Ein Pfarrer, der der Kirche ins Gewissen redet

Pfarrer Dieter Rammler, der langjährige Direktor des Theologischen Zentrums der Landeskirche Braunschweig geht mit 63 Jahren in den Ruhestand. 21 Jahre lang hat er die öffentliche Diskussion über Theologie und Ethik, Kultur und Wissenschaft in der Landeskirche mitgeprägt. Seine Nachfolge steht noch nicht fest. Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung
Pfarrer Dieter Rammler, der langjährige Direktor des Theologischen Zentrums der Landeskirche Braunschweig geht mit 63 Jahren in den Ruhestand. 21 Jahre lang hat er die öffentliche Diskussion über Theologie und Ethik, Kultur und Wissenschaft in der Landeskirche mitgeprägt. Seine Nachfolge steht noch nicht fest. Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung

Dieter Rammler geht als Direktor des Theolo­gi­schen Zentrums der Landes­kirche in Ruhestand. Ein Gespräch über Gott und die Welt.

Gespräche über Gott und die Welt sind mit Dieter Rammler das reinste Vergnügen. Weil der Mann so ganz und gar nicht dogma­tisch wirkt. Weil seine Art so angenehm unauf­ge­regt ist. Und weil er nicht nur reden mag, sondern auch zuhören kann.

Logo Braunschweiger ZeitungDieser Artikel ist zuerst erschienen am 09.07.2021 (Bezahl-Artikel)

Der langjäh­rige Direktor des Theolo­gi­schen Zentrums der Landes­kirche Braun­schweig geht nun mit 63 Jahren in den Ruhestand. 21 Jahre lang hat er die öffent­li­chen Ausein­an­der­set­zung mit Theologie und Ethik, Kultur und Wissen­schaft in der Landes­kirche mitge­prägt. Seit 2010 war er Direktor der Evange­li­schen Akademie Abt Jerusalem, die sich als Theolo­gi­sches Zentrum immer mehr zu einem Ort für Bildung und Begegnung entwi­ckelt hatte.

Ein kriti­scher Mann der Kirche. Pfarrer Rammler legt den Finger in die Wunden, wünscht sich mehr Aufbruch, mehr Mut zu Verän­de­rungen. Für ihn darf Kirche nicht in der Tradition verharren, sondern muss sich einlassen auf die neuen Bedürf­nisse der Menschen. „Als Theologe bin ich ein großer Verfechter eines aufge­klärten Glaubens“, sagt er. Das Überlie­ferte, Tradi­tio­nelle müsse in Einklang gebracht werden mit dem Hier und Heute. „Ich habe stets versucht, unserem Nachwuchs­pre­di­gern beizu­bringen, dass sie von sich selbst sprechen sollten. Quasi von der Kanzel auf Augenhöhe.“

In der Pandemie kam von der Kirche nur Schweigen

Sein Rat: Erzählt nicht nach! Belehrt nicht! „Das ist bei manchem mit großer Scheu verbunden, zu intim.“ Doch es gehe nicht um Seelen­strip­tease, sondern darum, über eigene Erfah­rungen zu sprechen. Erfah­rungen, die beim Zuhörer zu neuen Erfah­rungen werden könnten.

Rammler fürchtet um die Kirche. „Was wir an Glaub­wür­dig­keit verlieren, ist so gewaltig“, sagt er. Corona? „Die Krise hat das Schweigen der Insti­tu­tion offenbart. Die Kirche hatte dazu so wenig zu sagen.“ Dabei müsse sie doch so viel mehr Teil des Ganzen sein. Das kirch­liche Leben sei so ausge­dünnt, förmlich am Verdunsten. „Es ist Sonntag – und keiner geht hin!“, sagt er und meint das Kirchen­ge­bäude. „Öffnen wir alle Kirchen und Kapellen, auch wochen­tags, überlassen wir sie den Menschen und sehen, was passiert. Den Versuch wär‘s wert.“

Das Chris­tentum ist in den Grund­festen erschüt­tert

Gerade erst hat Rammler einen Essay veröf­fent­licht: „Glauben ohne Dogma. Eine Spuren­suche“. Darin heißt es etwa: „Nüchtern bilan­zie­rend müssen wir uns heute wohl einge­stehen, dass das Chris­tentum zumindest in Mittel­eu­ropa in seinen Grund­festen erschüt­tert ist. Nach meinem Eindruck hat die überwie­gende Zahl derer, die sich als gläubig bezeichnen, große Probleme, überkom­mene Glaubens­vor­stel­lungen mit dem modernen Verständnis von Wirklich­keit in Einklang zu bringen.“

Rammler sieht zwei Lösungs­wege: „Radikal denken und uns illusi­onslos dem Gegenwind stellen, unsere Tradi­tionen ohne Hinter­tür­chen dem heutigen Wirklich­keits­ver­ständnis aussetzen, um heraus­zu­finden, was an diesem Glauben standhält und für unser Leben elementar bleibt.“ Einmi­schen, Mitwirken, nahe an den Menschen und Teil ihrer Lebens­welt sein, das könnte ein Weg sein.

