Spagat zwischen Rock’n’Roll und Theater

Christian Eitner. Foto: Marc Stantien
Christian Eitner. Foto: Marc Stantien

Musiker, Komponist, Autor und Regisseur: Christian Eitner trifft zielsi­cher die „Braun­schweiger Seele“

Wer in Braun­schweig über modernes Musik­theater mit einer gehörigen Portion Lokal­ko­lorit philo­so­phiert, meint selbst­ver­ständ­lich Stücke wie „Braun­schweig Braun­schweig“, „Mensch Agnes“, „Spiel mir das Lied vom Löwen“, „Unser Eintracht“ oder „Der Diaman­ten­herzog und das brennende Schloss“. Alle diese Produk­tionen waren ganz ohne staat­liche Förderung riesige Publi­kums­er­folge, weil sie die Seele der Braun­schweiger berührt haben. Reali­siert wurden sie in den vergan­genen zwei Jahrzehnten vom gebür­tigen Braun­schweiger Christian Eitner. Der Jazzkan­tinen-Chef hat mit der Verbin­dung von Popkultur, Stadt­ge­schichte und Live-Musik ein eigenes Genre für massen­kom­pa­tible, braun­schwei­gi­sche Unter­hal­tung geschaffen. Marken­zei­chen sind Rock’n’Roll, Wortwitz und Humor.

Ein Beleg für das Erfolgs­re­zept ist die vergan­gene Spielzeit am Staats­theater. Der musika­li­sche Ausflug in die 2000er Jahre unter dem Titel „Geile Zeit“ war als Abschluss der Trilogie mit „Da Da Da“ (80er-Jahre) und „Hyper! Hyper!“ (90er-Jahre) die publi­kums­stärkste Produk­tion im Großen Haus. Die Wurzeln derar­tiger Produk­tionen reichen bis ins Jahr 1999 zurück. Mit dem Projekt „Tanzkan­tine“ entstand seiner­zeit die erste Koope­ra­tion mit dem Staats­theater, als die Musik der Jazzkan­tine mit Tanztheater kombi­niert wurde. Schon damals zeigte sich eine außer­ge­wöhn­lich starke Resonanz beim Publikum.

Konge­nialer Partner

Später entwi­ckelte sich daraus eine symbio­ti­sche Zusam­men­ar­beit mit Autor Peter Schanz, die ihres­glei­chen sucht. Peter Schanz, konge­nialer Partner und sehr guter Freund, zog sich im vergan­genen Jahr zurück, aber Christian Eitner lässt nicht nach. Er ist Musiker, Komponist, Autor und Regisseur in Perso­nal­union. Und niemand trifft unver­än­dert so sicher ins Herz der Braun­schweiger wie er. Sein Ziel ist es, bis zum Stadt­ju­bi­läum im Jahr 2031 weiter­zu­ma­chen. Dann ist er 66 Jahre alt. „Es war mein Traum, als Musiker von der eigenen Musik und eigenen Produk­tionen ohne Nebenjobs leben zu können. Es ist mir gelungen, langfristig künst­le­risch unabhängig arbeiten und eigene Ideen umsetzen zu können. Dass dies geklappt hat, ist ein großes Privileg“, sinniert er.

Aktuell arbeiten Eitner und seine rund 30 Mitstreiter unver­drossen am neuen Stück „Am Anfang war das A“. Es feiert am 18. Juni im Lokpark Premiere. Ausgangs­punkt der Erzählung ist eine aktuelle archäo­lo­gi­sche Entde­ckung am Nussberg. Dort wurden sensa­tio­nell, so steht es im Drehbuch, Wandma­le­reien mit einem myste­riösen „A“ entdeckt. Gemeint ist natürlich das berühmte „klare A“. Die Geschichte Braun­schweigs muss also sehr zum Vergnügen des Publikums neu geschrieben werden. Sie reicht nun bis in die Steinzeit zurück, denn bereits um 5000 v. Chr. entstand eine Siedlung an der Oker. Mit auf der Bühne stehen wieder die Jazzkan­tine sowie Louie, Markus Schultze, Maike Jacobs, Cappuc­cino, Sascha Münnich und Anika Loffhagen.

