Objekt des Monats, Folge 30: Die historischen Leuchter aus dem herzoglichen Residenzschloss Braunschweig
Nun sind sie wieder da! Ein lang gehegtes Projekt, das sich über mehr als 15 Jahre erstreckte, fand nun seinen glücklichen Abschluss.
Als das Schlossmuseum in der rekonstruierten Residenz der Braunschweigischen Herzöge 2011 eröffnet wurde, war alles so, wie erhofft: Die Ausstellung war auf wissenschaftlicher Grundlage eingerichtet und vermittelte den Besucherinnen und Besuchern ein umfassendes Bild des herzoglichen Hofes und seiner Bewohnern im 19. Jahrhundert. Das Einzige, was fehlte, waren die Leuchter im Weißen Saal. Statt historischer Leuchter spendeten unter der wiedergewonnenen, aufgemalten Fächerdecke drei Designleuchter aus den 1960er Jahren das nötige Licht. Sie galten als Übergangslösung, verbunden mit der Hoffnung, eines Tages einen angemessenen Ersatz zu finden. Genau so kam es.

Auf Spurensuche
Dank des großen Rechercheprojekts der Richard Borek Stiftung hatte Schlosskenner Dr. Bernd Wedemeyer 1996 in Erfahrung bringen können, dass im Celler Welfenschloss noch ein Paar intakter Deckenleuchter aus dem alten Braunschweiger Residenzschloss hingen.
Sie stammten aus dem Gartensaal des Schlosses. Den Bauakten des Jahres 1866 entnimmt man, dass es einst acht Deckenleuchter waren, die damals das herzogliche Hofmarschallamt für den größten Festsaal des Schlosses bestellt hatte. Wegen ihres Materials – vergoldeter Zinkguss – kommen als Hersteller eigentlich nur die herzoglichen Gießhütten im Harz, in Rübeland oder Zorge, in Frage. Die acht Leuchter waren 1866 der Ersatz für die beim großen Schlossbrand im Februar 1865 vernichten Deckenleuchter. Herzog Wilhelm hatte die Weisung für den Wiederaufbau gegeben, das Schloss „streng nach dem Gewesenen“ neu zu errichten. So werden die Leuchter von 1866 ihren 1865 zerstörten Vorgängern aus dem Gartensaal durchaus geähnelt haben.

Märchenhafte Leuchter für den Gartensaal
Jener Saal am nördlich gelegenen Schlossgarten war der größte Festsaal des Schlosses. Die Gestaltung der Leuchter spiegelte diese Lage des Saals wider: acht große Weinlaubranken tragen nach außen jeweils eine gedrehte Ranke, die von Efeu umwunden wird und aus deren Geäst acht Lilienblüten herausragen. Im dichten Laubwerk sitzen außerdem vier Zwerge mit Zipfelmützen. Sie halten sich in ihrem Versteck an den großen Ranken mit ausgestreckten Armen fest. Deutlicher als auf diese märchenhafte Weise konnte die Pflanzenvielfalt des Schlossgartens nicht verkörpert werden. Die romantische Malerei von Moritz Schwind und Ludwig Richter stand hier gestalterisch Pate.
Auf den äußeren, eingerollten Ranken sitzen fünf Lichter und eine Etage höher im Geäst am Mittelschaft der Leuchter noch ein sechstes Licht, so dass bei acht Leuchterarmen 48 Kerzen erstrahlen konnten. Bei acht Lüstern ergab das nicht nur eine beeindruckende Lichtfülle, sondern auch eine erhebliche Wärmeentwicklung, die die Gäste gerade an den Sommerabenden nach einer Abkühlung im Schlossgarten verlangen ließ.
Im Gegensatz zu den üppigen Gartensaalleuchtern waren die meisten Deckenleuchter im Residenzschloss von geometrischer, klassizistischer Form. Sie bestanden aus bis zu drei übereinander gehängten vergoldeten Metallreifen verschiedener Durchmesser, die außen bis zu zehn kleine Leuchterarme mit drei bis fünf Kerzen trugen. Zur Vermehrung des Lichterscheines waren die Reifen untereinander durch Ketten von geschliffenen Glasbehängen verbunden, die das Kerzenlicht dann widerspiegelten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts gab es auch vereinfachte Varianten des Gartensaalleuchters z. B. in den Gasträumen.

