Objekt des Monats, Folge 29: Mit der Herzogin um die Welt. Eine Reisetruhe von Herzogin Victoria Luise
Nur scheinbar ein einfaches Stück: eine große Reisetruhe, im leeren Zustand von vergleichsweise geringem Gewicht, findet sich in ähnlicher Form auch in bürgerlichen Kreisen und wurde bis um 1945 als Offizierskiste genutzt (Abb. 1). Spannend wird die Geschichte der Reisetruhe durch den Umstand, dass auf ihrem Deckel noch die aufgemalten Initialen von Victoria Luise „VL“ zu sehen sind; darüber die preußische Königskrone (Abb. 2). Es handelt sich also um einen Koffer aus der Zeit der Kaiserlichen Hoheit Prinzessin Victoria Luise (1892–1980).
Unterwegs mit kaiserlichem Gepäck
Das Hofmarschallamt in Berlin ließ die Truhe um 1905 bei „L. Prager, Kofferfabrik, Berlin S. 9., Rungestraße 26/27“ anfertigen (Abb.3). Die einst vergoldeten, blechernen Firmenschilder sind auf den beiden Schmalseiten noch gut erhalten. Darüber befindet sich noch ein Stierkopfemblem aus Blech mit seitlich abstehenden Hörnern, das die besonders robuste Ausführung der Truhen und Koffer von „L. Prager“ versinnbildlicht.
Selbst nach rund 120 Jahren wirkt die Truhe noch ungemein stabil. Freilich, einige Kratzer hat sie. Ihre braun bemalte Hülle aus dicht verleimtem Leinengeflecht ist durch schmale Holzbänder verstärkt. Lederne Griffe an den Schmalseiten und vier eisernen Rollen erleichtern das Tragen und Bewegen. Verschlossen wird sie durch zwei Blechschnapper und ein mittleres Schloss. Innen ist ein beigefarbener Stoff mit Knopfheftung im Deckel erhalten, der einst die Wäsche der Prinzessin schützte. An der Seite ihres Vaters Kaiser Wilhelm II. (1859 –1941, reg. 1888 –1918) bereiste Victoria Luise interessante Ziele in Europa. Auf der kaiserlichen Jacht ging es im Mittelmeer nach Korfu und Venedig und in Norwegen ans Nordkap. In Deutschland fuhr man z. B. nach Baden-Baden oder auf Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel.

Als Victoria Luise im Mai 1913 Gemahlin von Prinz Ernst August von Hannover geworden war, blieb sie ihrer Reisefreudigkeit treu. Zwischen 1913 und 1917 (im 1. Weltkrieg!) gab es 29 Reisen, wovon allein die herzogliche Jagdresidenz Blankenburg im Harz vierzehnmal für zwei bis vier Wochen besucht wurde. Es folgten sechs Visiten im heimatlichen Potsdam und Berlin, die z. T. in Blankenburg starteten. Hier verblieb man zumeist nur einige Tage. Fernreisen gingen nach Schwerin, München, Salzburg und Wien. Die Alpen und ihr malerisches Salzkammergut dominierten eindeutig die Auswahl der Reiseziele von Victoria Luise und ihrem Mann. Gereist wurde mittels der Eisenbahn und später auch mit dem eigenen Automobil. Die großen Reisetruhen waren dabei unverzichtbare Transporthilfen. Sie machten alles mit: Im November 1918, nach dem Sturz der Monarchie, ging es zunächst nach Baden, dann ins Gmundener Exil im Salzkammergut. In der Weinberg-Villa, unweit des elterlichen Schlosses von Ernst August, wohnte die mittlerweile siebenköpige Familie. 1925 kehrte sie nach Blankenburg im Harz zurück, wo sie weitere 20 Jahre blieb. Am Ende des Krieges war die große Reisetruhe noch immer in Gebrauch. Im Juni 1945 wurde sie, gefüllt, vor der heranrückenden Roten Armee auf das Welfenschloss Marienburg bei Nordstemmen bis nach Braunschweig mitgeführt.
Vom Reisegepäck zum Erinnerungsstück
Ein noch lesbarer Anhänger beschreibt eine der Reisen in späterer, friedlicher Zeit: “Herzogin Viktoria Luise zu Braunschweig-Lüneburg. Marienburg bei Nordstemmen“. Der rückseitig aufgeklebte Einlieferungsschein bei der Deutschen Bundesbahn ist verblasst. Es ist eine Erinnerung vom Anfang der 1950er Jahre.
1956 wurde Victoria abermals von ihrer geliebten Reisetruhe begleitet, als sie nach dem Streit mit ihrem Sohn die Marienburg für immer verließ. Nach ihrem Tod im Dezember 1980 wurde die Truhe aus ihrem Nachlass geborgen und befindet sich heute im Besitz der Richard Borek Stiftung, die das Stück jüngst restaurieren ließ.







