Eines der ersten Gebäude am Wallring aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird abgerissen
Heimlich, still und leise wird erneut ein altes Stück Braunschweig verschwinden. Rendite statt Historie wird es bald für das Gebäude auf dem Grundstück am Hohen Tore 6 heißen. Davon kündet jedenfalls das Plakat eines Investors, der dort hochwertiges Wohnen mit attraktiver Okerlage lukrativ vermarkten will. Weichen muss dafür eines der ersten Häuser, das am Wallring in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet wurde.
„Skandal“ aus Sicht des Bauhistorikers
Das verputzte Fachwerkhaus zählt nicht zu den repräsentativen Villen, die am Wallring unter Denkmalschutz stehen, insofern ist rechtlich nichts gegen den Abriss und der Neubebauung einzuwenden. Aus Sicht des Bauhistorikers und Stadtteilheimatpflegers Innenstadt, Elmar Arnhold, ist es dennoch ein „Skandal, dass so etwas in unserer eigentlich so reichen Gesellschaft möglich ist.“ Er hätte es nur zu gern gesehen, wenn das historische Gebäude hätte erhalten und saniert werden können.

Die Straße am Hohen Tore geht auf die Konzeption von Peter Josef Krahe zurück, der die einstigen Befestigungsanlagen Braunschweigs im frühen 19. Jahrhundert zum Wallring in seiner heutigen Form umgestaltete. „Das ist großartiges Denkmal der klassizistischen Freiraumplanung und eben auch heute noch ein Alleinstellungsmerkmal, eine ganz große Qualität unserer Stadt. Und insofern ist der Abbruch eines Gebäudes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, das ein Beispiel für die frühe Bebauung des Wallrings ist aus Sicht eines Bauhistorikers Frevel“, erläutert Arnhold.
Wirkt wie ein Schandfleck
Für den Durchschnittsbürger mag das Gebäude in seinem jetzigen Zustand wie ein Schandfleck wirken, aber es handelt sich tatsächlich um ein historisches Juwel. „Selbstverständlich ist es zurzeit kein schöner Anblick. Und selbstverständlich kann das Gebäude kein Renditeobjekt sein. Eine Sanierung hätte viel Idealismus verlangt. Aber wenn wir die Dinge nur nach der Brauchbarkeit, der Verwertbarkeit und finanziellen Gesichtspunkten beurteilen, dann ist dem weiteren Verlust von Kulturgütern Tür und Tor geöffnet“, kritisiert Arnhold.
Das klassizistische Gebäude wurde zwischen 1841 und 1850 errichtet. Davon zeugen Stadtpläne. Mit seiner symmetrischen Fassade mit Zwerchgiebeln an beiden Seiten, schlichter Stuckatur und einem Seiteneingang entspricht es dem zu der Zeit typischen Baustil in Braunschweig. Vermutlich war es von Anfang an verputzt, um ein Steinhaus vorzutäuschen. Bereits seit den 1990er Jahren steht es leer, und nagt ungeschützt der Zahn der Zeit daran.

Kein öffentliches Interesse
„An der Erhaltung des Braunschweiger Wallrings besteht aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung als Zeugnis- und Schauwert für Bau- und Kunstgeschichte, für Kultur- und Geistesgeschichte sowie für Siedlungs- und Stadtbaugeschichte, aufgrund seiner künstlerischen Bedeutung als Erlebniswert für überregional nicht alltägliche künstlerisch-handwerkliche Gestaltwerte, wie auch aufgrund seiner städtebaulichen Bedeutung von prägendem Einfluss auf das Ortsbild ein öffentliches Interesse“, heißt es im Niedersächsischen Dennkmalatlas. Für das verlassene Haus Am Hohen Tore 6 gilt das nicht. Deswegen muss es weichen.




