Aus dem Stadtarchiv, Folge 10: der „Schwarze Herzog“ Friedrich Wilhelm
Ein Gedächtnisort für Eingeweihte ist der Obelisk in Ölper heute. Achtlos rauscht der Verkehr vorbei am halb verdeckten Denkmal an der Celler Heerstraße. Dabei erinnert er seit fast 180 Jahren gemeinsam mit anderen Monumenten und Erinnerungsorten in der Region an den legendären Zug des Herzogs Friedrich Wilhelm und seiner „Schwarzen Schar” im Jahr 1809.
Helden werden in Krisensituationen geboren. Als solche empfanden große Teile der Bevölkerung die Niederlage und den Tod ihres alten Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand in der Schlacht bei Jena und Auerstedt im Jahr 1806. Napoleonische Truppenverbände besetzten das Herzogtum Braunschweig; es wurde 1807, als auch Preußen kapitulieren musste, dem neugegründeten Königreich Westphalen einverleibt. Der französische Kaiser Napoleon Bonaparte ernannte seinen Bruder Jérôme zum Monarchen und kürte Kassel zur Hauptstadt des künstlich gebildeten Musterstaates aus den eroberten nord- und mitteldeutschen Territorien.
Von Franzosen besetzt
Aufgeklärte Geister unter den Einheimischen begrüßten die von den französischen Besatzern eingeführten Reformen: allen voran die erste Verfassung auf deutschem Boden, Aufhebung der Standesunterschiede, Religionsfreiheit, Trennung von Kirche und Staat und die geplante umfassende Bodenreform. Viele empfingen zunächst auch das neue Königspaar mit großem Jubel. Angesichts der Halbherzigkeit bei der Durchführung der Reformen, der Korruption und der hohen Abgabenlast verstummte er jedoch bald.
Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht beförderte Skepsis und Ablehnung der Fremdherrschaft. Das neue Regime reagierte mit verstärkter Überwachung und speiste damit ein erwachendes deutsches Nationalbewusstsein, zusätzlich befeuert durch antinapoleonische Propaganda verschiedenster Form.

Wenige leisteten hingegen aktiven Widerstand, nur vereinzelt unternahmen Freischärler militärische Versuche zur Bekämpfung oder Schwächung der Besatzungsmacht. Einen hohen Stellenwert im kollektiven Gedächtnis der Braunschweiger gewann vor allem der Durchzug des entmachteten Herzogs Friedrich Wilhelm und seiner selbst angeworbenen Truppe. Man nannte sie wegen ihrer schwarzen Uniformen und Totenköpfe am Tschako die „Schwarze Schar”. Mit dieser begab sich der Herzog 1809 in sein angestammtes Herzogtum, um es mit Hilfe der Bevölkerung zurückzugewinnen. Bewundernd, aber wenig tatbereit begrüßten viele ehemalige Untertanen die wagemutigen Kämpfer. Diese behaupteten sich am 1. August erfolgreich in einer Auseinandersetzung bei Ölper, wobei ihnen die militärische Fehleinschätzung der Gegner behilflich war; es folgte die Flucht Richtung Nordsee.
Mit Begeisterung empfangen
Freikorpsattacken wie diese oder diejenige des preußischen Majors Ferdinand von Schill, der in Stralsund den Tod von französischer Hand fand, zeigten wenig unmittelbare Wirkung, schädigten längerfristig aber das Image der Unbesiegbarkeit Napoleons und seiner Verbündeten. Als das Königreich Westphalen wie Napoleons gesamtes Imperium in Folge verheerender militärischer Niederlagen zusammenbrach, wurde Friedrich Wilhelm als restituierter Herzog von Braunschweig mehrheitlich mit Begeisterung empfangen. Der Erfolg gab der von Zeitgenossen wegen der erheblichen Folgen für einige seiner Anhänger nicht nur positiv beurteilten militärischen Episode im Nachhinein recht und spielte keine unerhebliche Rolle bei der Erhaltung des Herzogtums im Zuge der Neuaufteilung Europas auf dem Wiener Kongress 1814. Als Napoleon kurz darauf noch einmal versuchte, seine Herrschaft militärisch zurückzuerlangen, zögerte Friedrich Wilhelm nicht und zog erneut in den Kampf.
Sein Schlachtentod am 16. Juni 1815 bei Quatre Bras besiegelte seinen Heldenstatus. Unmittelbar danach begannen zuerst die Braunschweiger seiner in vielfacher Weise zu gedenken. Inzwischen versteht es die Geschichtsschreibung als ihre Aufgabe, nicht Heldengeschichten fortzuschreiben, vielmehr kenntlich zu machen, in welchen Zusammenhängen historischen Personen Prädikate wie „Heldin“ oder „Held“ zugeschrieben wurden.
Zum „Schwarzen Herzog“ und seinen Gedenkorten gibt es in den Archiven vielfältige Dokumente. Unterlagen über Entwurf, Errichtung und Erhaltung des gusseisernen Denkmals in Ölper, das auf Initiative des Herzogs Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg aufgestellt und am 15. Oktober 1843, zum 30. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, eingeweiht wurde, sind im Niedersächsischen Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel, überliefert. Weitere Quellen für die Planung und Errichtung von Denkmälern zum Gedenken an Herzog Friedrich Wilhelm, beispielsweise zur Verzierung der Friedrich-Wilhelm-Eiche am Petritor 1860–1861, finden sich im Stadtarchiv Braunschweig. Über den Zug des Herzogs Friedrich Wilhelm im Jahr 1809 informieren im Wesentlichen zeitgenössische Publikationen von Militär- und Privatpersonen.

Birgit Hoffmann ist Landeskirchenarchivrätin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Fundamente Braunschweigischer Regionalgeschichte“. Herausgegeben von der Braunschweigischen Landschaft.
Mit dieser Reihe in Kooperation mit dem Stadtarchiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braunschweigs im Jahr 2031 vorbereiten. Anlass dafür ist die Ersterwähnung der Stadt in der Weiheurkunde der Magnikirche von 1031.






