Unter dem NS-Regime verlor die Familie ihre wirtschaftliche Existenz und wurde zur Flucht gezwungen
Vor der ehemaligen Amsberg-Villa am Friedrich-Wilhelm-Platz werden am Freitag, 3. Juli, vier neue Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Cécile-Berche, Annette, Herbert und Alix („Lixi“) Meyersfeld. Über Jahrzehnte prägte ihre Familie das wirtschaftliche, gesellschaftliche und jüdische Leben in Braunschweig.
Die Villa hatte der Bankier David Meyersfeld (1805–1885) erworben. Drei Generationen der Familie lebten und arbeiteten dort. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor die Familie jedoch ihre wirtschaftliche Existenz, wurde entrechtet und schließlich zur Flucht gezwungen.

Seit 2006 in Braunschweig
Das Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig erinnert seit 1995 europaweit an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die kleinen Messingtafeln werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnorten der Verfolgten in den Gehweg eingelassen und machen ihre Namen und Lebensgeschichten im Alltag sichtbar.
In Braunschweig engagiert sich seit 2005 der Förderverein „Stolpersteine für Braunschweig“ gemeinsam mit der Stadt sowie zahlreichen Schulen für die Erforschung der Schicksale von NS-Opfern. Seit der ersten Verlegung im März 2006 erinnern mittlerweile mehr als 450 Stolpersteine an die Verfolgten.
Die Geschichte der Familie Meyersfeld recherchierten im Vorfeld der Verlegung Schülerinnen und Schüler des Braunschweig-Kollegs. Die umfassende Dokumentation beginnt mit der Ansiedlung der Familie, die 1745 von Einbeck nach Braunschweig zog. Unter Bernhard Meyersfeld (1841–1920) erreichte sie den Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung.
Bedeutende jüdische Familie
Die Meyersfelds gehörten seit dem späten 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten jüdischen Familien Braunschweigs. Mit ihrem Bankhaus D. Meyersfeld förderten sie die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, engagierten sich in der jüdischen Gemeinde und unterstützten zahlreiche soziale und kulturelle Projekte. Unter anderem stifteten sie den Eulenspiegelbrunnen am Bäckerklint. Dort befindet sich auch die Erinnerungstafel an Bernhard Meyersfeld.
Innerhalb weniger Jahre zerstörte das NS-Regime diese über Generationen aufgebaute Existenz. Die vier Familienmitglieder, an die nun Stolpersteine erinnern, überlebten die Verfolgung nur durch ihre Flucht ins Exil.

Cécile-Berche Meyersfeld, geborene Rau (21. Februar 1879 in Paris – 7. September 1965 in Johannesburg), versuchte nach dem Zusammenbruch des Bankhauses infolge der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1931, mit einem Café in den ehemaligen Bankräumen die Existenz ihrer Familie zu sichern. Das Café entwickelte sich schnell zu einem beliebten Treffpunkt in Braunschweig. Weil sich Cécile-Berche am 1. Mai 1933 weigerte, die Hakenkreuzfahne zu hissen, wurde sie verhaftet und wochenlang ohne Gerichtsverfahren festgehalten. Nach dem Tod ihres Mannes Berthold im Jahr 1934 führte ihre Flucht über Frankreich, Spanien und Portugal schließlich nach Südafrika, wo bereits ihre drei Kinder lebten. Das Café wurde im November 1935 unter dem Namen „Café Börner“ wieder eröffnet.
Annette Meyersfeld (1909 in Braunschweig – 28. Januar 2001 in Johannesburg) wollte Schauspielerin werden. Die nationalsozialistische Verfolgung zwang sie jedoch zur Emigration. Nach Stationen in Paris fand sie in Südafrika eine neue Heimat. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Hans Alexander Frank eröffnete sie zunächst ein Modeatelier und später das weit über Johannesburg hinaus bekannte französische Restaurant „The Bistro“.

Herbert Meyersfeld (1911 in Braunschweig – 20. Oktober 1997 in Kapstadt) floh bereits 1933 nach Paris. Sein weiterer Weg führte ihn über Madagaskar nach Südafrika. Dort baute er sich eine neue Existenz auf, gründete eine Familie und leitete später erfolgreich das Unternehmen seines Schwiegervaters. Trotz seines Exils blieb er seiner Heimatstadt eng verbunden und besuchte Braunschweig regelmäßig.
Alix („Lixi“) Darvall, geborene Meyersfeld (20. März 1920 in Braunschweig – 15. Juli 1980 in Johannesburg), wurde bereits als 14-Jährige wegen ihrer jüdischen Herkunft von der Schule ausgeschlossen. Gemeinsam mit ihrer Mutter gelang ihr nach einer abenteuerlichen Flucht über die Pyrenäen und mehreren Haftaufenthalten in Spanien die Rettung nach Südafrika. Dort machte sie sich als Karikaturistin und Porträtzeichnerin einen Namen und verarbeitete ihre Erfahrungen von Flucht und Verfolgung in ihren künstlerischen Arbeiten.
Weitere Stolpersteine werden an diesem Tag für Lina Nachod (Stegmannstraße 22), Selma Senff (Hamburger Straße 297, heute Rebenring/Ecke Mühlenpfordtstraße), Walter Ott (Güldenstraße 48) und Helene Kiewaczynski (Wabestraße 4) verlegt.
Mehr unter: https://www.stolpersteine-fuer-braunschweig.de/