Vom herzoglichen Schloss nach Celle
Herzog Wilhelm mochte kein elektrisches Licht. Erst nach seinem Tode 1884 begann 1893 die allmähliche Elektrifizierung des Schlosses unter Herzogsregent Albrecht von Preußen (reg. 1885–1906), die unter Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin (reg. 1907–1913) vorangetrieben wurde. Damals, also um 1910, wurden auch die Gartensaalleuchter nachträglich elektrifiziert, indem man die nötige Verkabelung mittels Bohrungen durch die Metallblüten führte und sie wie die Efeuranken um die metallenen Äste legte. Mit Abstand von unten betrachtet war auf diese Weise von der Verkabelung nichts zu sehen. Große Reste der alten Fassungen sind heute noch erhalten.
1918 endete auch in Braunschweig die monarchische Zeit, und das Schloss wurde im Freistaat Braunschweig ein vielfältig genutztes Gebäude, in dem zahlreiche Landeseinrichtungen untergebracht waren, darunter auch das Naturhistorische Museum. Es belegte mit seinen großen Schaustücken und Dioramen den Gartensaal. Weil die Gartensaalleuchter zu tief herab hingen und störten, wurden sie abgehängt und gelangten in die Depots des Schlosses. Um 1920 verliert sich die Spur des achtteiligen Ensembles.
Spätestens um 1935, als die nationalsozialistische Schutzstaffel – kurz SS – das Schloss in ihren Besitz nahm und zur Junkerschule umbaute, wurden bis auf drei Säle alle Schlossräume und die letzten Ausstattungsstücke aus der herzoglichen Zeit getilgt. Außer zwei großen Möbelgruppen von 14 Sesseln, zwei Sofas und zwei Tischen in neuklassizistischen Formen (die zur Hälfte heute wieder im Thronsaal des Schlossmuseums stehen) sind mindestens auch drei der acht Leuchter für wenig Geld nach Celle verkauft worden. Die Stücke dienten zur Möblierung des dortigen leeren Welfenschlosses.
Von den ‚Celler Leuchtern‘ waren zwei in vergleichsweise gutem Erhaltungszustand, während ein dritter nur noch fragmentarisch erhalten war, als hätte er bereits lange als Ersatzteillager für die beiden anderen gedient. Die vollständigen Leuchter fanden lange im Ostflügel des Celler Schlosses einen neuen Platz. Um 1970 wurde ihre Elektrifizierung entfernt. Die Leuchter erhielten wieder Kerzen wie bei ihrer Anfertigung um 1866, und wurden in den Karoline-Mathilde-Sälen aufgehängt.
Das war der Zustand des Leuchterpaares, als es 1996 in die Liste der noch bekannten Schlossstücke aufgenommen wurde.

Die Rückkehr nach Braunschweig
Wie erwähnt, waren die drei modernen Leuchter im Weißen Saal eine Notlösung und ließen das Ausstellungsteam bald Kontakt nach Celle aufnehmen. Aber erst 2019 war es soweit, dass sich das Direktorat des Celler Bomannmuseums auf einen Tausch der Leuchter einließ. Grundsätzlich war man hier für die Rückführung von Braunschweigischen Schlossobjekten an ihren Ursprungsort, zumal sie nun sogar in ein Museum gelangten. Diese Einstellung begünstigte die Verhandlungen mit Celle.
2022 wurden die Leuchter in Celle abgehängt, zerlegt und in sechs Kisten verpackt. Sie gingen nach Braunschweig zu der Richard Borek Stiftung, die den Tausch mit Stiftungsmitteln unterstützt hatte. Die Celler bekamen dafür zwei Leuchter nach dem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel. Ein historischer, vergoldeter Reifenleuchter mit 8 Leuchterarmen außen, aufgehängt an Ketten mit geschliffenen Glassteinen dazwischen. Ferner eine exakte Kopie davon, die die Firma Buck-Leuchten in Bielefeld hergestellt hatte. Seit Sommer 2022 schmücken sie die beiden Karoline-Mathilde-Säle.
Damals begann auch die Überlegung zu den historischen Leuchtern in Braunschweig. Bedenken gegen eine Neuelektrifizierung wurden überwunden und diese nach langem Suchen nach einer geeigneten Firma, nach Probestücken für Kabel, Leuchtmittel und Stromstärken, nach statischen Genehmigungen schließlich durch eine Spezialfirma aus Wegberg bei Mönchengladbach ab Oktober 2025 umgesetzt. Seit Mitte Juni hängen nun wieder die beiden Leuchter mit ihrer Elektrifizierung, unterstützt von einem modernen mittleren Radleuchter, im Weißen Saal, als wären sie schon immer dessen prägende Ausstattung gewesen.







