Objekt des Monats, Folge 25: Ein Prunktisch im Schlossmuseum
Das Schlossmuseum zeigt in seiner derzeitigen Ausstellung „Neu hier! Zugänge zur Sammlung“ (bis 12.04.2026) eine Auswahl von Neuzugängen. Neben Kavalleriesäbeln, zarten Batistdecken und Dokumenten aus der Zeit der letzten Herzöge sticht ein großer vergoldeter Tisch besonders hervor.
Die vier kräftigen Beine und die geschwungenen Seiten verleihen dem Möbelstück einen stabilen und zugleich eleganten Eindruck. Florale Verzierungen unterstreichen die besondere Gestaltung. Aber was den Betrachter wirklich fesseln kann, sind die Adlerfiguren an den Tischecken. Ihre Flügel reichen von der einen zur anderen Tischwange. Und genau auf der Ecke ragt der scharfe Adlerschnabel hervor.
Handelt es sich um die Laune eines Hoftischlers? Adlerköpfe an einem braunschweigischen Staatsmöbel sind ungewöhnlich. Hierzulande bestimmen bei der Ausstattung der ehemaligen herzoglichen Schlösser Löwen- und Pferdefiguren die Tiersymbolik – und das seit dem hohen Mittelalter.

Prunkmöbel zwischen Tradition und Politik
Die Erklärung führt ins Todesjahr von Herzog Wilhelm: 1884 verstarb er kinderlos. Nach welfischem Hausgesetz hätte ihm ein Mitglied aus der hannoverschen Linie auf den Thron folgen sollen. Doch 1866 wurden die Hannoveraner, die im Krieg an der Seite Österreichs standen, von Preußen besiegt. Und die Berliner Reichspolitik schloss die Rückkehr eines Welfen auf einen deutschen Thron aus. So wurde 1885 der Preuße Albrecht, Neffe Kaiser Wilhelms I., von der braunschweigischen Landesversammlung zum – loyalen – Herzogsregenten gewählt.
Damit zog erstmals eine fünfköpfige Familie in das Residenzschloss ein. Man wohnte privat im 2. Obergeschoss des nordwestlichen Schlossflügels mit Blick auf Schlosspark und ‑platz. Die herzoglichen Repräsentationsräume in der Beletage erhielten teilweise neues Rokokomobiliar im friderizianischen Stil, von dem viele Stücke bewahrt geblieben sind. Die Staatsräume, etwa das Gesandtenzimmer nördlich des Ballsaales, wurden dagegen mit neuen Prunkmöbeln ausgestattet: Sessel, Sofas und eben jener Tisch. Seine Adler spiegeln das preußische Wappentier gleich vierfach wider – ein klarer Affront gegen die traditionelle braunschweigische Heraldik. Dennoch ist anzunehmen, dass den Tisch der Braunschweiger Baumeister Constantin Uhde entworfen hat.

Jahrzehntelange Odyssee eines Schlossmöbels
1906 verstarb Herzog Albrecht, und 1907 wurde der weltoffene Joachim Albrecht von Mecklenburg-Schwerin Herzogsregent. Dies wäre der früheste Zeitpunkt gewesen, um die allzu sichtbare Sympathie für Preußen in der Braunschweiger Residenz zu tilgen. Der Tisch könnte also bereits 1907 ins Depot gelangt sein und entging damit der Zählung bei der Schlossinventarisierung ab 1911.
1925 erhielt das vormalige Herzogshaus die kostbarsten Stücke aus dem Schlossmuseum: Gemälde, Möbel, Hausrat. Das Museum wurde regelrecht geleert. Nun wurde der Tisch wieder benötigt. Auf einer (schlechten) Fotografie bildet er mit verschollenen Sesseln im einstigen barocken Wolfenbütteler Wohnzimmer (im Südflügel) eine Art Notensemble, um den leeren Raum zu füllen. Dieses Sammelsurium endete 1934.
Die Vereinnahmung des Schlosses als SS-Junkerschule zwang zur Aufgabe des Museums und zum zerstörenden Umbau der Säle zu Schulungsräumen. Dabei gelangte der Tisch – wie viele andere, noch erhaltene Stücke des Schlosses aus der Zeit des Neoklassizismus, die damals kaum geschätzt wurden, in den Fundus des Staatstheaters Braunschweig. Dort entdeckte ihn Jahrzehnte später ein Kenner, erwarb ihn um 1990 und ließ ihn in Braunschweig restaurieren. Der neu vergoldete Tisch gelangte danach über Hamburg bis nach Nizza. 2006 und erneut 2024 wurde er im Kunsthandel angeboten. Dort konnte ihn schließlich die Richard Borek Stiftung erwerben. Nach 90 Jahren Odyssee kehrt der Tisch gewissermaßen an seinen alten Ort zurück: in das Audienzzimmer im Museum des Residenzschlosses.