Weg von Recht­ha­berei und Polari­sie­rung

Rammler setzt grund­sätz­lich auf den Austausch. Weg von Recht­ha­berei und Polari­sie­rung. „Die Leute werden heute doch wie Gladia­toren aufein­an­der­ge­hetzt. Dabei ist ein gepflegter Diskurs gefragt, Offenheit und Inklusion statt Denken in Dogmen und Ausgren­zung.“ Er könne leiden­schaft­lich böse werden, wenn Menschen diese Regeln verletzten.

Rammler ist sich sicher, dass die Kirche sich verändern muss, will sie überleben. „Es ist Zeit für Experi­mente“, sagt er. Die Kirche brauche Bewegung und wohl auch ein wenig Ungehorsam. „Ich würde nicht auf eine Geneh­mi­gung warten, um ein gemein­sames Abendmahl mit evange­li­schen und katho­li­schen Christen zu feiern.“ Seine Geduld sei erschöpft. Und irgend­wann im Gespräch sagt er auch: „Neues kann nur durch Begegnung mit Fremdem, durch Reibung entstehen.“

Konsum macht nicht satt und glücklich

Viele Menschen hätten eine doktri­näre Form des Chris­ten­tums erlebt. Diese Zeiten müssten vorbei sein. Auch wenn sich viele von der Kirche abgewandt hätte, seien sie doch auf der Suche nach Spiri­tua­lität und Werten.“ „Die Menschen merken, dass der Konsum sie nicht satt und glücklich macht. Und wie wir in Zukunft leben wollen, ist eine Frage, die viele beschäf­tigt.“

Er sei immer sehr gerne Lehrer und Ausbilder gewesen, betont Rammler. „Und wir konnten mit der Akademie in die Stadt­ge­sell­schaft hinein wirken und ein Forum sein.“ Die Kirche als Ort der Begegnung. Das habe ihm immer große Freude bereitet.

Nach dem Krebs die Priori­täten neu gesetzt

Im vergan­genen Jahr musste Rammler eine Krebs­er­kran­kung bewäl­tigen. Es geht ihm wieder gut. Doch die Priori­täten sind neu gesetzt. Die Familie steht ganz oben auf der Liste. Daher auch der frühe Ausstieg aus dem Amt. Er freut sich nun auf Tage ohne Zeitdruck. Auf morgend­liche Hunde­spa­zier­gänge in aller Muße. Die Krankheit hat ihn abermals Demut gelehrt. Carpe Diem: Nutze den Tag!

„Aber das Leben gibt es auch nicht ohne Tod und Sterben. Wir sind aus Sternen­staub gemacht und werden es wieder.“ Er fühle sich gut, so einge­bunden als Teil von etwas Größerem, einge­bettet ins Universum. Nein, wir sollten uns nicht zu wichtig nehmen, sagt Rammler lächelnd.

Zur Person

Dieter Rammler übernahm im Jahr 2000 zunächst die Leitung des Predi­ger­se­mi­nars der Landes­kirche, das für die Ausbil­dung von Vikarinnen und Vikaren zuständig war. Seit 2014 erfolgt die Ausbil­dung im Vikariat mit anderen nieder­säch­si­schen Kirchen in Loccum. 2002 engagierte er sich bei der Gründung des Ateliers Sprache und etablierte mit Pfarrerin Ingrid Drost von Bernewitz und Professor Dr. Martin Nicol ein bundes­weit geach­tetes Institut zur Förderung der Predigt­kultur.

Seit 2008 widmete sich Dieter Rammler außerdem der Verlei­hung des Abt-Jerusalem-Preises, der von der Landes­kirche, der Techni­schen Univer­sität Braun­schweig, der Braun­schwei­gi­schen Wissen­schaft­li­chen Gesell­schaft und der Stiftung Braun­schwei­gi­scher Kultur­be­sitz verliehen wird. Der Preis würdigt wissen­schaft­liche Leistungen, die dem Dialog zwischen Natur‑, Ingenieur- und Geistes­wis­sen­schaften dienen.

Zu zahlrei­chen weiteren Projekten zählte auch das Café Kreuzgang und die Entwick­lung des Braun­schweiger Jakobs­weges zwischen Magdeburg und Höxter: eine Koope­ra­tion von Landes­kirche Braun­schweig, Bistum Hildes­heim und Stiftung Braun­schwei­gi­scher Kultur­be­sitz.

Logo Braunschweiger ZeitungDieser Artikel ist zuerst erschienen am 09.07.2021 und erreichbar unter: https://www.braunschweiger-zeitung.de/braunschweig/article232744055/Ein-Pfarrer-der-der-Kirche-ins-Gewissen-redet.html (Bezahl-Artikel)

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