Frühling auf Porzellan

Objekt des Monats, Folge 26: Eine Vase für die Markgräfin von Baden im Museum Schloss Fürsten­berg

Zu den belieb­testen Figuren der römischen Mytho­logie gehört Flora, die Göttin der Blüte, der Jugend und des Frühlings. Laut dem Dichter Ovid wehten Rosen von ihren Lippen und Blumen fielen aus ihrem Haar. Ihr sei die Vielfar­big­keit der Erde zu verdanken und ihr segens­rei­ches Blütentun bewirke reichen Ernte­er­trag. Denn jede Frucht beginnt mit einer Blüte. In der Antike wurde berichtet, dass Flora gerne Hochzeits­lager mit Blumen­gir­landen schmückte, auf dass neun Monate später ein neues Leben begann. Schließ­lich, so Ovid, halte Flora dazu an, sich des Lebens zu erfreuen.

Wohl kaum eine andere antike Göttin ist auch später so positiv und sinnen­froh wahrge­nommen worden wie Flora. Schon im Roman de la Rose aus dem 13. Jahrhun­dert bereitet Flora den Liebes­frohen ein blühendes Lager göttli­cher Lust. Spätes­tens mit der Renais­sance wurde die Frühlings­göttin zum festen Bestand­teil der europäi­schen Motivwelt. Ob allein oder in Gruppen, allego­risch überhöht oder als Idealbild weibli­cher Jugend und Schönheit – Flora zog Kunst­schaf­fende in ihren Bann.

Flora und Amor

Größter Beliebt­heit erfreute sich Flora in der Porzel­lan­kunst, vor allem als Teil von Jahres­zei­ten­zy­klen. Die Fürsten­berger Porzel­liner trugen ihren Teil dazu bei, wie es diese hervor­ra­gende Deckel­vase mit Hermen­hen­keln beweist. In einem goldge­rahmten Medaillon ist Flora in einer Garten­sze­nerie zu sehen, wie sie sich mit Amor, dem Gott der Liebe, unterhält. Floras Geste der rechten Hand wirkt auffor­dernd, vielleicht überlegen die beiden, wem als nächstes das Liebes­glück beschieden sei. Der Zweig in ihrer Linken sprießt und blüht bereits verhei­ßungs­voll.

Ein luxuriöses Geschenk für die Markgräfin

Darüber hinaus ist die Vase von außer­or­dent­li­cher histo­ri­scher Bedeutung. Denn sowohl ihre Prove­nienz als auch der Grund ihrer Anfer­ti­gung ist überlie­fert. Es ist kein Einzel­stück, sondern das Objekt gehört zu einem neuntei­ligen Vasensatz, der wiederum das Zentrum eines umfang­rei­chen Speise- und Dessert­ser­vices bildete. Dieses Service wurde 1804 für die Markgräfin Friede­rike Amalie von Baden (1754–1832) angefer­tigt. Ihre Tochter Marie hatte 1802 den braun­schwei­gi­schen Thron­folger Friedrich Wilhelm gehei­ratet. Zwei Jahre später kam die Markgräfin zu Besuch nach Braun­schweig, als Marie das erste Enkelkind erwartete. Amalie zu Ehren wurden viele Vergnü­gungen ausge­richtet. Auch ein Besuch der „Buntmahlerey“, dem Zweig­be­trieb der Porzel­lan­ma­nu­faktur Fürsten­berg in Braun­schweig mit angeschlos­sener Verkaufs­nie­der­lage, gehörte dazu. In dieser Einrich­tung konnte Herzog Carl Wilhelm Ferdinand der Schwie­ger­mutter seines Sohnes den Glanz des in seinem Herrschafts­ge­biet herge­stellten „weißen Goldes“ vorführen und die angehei­ra­tete Verwandt­schaft beein­dru­cken. Zur Pflege der Verbin­dungen und als Erinne­rung an ihren Besuch wurde ein 290-teiliges Service gestaltet und der Markgräfin als Geschenk überreicht. Form und Dekor im klassi­zis­ti­schen Geschmack waren damals topmodern und Fürsten­berg zog alle Register des Könnens. Nur die besten Porzel­lan­maler griffen zum Pinsel, darunter der Figuren­maler Heinrich Christian Brüning. Er schuf mit sicherem Strich die heitere Frühlings­szene auf der Vase, deren Modell in der Manufaktur ganz prosaisch als „Lit. AG“ geführt wurde.

Immerhin 47 Teile des Services blieben bis 1995 im Besitz des Hauses Baden, darunter der vollstän­dige Vasensatz. Dank des Engage­ments der Richard Borek Stiftung konnte dieses Ensemble ins Braun­schwei­gi­sche zurück­kehren. Heute befindet es sich als Dauer­leih­gabe im Museum Schloss Fürsten­berg und bildet einen pracht­vollen Höhepunkt in der Dauer­aus­stel­lung.

Litera­tur­tipp:

Beatrix Freifrau von Wolff-Metter­nich, Manfred Meinz, Christian Lechelt: Die Porzel­lan­ma­nu­faktur Fürsten­berg, 3 Bände, erschienen in der Reihe Braun­schwei­gi­sches Kunst­hand­werk, hrsg. von Richard Borek Stiftung, Stiftung Braun­schwei­gi­scher Kultur­be­sitz und Die Braun­schwei­gi­sche Stiftung, Braun­schweig 2004/2016

Dr. Christian Lechelt ist seit 2016 Leiter des Museums Schloss Fürsten­berg.

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