Die Oker als Energie­quelle

Die Okerbrücke Ottmerstraße in den 1950er Jahren. Foto: Braunschweigische Landschaft/Herbert Tietz
Die Okerbrücke Ottmerstraße in den 1950er Jahren. Foto: Braunschweigische Landschaft/Herbert Tietz

Aus dem Stadt­ar­chiv, Folge 8: Ersterwäh­nung im Jahr 747

Im Stadt­ar­chiv werden Akten über inner­städ­ti­sche Eingriffe in den Okerver­lauf sowie die Anlage und Pflege von Okergräben ebenso wie über die frühe Vergabe von Fische­rei­rechten gelagert. Das Interesse an der Energie­ge­win­nung durch Wasser­kraft zum Betreiben von Mühlen findet seinen Nieder­schlag in vielen Unter­lagen vom Mittel­alter bis in die Gegenwart. Die Nutzung des Okerwas­sers für Indus­trie­an­lagen erfor­derte die Geneh­mi­gung der zustän­digen kommu­nalen Behörden. Auch staat­liche oder kommunale Verkehrs- und Versor­gungs­be­triebe wie die staat­liche Eisenbahn oder das Elektri­sche Lichtwerk der Stadt Braun­schweig nutzten es. Es existiert eine Fülle an behörd­li­chen Infor­ma­tionen.

„Wäre Brunswik Waters rike, so wär‘ nimmer sinns Gelike.“ (Wäre Braun­schweig (des) Wassers reich, so wäre niemand ihr gleich.) Dieser 1841 abgedruckte Sinnspruch wird auf das Jahr 1605 zurück­ge­führt. Gemeint war damit: Hätte Braun­schweig einen wasser­rei­chen, für die Schiff­fahrt geeig­neten Fluss, so wäre ihr großer wirtschaft­li­cher Erfolg beschieden. Zu wirtschaft­li­chem Erfolg kamen die Stadt Braun­schweig und das Braun­schwei­gi­sche Land auch ohne umfang­reiche Trans­porte auf dem Wasser. Im Harz geschla­gene Baumstämme wurden früher – zu Flößen zusam­men­ge­bunden, bei günstigen Wasser­ver­hält­nissen bis Braun­schweig gebracht und dort als Bauholz zugeschnitten. Zwischen Braun­schweig und Wolfen­büttel fand um 1750 während einiger Jahre ein Fracht­ver­kehr statt.

Die Okerumflutgräben haben den Flusslauf aus der Innenstadt verbannt. Foto: der Löwe
Die Okerum­flut­gräben haben den Flusslauf aus der Innen­stadt verbannt. Foto: der Löwe

Fracht- und Perso­nen­ver­kehr

Einen Fracht­ver­kehr von Braun­schweig aus auf Oker/Aller/Weser nach Celle/Bremen hat es nur während weniger Jahre im Mittel­alter gegeben. Perso­nen­ver­kehr bestand für einige Zeit als Ausflugs­ver­kehr südlich von Braun­schweig bis Stöckheim (Großes Weghaus) und nördlich von Braun­schweig bis Olper (Mühle). Von der Braun­schweiger Innen­stadt aus verkehrte zumindest zwischen den beiden Weltkriegen ein Motor­schiff, „MS Brunonia“ genannt, zu Ausflugs­fahrten zum Heinrichs­hafen (Nähe Eisen­büt­teler Straße).

An der zurück­ge­legten Strecke befand sich eine beliebte Badean­stalt. Am Löwenwall gibt es noch heute einen Boots­ver­leih und organi­sierte Boots­touren. Mehrere Wasser­sport­ver­eine nutzten den Fluss seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts bis in die Gegenwart für ihr Freizeit- und Sport­an­gebot.