Szene aus „Geile Zeiten“. Foto: Marc Stantien
Szene aus „Geile Zeiten“. Foto: Marc Stantien

Mehr als Boule­vard­theater

Wie immer hat Christian Eitner die Messlatte für seine Arbeit hochge­legt: „Es geht mir um eine Balance zwischen künst­le­ri­schem Anspruch und Zugäng­lich­keit. Es geht nicht darum, reines Boule­vard­theater zu machen, sondern darum, moderne, kreative und dennoch publi­kums­nahe Produk­tionen zu entwi­ckeln.“ Das Ensemble spielt dabei eine zentrale Rolle. Viele der Künstler sind seit Jahren dabei und bringen ihre eigenen Stärken und Persön­lich­keiten ein. Die Stücke werden ihnen auf den Leib geschrieben, auf ihre beson­deren Fähig­keiten und Persön­lich­keiten zugeschnitten, oft unter Einbe­zie­hung ihrer eigenen Ideen. „Impro­vi­sa­tion und Authen­ti­zität sind wichtige Elemente, die sich direkt auf die Spiel­freude und die Wirkung beim Publikum auswirken“, meint Christian Eitner.

Ein entschei­dender Faktor für den Erfolg ist aber vor allem auch die besondere Verbin­dung zur Stadt selbst. Braun­schweig ist geprägt von Geschichte, Zerstö­rung und Wieder­aufbau und besitzt eine eigene, starke Identität, die sich in Eitners Produk­tionen stets wider­spie­gelt. Diese Mischung aus lokalem Bezug und augen­zwin­kernder Selbst­ironie traf von Beginn an den Nerv der Besucher. Christian Eitner weiß deshalb, dass er sich auf sein treues Publikum verlassen kann, auch wenn die Zeiten härter werden und der Euro nicht mehr so locker sitzt. Seit Beginn der Produk­tionen haben mehrere hundert­tau­send Besucher die Auffüh­rungen im Großen und Kleinen Haus des Staats­thea­ters, im Lokpark oder im Zelt des „Winter­thea­ters“ auf dem Eiermarkt erlebt.

Schwie­riger im Lokpark

Der diesjäh­rige Wechsel vom Staats­theater in den Lokpark, der durch den Inten­dan­ten­wechsel am Staats­theater notge­drungen erfor­der­lich wurde, stellt das Team in dieser Saison vor besondere Heraus­for­de­rungen. Ganz unbekannt ist das aller­dings nicht, denn auch „Spiel mir das Lied vom Löwen“ und „Fluch der Oker“ wurden dort schon aufge­führt. Im Lokpark gibt es keine bestehende Infra­struktur wie im Staats­theater. Das macht es schwie­riger und aufwen­diger.

„Beim Lokpark handelt es sich zunächst einfach um eine leere Halle, die wir vorfinden. Wir müssen da ein Theater einbauen mit Bühne, Tribüne, Ständen und so weiter. Ein wesent­li­cher Unter­schied liegt dazu in der Finan­zie­rungs­struktur: Während Produk­tionen am Staats­theater eine gewisse Sicher­heit bieten – unter anderem durch vorhan­dene Infra­struktur, Werkstätten und eine Risiko­tei­lung – handelt es sich bei Projekten wie denen im Lokpark um vollständig privat finan­zierte Unter­neh­mungen“, sagt Christian Eitner.

Dabei trägt er mit seiner Monofon Musik­pro­duk­tions GmbH das volle wirtschaft­liche Risiko. Die Kalku­la­tion erfolgt mit einer angestrebten Auslas­tung von mehr als 90 Prozent. Erst die letzten Prozent­punkte bringen tatsäch­lich Gewinn. Jährlich kommen rund 20.000 bis 25.000 Besucher zu den Auffüh­rungen, was bei einem Ticket­preis von durch­schnitt­lich 50 Euro immerhin eine stabile Grundlage für die Kalku­la­tion ist. Die Rechnung wird auch bei „Am Anfang stand das A“ aufgehen. Es gilt Daumen drücken für eine Braun­schweiger Beson­der­heit.

Der Beitrag erschien zuerst auf der Inter­net­platt­form www.braunschweig-im-focus.de

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