Winter­abend am Torfhaus

Günther Kaphammel, Brockenblick vom Torfhaus, 1990
Günther Kaphammel, Brockenblick vom Torfhaus, 1990

Objekt des Monats, Folge 24: Günther Kapham­mels Aquarell zwischen Landschafts­stim­mung und Zeitge­schichte

Der Winter als kälteste, dunkelste und zugleich undank­barste Jahres­zeit ist seit Jahrhun­derten dennoch ein beliebtes Motiv in der bildenden Kunst. Viele Künstler haben versucht, seine besondere Stimmung festzu­halten. Auch der Braun­schweiger Maler und Zeichner Günther Kaphammel (1926–2002) hat dem Winter mit seinem Bild von 1990 seine roman­ti­sche Seite abgewinnen können. Mit Stolz hat er sein schönes Bild unten links signiert.

Eine winter­liche Hütte im Oberharz

Inmitten einer waldigen Umgebung mit düsterer Abend­win­ter­stim­mung, schmutzig rötlichen Wolken blickt man wie beiläufig auf eine kleine Waldhütte. Mehr zeigt Kaphammel von der kleinen Ansied­lung „Torfhaus“ im Oberharz, gegenüber vom Brocken­ge­birge, nicht. Einige Wohnhäuser und eine Oberförs­terei zählten im 19. Jahrhun­dert dazu. Sie beher­bergten vor allem die Waldar­beiter und Torfste­cher, die in den Hochmooren am Brocken ihr Auskommen fanden. Teile der Siedl­ung­lagen bis 1945 auf Blanken­bur­gi­schem Gebiet. Um 1900 nahm der Fremden­ver­kehr hier zu, vor allem im Winter, da das Torfhaus­ge­biet auf 800 Meter Höhe schnee­si­cher ist. Ein erstes Hotel wurde erbaut, und seit den 1950er Jahren zählt der Ort bis heute zu einem der belieb­testen Ausflugs­ziele im Oberharz.

Winter und Frost können im Harz, dem nördlichsten Gebirge Mittel­eu­ropas, sehr kalt werden. In der einbre­chenden Dunkel­heit tritt jedoch warmes Licht aus der beschneiten Hütte hervor. Die Hütte duckt sich im Schutz der umste­henden Bäume, und es scheint dort heimelig zu sein. Man muss sich nicht mehr fürchten, wenn der Blick über die tief verschneiten, dunklen Wälder bis zum weiß verhüllten Brocken schweift.

Zeitge­schichte im Licht der Farben

Die Aquarell­technik Kapham­mels eignet sich geradezu für das Thema. Die stumpfen, gebro­chenen Wasser­farben vermit­teln durch ihren sparsamen Auftrag unter Ausnut­zung der weißli­chen Malgründe diese Stimmungen. Dabei bestimmt freilich die Palette der Weißtöne für die Schnee­mengen den Grundton, in den Rosa, Grau und zahlreiche Rot- und Grüntöne von Hell bis sehr Dunkel hinein­ge­mischt sind.

Die warme melan­cho­li­sche Abend­stim­mung wird aber noch von einem anderen Gedanken Kapham­mels begleitet. Das Entste­hungs­datum des Bildes von „1990“ weist darauf hin: Es ist das Jahr nach dem Mauerfall in Berlin am 9. November 1989. Der Zugang zum Brocken ließ nur wenige Tage auf sich warten und war ab dem 1. Dezember frei zugäng­lich. Wer jedoch vor 1989 auf dem Torfhaus stand und zum Brocken hinüber schaute, sah die militä­ri­schen Anlagen und wusste, dass auch im Tal am Fuße des Brockens Deutsch­land geteilt war. Das gehört in Kapham­mels Bild zur Vergan­gen­heit.

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