, Schloss, Nordflügel, elektrifizierte Leuchter, Gartensaal, um 1900
Braun­schweig, Schloss, Nordflügel, elektri­fi­zierte Leuchter, Garten­saal, um 1900

Auf Spuren­suche

Dank des großen Recher­che­pro­jekts der Richard Borek Stiftung hatte Schloss­kenner Dr. Bernd Wedemeyer 1996 in Erfahrung bringen können, dass im Celler Welfen­schloss noch ein Paar intakter Decken­leuchter aus dem alten Braun­schweiger Residenz­schloss hingen.

Sie stammten aus dem Garten­saal des Schlosses. Den Bauakten des Jahres 1866 entnimmt man, dass es einst acht Decken­leuchter waren, die damals das herzog­liche Hofmar­schallamt für den  größten Festsaal des Schlosses bestellt hatte.  Wegen ihres Materials – vergol­deter Zinkguss – kommen als Hersteller eigent­lich nur die herzog­li­chen Gießhütten im Harz, in Rübeland oder Zorge, in Frage. Die acht Leuchter waren 1866 der Ersatz für die beim großen Schloss­brand im Februar 1865 vernichten Decken­leuchter. Herzog Wilhelm hatte die Weisung für den Wieder­aufbau gegeben, das Schloss  „streng nach dem Gewesenen“ neu zu errichten. So werden die Leuchter von 1866 ihren 1865 zerstörten Vorgän­gern aus dem Garten­saal durchaus geähnelt haben.

Braunschweig, Schloss, Leuchter, beide Gruppen der elektrischen Halterungen, um 1910
Braun­schweig, Schloss, Leuchter, beide Gruppen der elektri­schen Halte­rungen, um 1910

Märchen­hafte Leuchter für den Garten­saal

Jener Saal am nördlich gelegenen Schloss­garten war der größte Festsaal des Schlosses. Die Gestal­tung der Leuchter spiegelte diese Lage des Saals wider: acht große Weinlaub­ranken tragen nach außen jeweils eine gedrehte Ranke, die von Efeu umwunden wird und aus deren Geäst acht Lilien­blüten heraus­ragen. Im dichten Laubwerk sitzen außerdem vier Zwerge mit Zipfel­mützen. Sie halten sich in ihrem Versteck an den großen Ranken mit ausge­streckten Armen fest. Deutli­cher als auf diese märchen­hafte Weise konnte die Pflan­zen­viel­falt des Schloss­gar­tens nicht verkör­pert werden. Die roman­ti­sche Malerei von Moritz Schwind und  Ludwig Richter stand hier gestal­te­risch Pate.

Auf den äußeren, einge­rollten Ranken sitzen fünf Lichter und eine Etage höher im Geäst am Mittel­schaft der Leuchter noch ein sechstes Licht, so dass bei acht Leuch­terarmen 48 Kerzen erstrahlen konnten. Bei acht Lüstern ergab das nicht nur eine beein­dru­ckende Licht­fülle, sondern auch eine erheb­liche Wärme­ent­wick­lung, die die Gäste gerade an den Sommer­abenden nach einer Abkühlung im Schloss­garten verlangen ließ.

Im Gegensatz zu den üppigen Garten­saal­leuch­tern waren die meisten Decken­leuchter im Residenz­schloss von geome­tri­scher, klassi­zis­ti­scher Form. Sie bestanden aus bis zu drei überein­ander gehängten vergol­deten Metall­reifen verschie­dener Durch­messer, die außen bis zu zehn kleine Leuch­terarme mit drei bis fünf Kerzen trugen. Zur Vermeh­rung des Lichterscheines waren die Reifen unter­ein­ander durch Ketten von geschlif­fenen Glasbe­hängen verbunden, die das Kerzen­licht dann wider­spie­gelten. Erst Ende des 19. Jahrhun­derts gab es auch verein­fachte Varianten des Garten­saal­leuch­ters z. B. in den Gasträumen.

Braunschweig, Schloss, Naturkundemuseum im Gartensaal um 1925
Braun­schweig, Schloss, Natur­kun­de­mu­seum im Garten­saal um 1925

Vom herzog­li­chen Schloss nach Celle

Herzog Wilhelm mochte kein elektri­sches Licht. Erst nach seinem Tode 1884 begann 1893 die allmäh­liche Elektri­fi­zie­rung des Schlosses unter Herzogs­re­gent Albrecht von Preußen (reg. 1885–1906), die unter Johann Albrecht von Mecklen­burg-Schwerin (reg. 1907–1913) voran­ge­trieben wurde. Damals, also um 1910, wurden auch die Garten­saal­leuchter nachträg­lich elektri­fi­ziert, indem man die nötige Verka­be­lung mittels Bohrungen durch die Metall­blüten führte und sie wie die Efeuranken um die metal­lenen Äste legte. Mit Abstand von unten betrachtet war auf diese Weise von der Verka­be­lung nichts zu sehen. Große Reste der alten Fassungen sind heute noch erhalten.

