Wie das Braun­schwei­gi­sche Land nach 1945 neu begann

Blick in die Ausstellung. Foto: Braunschweigische Landschaft/Marek Kruszewski
Blick in die Ausstellung. Foto: Braunschweigische Landschaft/Marek Kruszewski

Die Ausstel­lung „Aufbruch im Umbruch“ erzählt vom demokra­ti­schen Neubeginn, von Wieder­aufbau und Teilung

1945 lag Deutsch­land in Trümmern. Nach natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Diktatur, Krieg und Zerstö­rung stand die Bevöl­ke­rung unter alliierter Besatzung vor einem tiefen Umbruch. Hunger und Wohnungsnot, Flucht und Vertrei­bung prägten den Alltag. Zugleich begann die schwie­rige Suche nach einem demokra­ti­schen Neuanfang. Wie dieser Wandel das Braun­schwei­gi­sche Land verän­derte, zeigt die Ausstel­lung „Aufbruch im Umbruch. Das Braun­schwei­gi­sche Land von 1946 bis 1972“. Der beglei­tende Katalog bildet die Ausstel­lungs­ta­feln vollständig ab und ist von sofort an kostenlos in der Geschäfts­stelle der Braun­schwei­gi­schen Landschaft (Löwenwall 16) sowie später während der Ausstel­lung erhält­lich.

Am 17. September 2026 wird die Sonder­aus­stel­lung der Braun­schwei­gi­schen Landschaft im Braun­schwei­gi­schen Landes­mu­seum Hinter Ägidien offiziell für das Publikum eröffnet. Bis zum 4. Oktober sind dann mehr als 70 Beiträge, regionale Ereig­nisse und persön­liche Geschichten bei freiem Eintritt zu sehen. Eine Begleit­ver­an­stal­tung „Heimat­pflege und Landes­mu­seum im Dialog“ findet am 19. September (15 bis 16.30 Uhr) statt. Einen exklu­siven Auftakt der Ausstel­lung gab es bereits am 20. August im Forum des Thünen-Instituts.

Mehr als 70 Blicke auf die Region

Mehr als zwei Jahre lang haben Heimat­pfle­ge­rinnen und Heimat­pfleger aus dem gesamten Gebiet der Braun­schwei­gi­schen Landschaft die Beiträge erarbeitet. Das Spektrum reicht von Entna­zi­fi­zie­rung, politi­scher Neuord­nung und dem Remer-Prozess über Industrie und Landwirt­schaft bis zu Kultur und Alltag an der Grenze. Damit setzt die AG Heimat­pflege ihre Ausstel­lungs­reihe zur Geschichte des Braun­schwei­gi­schen Landes fort, die bereits Kaiser­zeit, Weimarer Republik und Natio­nal­so­zia­lismus behandelt hat.

Vollstän­dig­keit beansprucht das Projekt nicht. Es will Zusam­men­hänge sichtbar machen und zum Weiter­denken anregen. Denn „Aufbruch im Umbruch“ erzählt keine einfache Erfolgs­ge­schichte: Demokra­ti­scher Neubeginn, Wieder­aufbau und Wohlstand stehen neben Verdrän­gung, fortwir­kenden Belas­tungen und den Härten der Teilung. Gerade diese Wider­sprüche zeigen, wie stark die Nachkriegs­zeit bis in die Gegenwart des Braun­schwei­gi­schen Landes hinein­wirkt.

Zwischen Zusam­men­bruch und Neubeginn

Mit der bedin­gungs­losen Kapitu­la­tion der Wehrmacht am 8. Mai 1945 war die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Herrschaft vorüber, ihre Folgen jedoch nicht. Die Frage nach Schuld und Verant­wor­tung beglei­tete den politi­schen und gesell­schaft­li­chen Neubeginn. Deutsch­land wurde in vier Besat­zungs­zonen geteilt, das Braun­schwei­gi­sche Land lag in der briti­schen Zone. Neue Verwal­tungen, Parteien und kommunale Vertre­tungen entstanden. Entna­zi­fi­zie­rung und Demokra­ti­sie­rung verliefen jedoch nicht gerad­linig; alte Denkweisen, Netzwerke und biogra­fi­sche Belas­tungen wirkten fort. Die Ausstel­lung erinnert in diesem Zusam­men­hang auch an den wegwei­senden Remer-Prozess vor dem Landge­richt Braun­schweig. Er machte den Streit um die Bewertung des Wider­stands gegen den Natio­nal­so­zia­lismus sichtbar.

