Staats­möbel mit Geschichte

Prunktisch, Entwurf Constantin Uhde zugeschrieben, um 1885
Prunktisch, Entwurf Constantin Uhde zugeschrieben, um 1885

Objekt des Monats, Folge 25: Ein Prunk­tisch im Schloss­mu­seum

Das Schloss­mu­seum zeigt in seiner derzei­tigen Ausstel­lung „Neu hier! Zugänge zur Sammlung“ (bis 12.04.2026) eine Auswahl von Neuzu­gängen. Neben Kaval­le­rie­sä­beln, zarten Batist­de­cken und Dokumenten aus der Zeit der letzten Herzöge sticht ein großer vergol­deter Tisch besonders hervor.

Die vier kräftigen Beine und die geschwun­genen Seiten verleihen dem Möbel­stück einen stabilen und zugleich eleganten Eindruck. Florale Verzie­rungen unter­strei­chen die besondere Gestal­tung. Aber was den Betrachter wirklich fesseln kann, sind die Adler­fi­guren an den Tisch­ecken. Ihre Flügel reichen von der einen zur anderen Tisch­wange. Und genau auf der Ecke ragt der scharfe Adler­schnabel hervor.
Handelt es sich um die Laune eines Hoftisch­lers? Adler­köpfe an einem braun­schwei­gi­schen Staats­möbel sind ungewöhn­lich. Hierzu­lande bestimmen bei der Ausstat­tung der ehema­ligen herzog­li­chen Schlösser Löwen- und Pferde­fi­guren die Tiersym­bolik – und das seit dem hohen Mittel­alter.

HRSCHL-Stempel auf der inneren Tischlängsseite (=Herzogliches Residenzschloss), vergeben um 1885.
HRSCHL-Stempel auf der inneren Tisch­längs­seite (=Herzog­li­ches Residenz­schloss), vergeben um 1885.

Prunk­möbel zwischen Tradition und Politik

Die Erklärung führt ins Todesjahr von Herzog Wilhelm: 1884 verstarb er kinderlos. Nach welfi­schem Hausge­setz hätte ihm ein Mitglied aus der hanno­ver­schen Linie auf den Thron folgen sollen. Doch 1866 wurden die Hanno­ve­raner, die im Krieg an der Seite Öster­reichs standen, von Preußen besiegt. Und die Berliner Reichs­po­litik schloss die Rückkehr eines Welfen auf einen deutschen Thron aus. So wurde 1885 der Preuße Albrecht, Neffe Kaiser Wilhelms I., von der braun­schwei­gi­schen  Landes­ver­samm­lung zum – loyalen – Herzogs­re­genten gewählt.

Damit zog erstmals eine fünfköp­fige Familie in das Residenz­schloss ein. Man wohnte privat im 2. Oberge­schoss des nordwest­li­chen Schloss­flü­gels mit Blick auf Schloss­park und ‑platz. Die herzog­li­chen Reprä­sen­ta­ti­ons­räume in der Beletage erhielten teilweise neues Rokoko­mo­bi­liar im fride­ri­zia­ni­schen Stil, von dem viele Stücke bewahrt geblieben sind. Die Staats­räume, etwa das Gesand­ten­zimmer nördlich des Ballsaales, wurden dagegen mit neuen Prunk­mö­beln ausge­stattet: Sessel, Sofas und eben jener Tisch. Seine Adler spiegeln das preußi­sche Wappen­tier gleich vierfach wider – ein klarer Affront gegen die tradi­tio­nelle braun­schwei­gi­sche Heraldik. Dennoch ist anzunehmen, dass den Tisch der Braun­schweiger Baumeister Constantin Uhde entworfen hat.

Detail einer Adlerfigur
Detail einer Adler­figur

Jahrzehn­te­lange Odyssee eines Schloss­mö­bels

1906 verstarb Herzog Albrecht, und 1907 wurde der weltof­fene Joachim Albrecht von Mecklen­burg-Schwerin Herzogs­re­gent. Dies wäre der früheste Zeitpunkt gewesen, um die allzu sichtbare Sympathie für Preußen in der Braun­schweiger Residenz zu tilgen. Der Tisch könnte also bereits 1907 ins Depot gelangt sein und entging damit der Zählung bei der Schloss­in­ven­ta­ri­sie­rung ab 1911.

1925 erhielt das vormalige Herzogs­haus die kostbarsten Stücke aus dem Schloss­mu­seum: Gemälde, Möbel, Hausrat. Das Museum wurde regel­recht geleert. Nun wurde der Tisch wieder benötigt. Auf einer (schlechten) Fotografie bildet er mit verschol­lenen Sesseln im einstigen barocken Wolfen­büt­teler Wohnzimmer (im Südflügel) eine Art Noten­semble, um den leeren Raum zu füllen. Dieses Sammel­su­rium endete 1934.

Die Verein­nah­mung des Schlosses als SS-Junker­schule zwang zur Aufgabe des Museums und zum zerstö­renden Umbau der Säle zu Schulungs­räumen. Dabei gelangte der Tisch – wie viele andere, noch erhaltene Stücke des Schlosses aus der Zeit des Neoklas­si­zismus, die damals kaum geschätzt wurden, in den Fundus des Staats­thea­ters Braun­schweig. Dort entdeckte ihn Jahrzehnte später ein Kenner, erwarb ihn um 1990 und ließ ihn in Braun­schweig restau­rieren. Der neu vergol­dete Tisch gelangte danach über Hamburg bis nach Nizza. 2006 und erneut 2024 wurde er im Kunst­handel angeboten. Dort konnte ihn schließ­lich die Richard Borek Stiftung erwerben. Nach 90 Jahren Odyssee kehrt der Tisch gewis­ser­maßen an seinen alten Ort zurück: in das Audienz­zimmer  im Museum des  Residenz­schlosses.

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