Außenbeschattung an der Südseite soll die Überhitzung im Gebäude um 30 Prozent reduzieren
Nach jahrelangem Ringen um die Verbesserung der klimatischen Bedingungen im Herzog Anton Ulrich-Museum (HAUM), sowohl zum Schutz der Kunstwerke als auch der Besucher, ist ein Durchbruch gelungen. Aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) wurden jetzt 750.000 Euro bewilligt. Darüber hinaus stehen noch die 700.000 Euro Landesmittel aus dem Jahr 2019 zur Verfügung, die seinerzeit als Notfallmaßnahme bewilligt worden waren. Damit kann ein Maßnahmenpaket finanziert werden, mit dem die belastende Überhitzung des Gebäudes reduziert wird. Den Auftakt soll nach aktuellen Planungen noch in diesem Jahr die Installation von Markisen vor den Fenstern der Südseite bilden. Die beiden weiteren Maßnahmen werden allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Nachdem die Zeitung „Braunschweig im Focus“ im Januar vergangenen Jahres unter dem Titel „Gift für das ‚Mädchen mit dem Weinglas‘ – Fehlende Klimatisierung bedroht weltberühmte Gemälde“ über die dramatischen Missstände berichtet hatte und andere Medien das Thema daraufhin aufgriffen, kam wieder Bewegung in die Angelegenheit, die bereits seit deutlich mehr als einem Jahrzehnt ein Ärgernis darstellt. Nun gibt es zumindest einen Anfang, um die Problematik in den Griff zu bekommen.

Breiter Schulterschluss
Seit Kurzem sitzt der Direktor des HAUM, Dr. Thomas Richter, mit Architekten, dem Staatlichen Baumanagement Braunschweig und der Niedersächsischen Denkmalpflege zusammen, um das Projekt nach der Klärung der Finanzierung zügig voranzubringen. Er spricht von einem „Schulterschluss“ zum Wohl seines Museums. Bereits bei seinem Amtsantritt im Jahr 2019 hatte er auf eigene Initiative ein Klimagutachten in Auftrag gegeben, um Lösungsvorschläge zu entwickeln, die nun aufgegriffen werden. Das ist ein erster und beachtlicher Erfolg für seine Mühen.
Das Design für die Außenbeschattung wird nach norditalienischen Vorbildern entwickelt und an das im Stil der italienischen Renaissance errichtete Gebäude angepasst. Eine entsprechende Bemusterung steht unmittelbar bevor. Sicher ist jedoch bereits jetzt, dass sich die seit 250 Jahren vertraute Ansicht der Fassade deutlich verändern wird. Das heutige HAUM wurde 1754 als erstes öffentlich zugängliches Museum auf dem europäischen Kontinent eröffnet und gilt als „Louvre des Nordens“.
Am falschen Ende gespart
Die Problematik der Überhitzung mit dauerhaften Temperaturen von teilweise 30 Grad und mehr in den Sommermonaten war bereits während der umfangreichen Sanierung zwischen 2008 und 2016 sowie lange davor hinreichend bekannt. Aus Kostengründen wurde damals bei einem Gesamtvolumen von rund 40 Millionen Euro jedoch auf eine Klimatisierung verzichtet. Damit wurde am falschen Ende gespart.
Für den Direktor des Herzog Anton Ulrich-Museums hat das nun dennoch etwas Positives. „Wir können heute Dinge mit einer Technik umsetzen, die nachhaltiger, ressourcenschonender und klüger ist, als das vor zehn Jahren möglich gewesen wäre“, erläutert Thomas Richter im Gespräch mit „Der Löwe – Portal für das Braunschweigische“. Die Außenverschattung der Fenster benötige keinen Strom und wehre dennoch rund 30 Prozent der Überhitzung ab. Eine zusätzliche Verschattung der Oberlichter werde weitere 30 Prozent bringen.
„Und wenn wir dann noch eine kluge Kühlfunktion einbringen, also keine teure Klimatisierung, sondern zum Beispiel wasserführende Wandelemente, dann wären wir am Ziel. Wir rüsten mit modernem Bauen und modernem Denken nach. So bekommen wir dieses Gebäude klimatisch hin, ohne Unsummen für Strom investieren zu müssen, wie das bei einer Vollklimatisierung der Fall wäre“, fährt er fort. Die Sorgfalt, die man bereits vor fast 25 Jahren hätte walten lassen sollen, müsse nun nachträglich umgesetzt werden.

Schlecht für die Kunstwerke
Dass Kunstwerke durch die Überhitzung bereits Schaden genommen haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Das Ausmaß lässt sich allerdings nicht eindeutig belegen. Gleichwohl wurde es höchste Zeit für Abhilfe. „Wenn Sie ein 500 Jahre altes Gemälde auf Holz haben, dann wissen Sie, dass ein ungünstiges Klima schlecht für das Gemälde ist. Oder wenn Sie in der angewandten Kunst ein Komposit haben, zum Beispiel einen Träger aus Metall, der mit Emaille belegt ist, dann arbeiten die Materialien bei Hitze unterschiedlich, und es können Risse entstehen. Es sind schleichende Prozesse. Es ist nicht so, dass ich eines Morgens ins Museum kam und irgendwo Bruchstücke gesehen habe. Aber die Überhitzung ist insgesamt schädlich. Da widerspricht auch niemand“, erklärt Kunsthistoriker Richter. Umso erfreuter ist er, dass er nun zumindest vorsichtig Entwarnung geben kann.