„Massen­taufe der Sachsen“

Die Oker ist erstmalig urkund­lich erwähnt im Jahr 747 in einer Wegbe­schrei­bung als Okerüber­gang bei Ohrum, dort, südlich von Wolfen­büttel, fand im Jahr 780 die „Massen­taufe der Sachsen“ statt. Das Quell­ge­biet der Oker befindet sich in den Höhen­lagen des Harzes, westlich im Bruch­berg­massiv. Der Flusslauf erstreckt sich allgemein in nördliche Richtung. Die ehemalige Königs­pfalz Werla (bei Werla­burg­dorf), auf einem Plateau westlich der Oker gelegen, hatte um das Jahr 1000 eine reichs­weite Bedeutung.

In Braun­schweig ist vom ursprüng­li­chen Okerver­lauf lediglich unmit­telbar östlich der Burg Dankwar­derode ein kleiner, inzwi­schen trockener Abschnitt als gepflas­terter Graben erhalten geblieben. Die Innen­stadt wird von den beiden Umflut­gräben (westlich und östlich) umschlossen. Die weitere Strecke hat im Niede­rungs­ge­biet zwischen Ölper und Veltenhof mit dem mäandrie­renden Verlauf noch viel vom ursprüng­li­chen Charakter. Die Oker mündete früher bei Wienhausen in die Aller, nach mehrfa­chen Regulie­rungen befindet sich die Mündung nunmehr bei Müden.

Die Eisenbahn-Badeanstalt im Jahr 1940. Foto: Stadtarchiv Braunschweig
Die Eisenbahn-Badean­stalt im Jahr 1940. Foto: Stadt­ar­chiv Braun­schweig

Hochwasser 1806 und 1946

Auch wenn es nach starken Regen­fällen oder infolge der Schnee­schmelze zu Überschwem­mungen in den Niede­rungs­ge­bieten kommt, gehören Katastro­phen doch der Vergan­gen­heit an. Die Hochwas­ser­marke an der Braun­schweiger Katha­ri­nen­kirche zeigt für den 8. April 1806 einen Wasser­stand von etwa 80 Zenti­me­tern auf dem Hagen­markt, am 9./10. Februar 1946 stand das Wasser dort etwa 40 Zenti­meter hoch. Seit Inbetrieb­nahme der Okertal­sperre, 1956, sind derartige Zustände verhin­dert worden.

Der während Jahrhun­derten ausgeübte Bergbau hat noch heute Einfluss auf die Wasser­qua­lität. Die Auswa­schungen aus schwer­me­tall­hal­tigen Sedimenten sind noch heute am Fisch­be­satz und an uferbe­glei­tendem Grün erkennbar. Die heutigen Einlei­tungen von geklärten Abwässern aus Industrie- und Wohnge­bieten unter­liegen strengen Vorschriften. Die Entnahme von Trink­wasser ist vor vielen Jahrzehnten bereits einge­stellt worden.

Eine wirtschaft­liche Bedeutung neben der Fische­r­ei­nut­zung bekam die Oker als Energie­quelle, so siedelten sich entlang des Fluss­laufes mehrere Mühlen an. Der damit einher­ge­hende Bau eines Stauwehres erfor­derte dann beispiels­weise bei der Rüninger Mühle den Bau einer Schleuse als Durch­fahrt für Schiffe und Flöße. Heute gibt es „Fisch­auf­stiege“ seitlich von weiterhin vorhan­denen Stauwehren, die beispiels­weise der Rothe­mühle die Erzeugung von Elektro­en­ergie ermög­li­chen.

Rolf Ahlers leitet die Arbeits­gruppe Platt­deutsch der Braun­schwei­gi­schen Landschaft.  Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Funda­mente Braun­schwei­gi­scher Regio­nal­ge­schichte“. Heraus­ge­geben von der Braun­schwei­gi­schen Landschaft.

Mit dieser Reihe in Koope­ra­tion mit dem Stadt­ar­chiv wollen wir unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braun­schweigs im Jahr 2031 vorbe­reiten. Anlass dafür ist die Ersterwäh­nung der Stadt in der Weihe­ur­kunde der Magni­kirche von 1031.

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