Mit der Gründung Nieder­sach­sens am 1. November 1946 verlor das Land Braun­schweig seine Eigen­staat­lich­keit. Die politi­schen Grenzen änderten sich, das Bewusst­sein einer braun­schwei­gi­schen Identität blieb. Die Schau betrachtet Braun­schweig, Salzgitter und Wolfsburg sowie die Landkreise Helmstedt, Peine und Wolfen­büttel deshalb als gemein­samen histo­ri­schen Erfah­rungs­raum.

Titelseite des Ausstellungskatalogs. Foto: Braunschweigische Landschaft
Titel­seite des Ausstel­lungs­ka­ta­logs. Foto: Braun­schwei­gi­sche Landschaft

Die Teilung verlief vor der Haustür

Mit der Gründung der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land und der von der SED beherrschten DDR 1949 verfes­tigte sich die Zweistaat­lich­keit. Die Abrie­ge­lung der inner­deut­schen Grenze 1952 und der Bau der Berliner Mauer 1961 machten den Kalten Krieg für das Braun­schwei­gi­sche Land unmit­telbar erfahrbar. Grenz­kon­trollen, gesperrte Wege und getrennte Familien gehörten zum Alltag. Ortschaften, die über Genera­tionen mitein­ander verbunden gewesen waren, lagen plötzlich in unter­schied­li­chen politi­schen Systemen. Wachtürme, Grenz­an­lagen und Transit­ver­kehr prägten das Leben am östlichen Rand der Bundes­re­pu­blik.

Nach den Jahren des Mangels begann ein Wieder­aufbau, der das Gesicht der Region grund­le­gend verän­derte. Wohnungen, Schulen, Straßen und Versor­gungs­ein­rich­tungen mussten rasch entstehen. Neue Siedlungen und Verkehrs­achsen folgten häufig modernen Planungs­bil­dern, nicht den histo­ri­schen Stadt­grund­rissen. Auch die Dörfer wandelten sich: Maschinen verän­derten die Landwirt­schaft, neue Mobilität verrin­gerte die Entfer­nung zwischen Stadt und Land. Vieles, was heute selbst­ver­ständ­lich erscheint, trägt die Handschrift dieser Jahre.

Gleich­zeitig mussten zahlreiche Flücht­linge und Vertrie­bene aufge­nommen werden. Wohnraum und Lebens­mittel waren knapp, das Zusam­men­leben blieb nicht frei von Spannungen. Langfristig entstanden jedoch neue Nachbar­schaften. Erfah­rungen, Berufe, Konfes­sionen und Tradi­tionen erwei­terten die Region. Die persön­li­chen Geschichten in Ausstel­lung und Katalog erzählen deshalb nicht nur von Verlust, sondern ebenso von Ankommen, Neuanfang und der schwie­rigen Entste­hung neuer Heimat.

Vom Mangel zum wirtschaft­li­chen Aufstieg

In den 1950er- und 1960er-Jahren folgte auf Entbeh­rung ein wirtschaft­li­cher Aufschwung. Die Indus­trie­zen­tren Braun­schweig, Salzgitter und Wolfsburg schufen Arbeits­plätze und zogen neue Arbeits­kräfte an. Konsum­güter wie Kühlschrank, Fernseher und Auto wurden zu Zeichen wachsenden Wohlstands. Zugleich beschleu­nigte sich der Struk­tur­wandel in Landwirt­schaft und Arbeits­welt. Auch davon berichtet die Ausstel­lung.

Fakten

„Aufbruch im Umbruch. Das Braun­schwei­gi­sche Land von 1946 bis 1972“

17. September bis 4. Oktober 2026

Braun­schwei­gi­sches Landes­mu­seum, Hinter Ägidien, Braun­schweig

Öffnungs­zeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17.30 Uhr; Montag geschlossen

Eintritt: frei

Katalog: kostenlos bei der Braun­schwei­gi­schen Landschaft erhält­lich

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