Musik statt Maschi­nen­lärm

Noch sind eine Menge Sanierungs- und Umbauarbeiten erforderlich. Foto: Nina Stiller
Noch sind eine Menge Sanierungs- und Umbauarbeiten erforderlich. Foto: Nina Stiller

Aus der ehema­ligen Fabrik „Schönau & Frölich“ wird die Veran­stal­tungs­halle „Schön & Frölich“.

Die Applaus Kultur­pro­duk­tionen GmbH will im April 2026 in der ehema­ligen Großraum­dis­ko­thek Jolly Joker an der Broit­zemer Straße die Veran­stal­tungs­halle „Schön & Frölich“ eröffnen. Der Name ist an die an dieser Stelle im Jahr 1908 als „Schönau & Frölich“ errich­tete Maschi­nen­fa­brik angelehnt. Dort wurde bis 1982 Verschie­denes, insbe­son­dere für die Zucker- und Konser­ven­in­dus­trie, produ­ziert.

Aktuell stehen umfang­reiche Entkernungs‑, Umbau- und Renovie­rungs­maß­nahmen an dem 2.500 Quadrat­meter großen Backstein­ge­bäude an. Es wird bei der Eröffnung der Veran­stal­tungs­halle mit seinem beson­deren Indus­triecharme begeis­tern. Das Fassungs­ver­mögen der Konzert­halle wird 1600 Besucher betragen und eine wirkliche Berei­che­rung für die regionale Kultur­szene sein.

Blick in die ehemalige Fabrikhalle „Schönau & Frölich“. Foto: Archiv Renate Schütt
Blick in die ehemalige Fabrik­halle „Schönau & Frölich“. Foto: Archiv Renate Schütt

Am Anfang dieser histo­ri­schen Mauern stand im Mai 1903 ein Schreiben des Ingenieurs Max Frölich an die Herzog­liche Polizei­di­rek­tion. Darin nahm er Abstand von seinem ursprüng­li­chen Vorhaben, an der Kramer­straße eine Maschi­nen­fa­brik zu errichten. Statt­dessen kündigte er an, ein Grund­stück an der Broit­zemer Staße zu erwerben.

Im August meldete er bereits Vollzug und stellte folgenden Antrag: „Unter­zeich­nete, welche auf dem Grund­stück Broit­zemer Str. 5 eine Maschi­nen­fa­brik bauen wollen, bitten die Hzgl. Polizei Direktion ergebenst um Conces­sion Erteilung, für den Betrieb, welcher am 2.1.04 eröffnet werden soll. Fr. Schönau, Max Frölich“.

Buch über die Indus­trie­ge­schichte

In seinem Buch „Maschinen, Fußbälle und Konserven. Das Westliche Ringge­biet – ein ehema­liges Indus­trie­viertel“ widmet Autor Klaus Hoffmann der Geschichte von „Schönau und Frölich“ ein eigenes Kapitel. In dem von plankontor Stadt & gesell­schaft heraus­ge­ge­benen Buch, hat der ehemalige Stadt­teil­hei­mat­pfleger des Westli­chen Ringge­biets 51 Fabriken und Handwerks­be­triebe beschrieben.

Neben der jewei­ligen Firmen­ge­schichte hat er darüber hinaus akribisch und kennt­nis­reich die damaligen Lebens- und Arbeits­be­din­gungen sowie die politi­schen Verhält­nisse gleich mit dokumen­tiert. Die dritte erwei­terte Auflage des Werks erschien im Dezember 2023.

Zu „Schönau & Frölich“ heißt es: „Laut einer Statistik vom Januar 1904 wurden nach Erteilung der Konzes­sion zwei Schlos­ser­lehr­linge, ein Tisch­ler­lehr­ling und ein jugend­li­cher Arbeiter beschäf­tigt. Die Arbeits­zeit ging von 7 bis 18.30 Uhr; mit Arbeits­pausen von morgens 8 bis 8.30 Uhr, mittags von 12 bis 13.30 Uhr und nachmit­tags von 16 bis 16.30 Uhr.“

Werbung für „Schönau & Frölich“. Foto: Archiv Renate Schütt
Werbung für „Schönau & Frölich“. Foto: Archiv Renate Schütt

Herge­stellt wurden unter anderem Spezi­al­häuser für Zentri­fugen aller Art der Zucker- und Spreng­stoff­in­dus­trie, komplette Einrich­tungen für Zucker­fa­briken und Raffi­ne­rien sowie Pumpen für Saft, Kohlen­säure, Schlamm­saft und Füllmasse.

