Ehrenbürger der Stadt Braunschweig, Folge 6: Heinrich Büssing
Heinrich Büssing, der geniale Erfinder und Konstrukteur, zählt zu den bedeutendsten Braunschweigern. Als Pionier der schienenungebundenen Mobilität erlangte er weltweit Bedeutung. Dank seiner Genialität eroberte Deutschland die Führungsposition im weltweiten LKW- und Omnibus-Bau des frühen 20. Jahrhunderts. Am 29. Juni 1923 erhielt der auch nach internationalen Maßstäben herausragende Unternehmer die Ehrenbürgerwürde der Stadt Braunschweig aus den Händen des damaligen Oberbürgermeisters Hugo Retemeyer.
Büssings großartiger Aufstieg aus einfachsten Verhältnissen mit acht Geschwister, von denen fünf schon im Kindesalter verstarben, ist außergewöhnlich. Am 29. Juni 1843 wurde er als ältester Sohn des Dorfschmieds Johann Heinrich Büssing in Nordsteimke geboren. Nach dem Besuch der dortigen Dorfschule wurde er wie sein Vater zunächst Hufschmied, ehe seine Begeisterung für Technik geweckt wurde. Sein Gesellenstück war ein Hufeisen. Am 27. Oktober 1929 starb Büssing als ein weltweit respektierter Mann im Alter von 86 Jahren. Er ruht im Familiengrab auf dem Hauptfriedhof in Braunschweig.
Auf Wanderschaft
Die Idee von schienenungebundener Mobilität für Güter und Menschen kam Büssing bereits im Alter von 18 Jahren. Seine Wanderschaft als Schmied hatte ihn zu einer Zeche im Saarland geführt. Elektrizität und Dampfmaschine hatten die Produktivität dort zwar bereits erheblich erhöht, aber der Abtransport der Kohle und die Beförderung der Arbeiter mit Pferdefuhrwerken schienen ihm schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr angemessen.
Nach seiner Wanderschaft zog Büssing 1863 nach Braunschweig und besuchte als Gasthörer Vorlesungen im Polytechnikum Collegium Carolinum. Bis zur Gründung seiner ersten Firma (1869) war er als freiberuflicher und angestellter Ingenieur, Erfinder und Konstrukteur tätig und reichte erste Patente ein. 1873 wurde er schließlich Technischer Leiter der von ihm mitgegründeten Eisenbahnsignal-Bauanstalt Max Jüdel & Co. (heute Siemens).
Erst im Alter von 60 Jahren zog sich Büssing aus der Eisenbahnsignalanstalt Max Jüdel (heute Siemens) zurück und widmete sich dem Lastwagenbau. Er gründet die Firma Heinrich Büssing – Spezialfabrik für Motorlastwagen und Motoromnibusse (1903). Der erste Lastkraftwagen aus der eigenen Produktion wurde von einem Zweizylinder-Ottomotor mit 9 PS angetrieben. Damit wurden bei 60 Zentnern Zuladung 9 km/h erreicht. Das Fahrzeug steht heute im Deutschen Museum in München.

Erster Auftrag aus London
Auf Basis dieses LKW entstand 1904 auch der erste Omnibus. Der mit Holzrädern mit Vollgummibereifung ausgestatte Bus bot zwölf Passagieren Platz. Büssing gelang es noch im Jahre 1904 einen Auftrag aus London zu erhalten. Ein baugleiches Fahrzeug ist im Städtischen Museum Schloss Salder in Salzgitter zu finden. Zudem wurde Büssings 1842 von seinem Vater erbaute Geburtshaus mit Schmiede in Nordsteimke 1988 zum Büssing-Museum umgestaltet.
Am 5. Juni 1904 richtete Büssing seine erste Omnibuslinie zwischen Wendeburg und Braunschweig ein. Die Buslinie gab ihm die Möglichkeit, seinen Omnibus weiter unter seiner ständigen Kontrolle zu erproben. Die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit veranlasste nur wenige Monate später die Kaiserliche Oberpostdirektion Braunschweig, mit Büssing einen Vertrag über die Beförderung von Postsachen abzuschließen. Die Omnibuslinie Wendeburg-Braunschweig gilt daher als erste erfolgreiche Kraftpost-Omnibuslinie der Welt. Die Büssing-Omnibusse traten ihren Siegeszug an. Sie fuhren unter anderem in Berlin und London.
Serienproduktion für Fahrräder
Büssings Erfindergeist machte Dinge alltagstauglich. Er hat beispielsweise als Erster in Deutschland Fahrräder in Serie produziert. Er hat die Luftbereifung für Lastwagen erfunden (1906). Und er hat auch den ersten Dreiachser-Lkw gebaut, mit dem viel höhere Nutzlasten als zuvor bewältigt werden konnten. Insgesamt meldete Büssing rund 250 Patente an.
Büssing galt zudem als sehr sozial eingestellter Unternehmer. Er hatte schon sehr früh bei Max Jüdel erlebt, wie sich soziales Engagement positiv auf die Belegschaft und die Identifikation mit dem Unternehmen auswirkt. Immer wieder betonte er, dass der Erfolg einer Unternehmung zu einem großen Teil der Belegschaft zu verdanken sei. Bereits 1906 führte er eine Arbeitervertretung in seinem Betrieb ein. Anlässlich seines 70. Geburtstages gründete er die „Dr.-Heinrich-Büssing-Stiftung“. In der Stiftungsurkunde hieß es, dass „hilfsbedürftige und würdige Mitarbeiter der Firma zu unterstützen“ seien.

Ehrensenator der TU
Zudem war Heinrich Büssing eines der Gründungsmitglieder des Braunschweigischen Hochschulbundes (BHB). Er nutzte seine wirtschaftlichen Möglichkeiten, die TU Braunschweig in erheblichem Maße finanziell zu unterstützen. Die Ehrendoktorwürde verlieh ihm die TU 1909. 1920 wurde er zum Ehrensenator ernannt. Büssing war auch gesellschaftlich stark in Braunschweig verwurzelt und unter anderem Mitglied der „Kleiderseller“. Aus seiner ersten Ehe gingen fünf Kinder hervor.
Nach seinem Tod im Jahre 1929 führten zunächst Familienangehörige das Unternehmen weiter. Später wurde es in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1971/72 wurde Büssing von MAN übernommen. Übrig blieb der Braunschweiger Löwe, der bis heute die MAN-Fahrzeuge am Kühlergrill ziert.



