Objekt des Monats, Folge 31: Eine Schnupftabaksdose aus der Manufaktur Stobwasser mit der Darstellung der „Apfelernte“
Die Obsternte gehört zu den beliebten Motiven der Landschafts- und Genremalerei des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Solche Darstellungen der herbstlichen Erntezeit erfreuten sich großer Beliebtheit. Auch die Feinmaler der berühmten Braunschweiger Stobwasser-Manufaktur griffen solche Szenen auf und übertrugen sie in kunstvoller Miniaturmalerei auf aus Papiermaché gefertigte Lackdosen. Die im 18. Jahrhundert im Zuge der von Herzog Carl I. geförderten wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung Braunschweigs gegründete Manufaktur, deren Erzeugnisse in nahezu ganz Europa geschätzt wurden, schuf damit Werke von bemerkenswerter künstlerischer Qualität, wie eine Schnupftabaksdose aus Papiermaché um 1820 aus der Sammlung der Richard Borek Stiftung eindrucksvoll zeigt.
Herbst-Idylle en miniature
Die hier minutiös ausgeführte Szene zeigt die gemeinsame Apfelernte in einem Obstgarten. Über die gesamte Bildfläche verteilt sind Männer und Frauen und ein Junge in zeitgenössischer Kleidung mit den unterschiedlichen Arbeiten der Ernte beschäftigt: Die hier minutiös ausgeführte Szene zeigt an einem freundlichen Herbsttag die gemeinsame Apfelernte in einem Obstgarten. Während ein Erntehelfer links im Bild auf einer Leiter steht und die reifen Früchte pflückt, hat sich ein zweiter auf der rechten Bildhälfte in die Äste eines Baumes begeben, um die hoch hängenden Äpfel zu erreichen. Unter den Bäumen halten mehrere Frauen ihre Schürzen auf, um die Ernte entgegenzunehmen. Andere sammeln Früchte vom Boden auf und füllen sie in Körbe. Auch ein Junge beteiligt sich an der Arbeit und liest unter der Leiter Äpfel auf. Im Hintergrund trägt eine Frau die Ernte fort: Auf dem Rücken trägt sie einen prall gefüllten Kiepenkorb, während sie in jeder Hand einen weiteren Korb hält. Im Hintergrund ist zwischen den Obstbäumen ein Bauernhaus zu sehen, zu dem die geernteten Äpfel gebracht werden. Die Vielzahl der dargestellten Figuren und Tätigkeiten verleiht der Szenerie große Lebendigkeit und vermittelt zugleich den Eindruck einer besonders reichen Ernte.

Alltagswelten für jedermann
Wie bei vielen Lackmalereien der Stobwasser-Manufaktur dürften auch dieser Darstellung druckgrafische oder malerische Vorlagen zugrunde gelegen haben. Die Szene steht in der Tradition der Landschafts- und Genremalerei des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, in der ländliche Arbeiten, Ernteszenen und Darstellungen der Jahreszeiten zu den beliebten Bildthemen zählten. Solche Gemälde und grafischen Blätter wurden von den Künstlern aufgegriffen und in auf die Lackwaren übertragen, wenn meist auch in abgewandelter Form. Derartige Szenen entsprachen dem Geschmack der Zeit. Anders als höfische oder historische Darstellungen richtet sich der Blick hier auf das Alltägliche.
Das Motiv verbindet damit zwei wesentliche Aspekte der Stobwasserschen Produktion: die technische Meisterschaft der Lackmalerei und die Fähigkeit, zeitgenössische Bilderwelten in dekorative Kunstobjekte für den bürgerlichen Haushalt zu übertragen. Die friedvolle Darstellung der Ernte lädt den Betrachter auch heutzutage noch dazu ein, in eine idealisierte ländliche Welt einzutauchen, in der Arbeit, Natur und Gemeinschaft in ausgewogenem Einklang erscheinen.
Lackkunst- Ausstellung im Schlossmuseum Braunschweig
Neben solchen Alltagsszenen umfasste das Bildrepertoire der Stobwasser-Manufaktur auch Landschaftsdarstellungen, Porträts sowie Motive aus Religion, Mythologie, Geschichte, Politik und Erotik. Ausgewählte Beispiele dieser vielfältigen Themenwelt sind ab dem 16. Oktober 2026 in der Ausstellung „Glanzmomente − Lackkunst aus dem herzoglichen Braunschweig“ im Schlossmuseum Braunschweig zu sehen.



