Aus dem Stadtarchiv, Folge 10: Herzog Anton Ulrich war entscheidend
„Unsere Farben sind nicht blau und gelb“, schallt es regelmäßig am Wochenende durch die AWD-Arena in Hannover. Eine klare Frontstellung der Fußballfans von Hannover 96. Blau und Gelb sind die Farben der Braunschweiger Eintracht und waren die Farben des Landes Braunschweig. Wie es dazu kam und wann, darüber kursieren im Internet verschiedene Theorien. Fundierte Antworten hingegen lassen sich nicht so einfach finden.
Die Braunschweiger Welfen verwendeten im 16. und 17. Jahrhundert als Hoffarben Rot und Gold (Gelb und Gold sind in der Wappenkunde identisch). Seit Beginn des 18. Jahrhunderts erscheint die Kombination Blau-Gelb auf Gemälden und herzoglichen Gebrauchsgegenständen. Datiert nachweisen lässt sich ein Übergang der Farbwahl an der Besiegelung herzoglicher Urkunden. An Prunkausfertigungen hingen die schweren Siegel, häufig durch glänzende Metallkapseln geschützt, an Seidenfäden oder ‑schnüren.
Anweisung an Offiziere
Die Herzöge aus der Lüneburger Linie, die 1634 die braunschweigischen Fürstentümer erbten, kombinierten die braunschweigischen Farben (Rot und Gelb) mit den lüneburgischen (Blau und Gelb). Sie ließen ihre Urkunden mit Siegeln beglaubigen, die an rot-gelb-blauen Schnüren hingen. Herzog Anton Ulrich änderte das 1705. Er verwendete fortan nur noch blau-gelbe Schnüre und wies seine Offiziere 1710 an, Armbinden aus blauer und gelber Seide zu tragen. Ganz prächtig, blau-gelb in Samt gebunden, wurden die Eheverträge für Prinzessin Elisabeth Christine und ihren Bräutigam, den Kronprinzen Friedrich in Preußen, den späteren König Friedrich II., im Jahre 1735.
Warum erfolgte der Farbwechsel 1705? In diesem Jahr starb in Celle Herzog Georg Wilhelm, der letzte Heideherzog. Sein Fürstentum Lüneburg fiel einem Vertrag Georg Wilhelms mit seinem Bruder entsprechend an Hannover, obwohl auch die Braunschweiger Ansprüche geltend machten. Herzog Anton Ulrich vertrat die Auffassung, dass die Wolfenbütteler als die ältere Linie des Welfenhauses durch unlautere Verträge um das Fürstentum Lüneburg betrogen worden seien.
Besonders ärgerlich: Sein Sohn, den er mit der (eigentlich illegitimen) Erbtochter des Celler Herzogs hatte verloben können, war vor der Eheschließung im Krieg gefallen. Militärische Optionen hatte Anton Ulrich nicht mehr. So blieb ihm, dem großen Darsteller barocker Fürstlichkeit, nur der symbolische Protest. Blau-Gelb müssen wir also als ursprünglich lüneburgische Farben ansehen, die das braunschweigische Rot-Gelb ablösten.

Herzog Karl II. scherte aus
Und so eindeutig, wie man meinen möchte, verbanden sich diese Farben auch nicht mit der braunschweigischen Identität. Herzog Karl II. hatte z. B. eigene Vorstellungen. Er befahl 1824, die blau-gelben Schilderhäuschen in Braunschweig und Wolfenbüttel blau-weiß überstreichen zu lassen, was nach seiner Vertreibung 1830 wieder rückgängig gemacht wurde. Seitdem fanden die Farben Blau und Gelb in Land und Region Braunschweig vielfältig Verwendung. Und 1895 machte der Braunschweigische Turn- und Sportverein „Eintracht“ sie zu seinen Vereinsfarben.
Herzogliche Urkunden mit farbigen Siegelschnüren wurden für Kommunen, Institutionen und Privatpersonen ausgestellt und gelangten in deren Archive. Die symbolische Nutzung von Farben bis hin zu Bestimmungen für gesetzliche Hoheitszeichen hat auch Regierung und Verwaltung beschäftigt. Von der Staatssymbolik abgeleitet, diffundierten Blau und Gelb in die Kommunalheraldik.
Körperschaften und Vereine bekannten sich durch die Verwendung der Landesfarben zur braunschweigischen Tradition. Neben dem BTSV „Eintracht“ seien nur der Braunschweiger Kanuclub von 1920 oder der Postsportverein „Blau-Gelb“ genannt. Die Vereinsregister und auch Registerakten verwahrt das Landesarchiv in den Amtsgerichtsbeständen. Die Vereinsarchive werden unterschiedlich gut gepflegt; einige sind in öffentlichen, meist kommunalen Archiven hinterlegt worden und auf diese Weise für die Forschung nutzbar (z. B. das Archiv von Eintracht Braunschweig im Stadtarchiv).
Dr. Brage Bei der Wieden leitet das Niedersächsische Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Fundamente braunschweigischer Regionalgeschichte“, herausgegeben von der Braunschweigischen Landschaft.
Mit dieser Reihe in Kooperation mit dem Stadtarchiv wollen wir unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braunschweigs im Jahr 2031 vorbereiten. Anlass dafür ist die Ersterwähnung der Stadt in der Weiheurkunde der Magnikirche von 1031.