Wie so viele Betriebe musste auch „Schönau & Frölich“ unter der Schre­ckens­herr­schaft der Natio­nal­so­zia­listen für den Krieg produ­zieren. Hoffmann zitiert dazu aus einem Geschäfts­brief aus dem September 1944: „Zur Aufrecht­erhal­tung unserer Maschi­nen­fa­brik, die als Wehrbe­trieb mit fast ausschließ­li­chen Arbeiten der Sonder­stufe SS für die Militär-Pulver­fa­briken beschäf­tigt ist, muss unter den heutigen Umständen ein größerer Vorrat an Industrie-Briketts gehalten werden…“

Blütezeit im Wirtschafts­wunder

Während des Zweiten Weltkriegs war das Fabrik­ge­bäude beschä­digt worden. Die Instand­set­zungs­ar­beiten begannen im Sommer 1946. Aufträge waren genug vorhanden, weil die Zucker- und Konser­ven­fa­briken aus der gesamten Umgebung dringend Teile für Repara­turen ihrer beschä­digten Anlagen benötigten. Bei guter Auftrags­lage wurde das 50-jährige Bestehen noch groß gefeiert, aber schon 1965, nur zehn Jahre später, ging „Schönau & Frölich“ in Konkurs und war nur noch Teil der Braun­schwei­gi­schen Indus­trie­ge­schichte. Der Betrieb wurde von der Maschi­nen­fa­brik Gustav Brüser übernommen.

Das ehemalige „Jolly Joker“ war Anziehungspunkt für Generationen junger Leute. Foto: Nina Stiller
Das ehemalige „Jolly Joker“ war Anzie­hungs­punkt für Genera­tionen junger Leute. Foto: Nina Stiller

Die Produk­tion von Maschinen für die Konser­ven­in­dus­trie, wie Kirschentkern‑, Etikettier‑, Bohnen­köpf- und Stech­ma­schinen war bis 1982 rentabel, dann musste auch Brüser aufgeben. „Der Nieder­gang der Maschi­nen­fa­briken-Hochburg im ‚Wilhel­mitor-Bezirk‘, der einst für den Wohlstand im Indus­trie­ge­biet gesorgt hatte, nahm seinen Fortgang“, schreibt Klaus Hoffmann in „Maschinen, Fußbälle und Konserven. Das Westliche Ringge­biet – ein ehema­liges Indus­trie­viertel“ bedauernd.

Paul Kunze und Marco Bittner von der Applaus Kulturproduktionen GmbH auf dem Außengelände des neuen „Schön & Frölich“. Foto: Nina Stiller
Paul Kunze und Marco Bittner von der Applaus Kultur­pro­duk­tionen GmbH auf dem Außen­ge­lände des neuen „Schön & Frölich“. Foto: Nina Stiller

Eintritts­karten schon erhält­lich

Ihn wird es aber freuen, dass dem Gebäude doch erneut neues Leben einge­haucht wird und es nicht als traurige Indus­trie­brache enden muss. „Backstein, Stahl, Holz, uralte Industrie-Archi­tektur – man spürt sofort eine besondere Atmosphäre, wenn man hier drin ist“, sagt Paul Kunze, einer der Geschäfts­führer der Applaus Kultur­pro­duk­tionen GmbH. Gemeinsam mit seinen Kollegen Marco Bittner und Tim Lemke freut er sich auf die Eröff­nungs­party am 9. April 2026 geplant. Mit „Nazareth“  (12. April) und Manfred Mann’s Earth Band (7. Juni) stehen auch bereits erste Höhepunkte fest. Eintritts­karten sind bereits erhält­lich.

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