1918 endete auch in Braun­schweig die monar­chi­sche Zeit, und das Schloss wurde im Freistaat Braun­schweig ein vielfältig genutztes Gebäude, in dem zahlreiche Landes­ein­rich­tungen unter­ge­bracht waren, darunter auch das Natur­his­to­ri­sche Museum. Es belegte mit seinen großen Schau­stü­cken und Dioramen den Garten­saal. Weil die Garten­saal­leuchter zu tief herab hingen und störten, wurden sie abgehängt und gelangten in die Depots des Schlosses. Um 1920 verliert sich die Spur des achttei­ligen Ensembles.

Spätes­tens um 1935, als die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Schutz­staffel – kurz SS – das Schloss in ihren Besitz nahm und zur Junker­schule umbaute, wurden bis auf drei Säle alle Schloss­räume und die letzten Ausstat­tungs­stücke aus der herzog­li­chen Zeit getilgt. Außer zwei großen Möbel­gruppen von 14 Sesseln, zwei Sofas und zwei Tischen in neuklas­si­zis­ti­schen Formen (die zur Hälfte heute wieder im Thronsaal des Schloss­mu­seums stehen) sind mindes­tens auch drei der acht Leuchter für wenig Geld nach Celle verkauft worden. Die Stücke dienten zur Möblie­rung des dortigen leeren Welfen­schlosses.

Von den ‚Celler Leuchtern‘ waren zwei in vergleichs­weise gutem Erhal­tungs­zu­stand, während ein dritter nur noch fragmen­ta­risch erhalten war, als hätte er bereits lange als Ersatz­teil­lager für die beiden anderen gedient. Die vollstän­digen Leuchter fanden lange im Ostflügel des Celler Schlosses einen neuen Platz. Um 1970 wurde ihre Elektri­fi­zie­rung entfernt. Die Leuchter erhielten wieder Kerzen wie bei ihrer Anfer­ti­gung um 1866, und wurden in den Karoline-Mathilde-Sälen aufge­hängt.

Das war der Zustand des Leuch­terpaares, als es 1996 in die Liste der noch bekannten Schloss­stücke aufge­nommen wurde.

Celle, Schloss, Gartensaalleuchter von 1866, fotografiert 1996
Celle, Schloss, Garten­saal­leuchter von 1866, fotogra­fiert 1996

Die Rückkehr nach Braun­schweig

Wie erwähnt, waren die drei modernen Leuchter im Weißen Saal eine Notlösung und ließen das Ausstel­lungs­team bald Kontakt nach Celle aufnehmen. Aber erst 2019 war es soweit, dass sich das Direk­torat des Celler Bomann­mu­seums auf einen Tausch der Leuchter einließ. Grund­sätz­lich war man hier für die Rückfüh­rung von Braun­schwei­gi­schen Schloss­ob­jekten an ihren Ursprungsort, zumal sie nun sogar in ein Museum gelangten. Diese Einstel­lung begüns­tigte die Verhand­lungen mit Celle.

2022 wurden die Leuchter in Celle abgehängt, zerlegt und in sechs Kisten verpackt. Sie gingen nach Braun­schweig zu der Richard Borek Stiftung, die den Tausch mit Stiftungs­mit­teln unter­stützt hatte. Die Celler bekamen dafür zwei Leuchter nach dem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel. Ein histo­ri­scher, vergol­deter Reifen­leuchter mit 8 Leuch­terarmen außen, aufge­hängt an Ketten mit geschlif­fenen Glassteinen dazwi­schen. Ferner eine exakte Kopie davon, die die Firma Buck-Leuchten in Bielefeld herge­stellt hatte. Seit Sommer 2022 schmücken sie die beiden Karoline-Mathilde-Säle.

Damals begann auch die Überle­gung zu den histo­ri­schen Leuchtern in Braun­schweig. Bedenken gegen eine Neuelek­tri­fi­zie­rung wurden überwunden und diese nach langem Suchen nach einer geeig­neten Firma, nach Probe­stü­cken für Kabel, Leucht­mittel und Strom­stärken, nach stati­schen Geneh­mi­gungen schließ­lich durch eine Spezi­al­firma aus Wegberg bei Mönchen­glad­bach ab Oktober 2025 umgesetzt. Seit Mitte Juni hängen nun wieder die beiden Leuchter mit ihrer Elektri­fi­zie­rung, unter­stützt von einem modernen mittleren Radleuchter, im Weißen Saal, als wären sie schon immer dessen prägende Ausstat­tung gewesen.

Neues Residenzschloss, Braunschweig, Schlossmuseum, Weißer Saal, historische Leuchter, 2026
Neues Residenz­schloss, Braun­schweig, Schloss­mu­seum, Weißer Saal, histo­ri­sche Leuchter, 2026

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