Das Stadtarchiv hat die Memoiren des jüdischen Arztes Walter Heinemann als Braunschweiger Werkstück veröffentlicht
Das Manuskript der Lebenserinnerungen des jüdischen Arztes Walter Heinemann (1883–1968) aus Braunschweig lag jahrzehntelang versteckt und unbeachtet im New Yorker Leo Baeck Institut. Jetzt hat das Stadtarchiv Braunschweig die Memoiren – ausführlich kommentiert und reich bebildert – herausgegeben. Darin schildert Heinemann seinen persönlichen und beruflichen Werdegang: von seiner Kindheit in Braunschweig, dem Medizinstudium in Berlin, der Niederlassung als Magen-Darm-Spezialist in seiner Heimatstadt bis hin zu seiner Emigration und dem Neuanfang in New York. Er benennt auch die antisemitischen Anfeindungen, denen er und seine Familie ausgesetzt waren – schon lange vor Beginn des Nationalsozialismus mit Hitlers Machtergreifung 1933 und der sogenannten Reichsprogromnacht 1938, als in ganz Deutschland die Synagogen brannten.
Maschinengeschriebenes Manuskript
Heinemanns Erinnerungen entdeckte der Internist Harro Jenss (Worpswede), der als ehrenamtlicher Archivar der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) zu ehemaligen jüdischen Mitgliedern der Gesellschaft recherchiert. Gemeinsam mit dem Medizinhistoriker Benjamin Kuntz (Berlin) vom Robert-Koch-Institut wandte er sich im Jahr 2024 an die Stadt Braunschweig mit der Idee, diese Lebensgeschichte zu veröffentlichen. Das ist nun unter Federführung des Stadtarchivs mit der Historikerin und Archivarin Meike Buck in der Reihe Braunschweiger Werkstücke unter dem Titel „Walter Heinemann: Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe. Lebenserinnerungen eines jüdischen Arztes“ auf beeindruckende Art und Weise gelungen. Ausgangsmaterial war ein maschinengeschriebenes Manuskript. Daraus ist ein auf 256 Seiten gut lesbarer und ergreifender Text geworden.

Antisemitismus als zweite Ebene
„Auf den ersten Blick ist es eine Sammlung von Anekdoten und kurzweiligen Erzählungen, bei denen ich oft lachen musste. Hinzu kommt jedoch als zweite Ebene die des Antisemitismus“, berichtet Meike Buck. Heinemann habe aus einer bürgerlichen Familie gestammt, sei in Vereinen aktiv und gut vernetzt gewesen. „Trotzdem erlebten er und seine Familie ständig Antisemitismus. Ich war erschrocken, wie sachlich und nüchtern Heinemann davon berichtet. Denn es zeigt, dass er und seine Familie an Ausgrenzungen und Benachteiligungen gewöhnt waren. Das war für sie normal“, erläutert Meike Buck weiter.
Im Rennebergs inhaftiert
Heinemann war einer der ersten, die die damals neue Röntgentechnik zur Diagnose einsetzten. Seine Praxis befand sich in der Friedrich-Wilhelm-Straße, später am Bruchtorwall. Seine Patientenliste las sich wie das Who-is-who der Braunschweiger Stadtgesellschaft um die Jahrhundertwende und Anfang des 20. Jahrhunderts. 1933 wurde Walter Heinemann dennoch gemeinsam mit zwei anderen jüdischen Ärzten verhaftet. Im Gefängnis Rennelberg traf er auch den dort inhaftierten Braunschweigischen Ministerpräsidenten Heinrich Jasper. Die lockeren, anekdotenhaften Schilderungen Heinemanns stehen also im krassen Gegensatz zu den bitteren Schicksalen jener Zeit mit systematischer Verfolgung, organisierter Vernichtung, Selbstmorden aus Verzweiflung und Flucht aus der Heimat.

Neue Existenz in New York
„Aufgrund der politischen Lage Mitte der 1930er-Jahre war er gezwungen, die Stadt zu verlassen. Schließlich ließ er sich in New York nieder, wo er seine Approbation erneut erwarb und weitere 20 Jahre erfolgreich praktizierte, bevor er 1960 in den Ruhestand ging. Danach beschloss er, diese Memoiren zu schreiben, um seinen Lebensweg in einer traumatischen Zeit festzuhalten, vielleicht als Reflexion seiner eigenen Leistungen oder auch als Dokument für seine Kinder, um ihnen zu helfen, seinen Weg zu verstehen“, schreibt seine Großtochter Suzan Goldhaber im Vorwort des Buchs.
Anfangs kostete es Überzeugungsarbeit ihre Einwilligung für die Veröffentlichung der Memoiren ihres Großvaters zu erhalten. Als sie das Manuskript allerdings in der englischen Übersetzung lesen konnte, wurde ihr der historische Wert der Aufzeichnungen bewusst. „Ich hoffe, dieses Projekt wird auch das Bewusstsein und die Erinnerung an die Beiträge der unzähligen verfolgten und ermordeten Juden zur deutschen Gesellschaft stärken“, schließt sie ihr emotionales Vorwort.
Als Heinemann seine Erinnerungen in New York aufschrieb, fiel sein Blick immer wieder auf eine Bronzefigur, die ihn bereits seit mehr als 50 Jahren begleitet hatte. Es war eine Miniaturausgabe des Braunschweiger Löwen, das Wahrzeichens seiner Heimatstadt. Heinemann war 1935 aus Deutschland nach Palästina geflohen, 1936 über England weiter in die USA gelangt. Dort, im Exil, hatte er sich eine neue Existenz aufgebaut – der bronzene Löwe war immer dabei.
Emotionale Bindung blieb
Die emotionale Verbindung zu seiner Heimatstadt, die Heinemann 1960 – nach 25-jähriger Abwesenheit – erstmals wieder besuchte, blieb immer bestehen. Walter Heinemanns Enkelin schenkte die von ihm erwähnte Bronzeminiatur einer befreundeten Braunschweiger Familie, die sie dem Braunschweigischen Landesmuseum 2021 als Leihgabe für die Ausstellung im Jüdischen Museum zur Verfügung stellte. So kehrte dieses Stück persönlicher Geschichte von Walter Heinemann nach Braunschweig zurück.

Fakten
Walter Heinemann: Auf dem Schreibtisch der Braunschweiger Löwe. Lebenserinnerungen eines jüdischen Arztes.
Herausgegeben von Meike Buck, Harro Jenss, Benjamin Kuntz
Reihe: Braunschweiger Werkstücke; Bd. 126
256 Seiten, 93 Abb., geb., Schutzumschlag, 15,5 x 23 cm
ISBN 978–3‑8353–5888‑1
20 Euro
Erhältlich im Buchhandel und im Stadtarchiv Braunschweig
Leo Baeck Institut
Das Leo Baeck Institut ist eine unabhängige Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums mit drei Teilinstituten in Jerusalem, London und New York. Das Ziel des Instituts ist es, die Geschichte des deutschsprachigen Judentums zu bewahren. Ein Großteil der Bestände ist digitalisiert und die Dokumente wurden online gestellt, sodass sie interessierten Einzelpersonen und Forschern weltweit zugänglich sind.
Braunschweiger Werkstücke
Das Stadtarchiv gibt seit 1925 regelmäßig eigene Veröffentlichungen heraus. Die wichtigste Reihe ist die der „Braunschweig Werkstücke“, die von Stadtarchiv und Stadtbibliothek gemeinsam herausgegeben werden. Im Rahmen der über 100 Bände zählenden Reihe werden regelmäßig Arbeiten zur Braunschweiger Stadt- und Kulturgeschichte publiziert.



