Krieg und Frieden

Feldpostkarte mit musizierenden deutschen Soldaten, Russland 1917. Foto Stadtarchiv
Feldpostkarte mit musizierenden deutschen Soldaten, Russland 1917. Foto Stadtarchiv

Aus dem Stadt­ar­chiv, Folge 6: Militä­ri­sche Konflikte haben das Schicksal Braun­schweigs stark beein­flusst.

Das Braun­schweiger Land hat wie große Teile Europas seit dem Zweiten Weltkrieg trotz des Kalten Krieges eine über sieben Jahrzehnte andau­ernde Phase des Friedens erlebt. Erst mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 scheint Krieg wieder ein denkbares Szenario auch für Mittel­eu­ropa geworden zu sein. Eine so lange andau­ernde Phase des Friedens muss in der Geschichte als eine Ausnahme betrachtet werden. Das Leben der Menschen wurde auch in unserer Region durch den Verlauf und die Folgen regel­mäßig wieder­keh­renden kriege­ri­scher Ausein­an­der­set­zungen geprägt. Im histo­ri­schen Bewusst­sein haben diese Kriege tiefe Spuren hinter­lassen.

Zahlrei­cher Archi­va­lien

Im Zusam­men­hang mit den regel­mäßig wieder­keh­renden kriege­ri­schen Konflikten ist über die Jahrhun­derte hinweg Archiv­ma­te­rial in erheb­li­chem Umfang erhalten. Aller­dings ist auch vieles vernichtet worden. In den Beständen des Stadt­ar­chivs Braun­schweig sind zahlreiche Archi­va­lien überlie­fert, die Fragen von Krieg und Frieden betreffen und zeigen, wie stark das Schicksal der Kommune davon beein­flusst wurde. Über das Wehrwesen der Stadt bis ins 17. Jahrhun­dert geben unter anderem die Marstal­bü­cher Auskunft, die 1599 einset­zenden sogenannten Muster­rollen dienten zur Erhebung der wehrfä­higen Bevöl­ke­rung. Die kriege­ri­schen Ausein­an­der­set­zungen mit den Landes­herren im 16. und 17. Jahrhun­dert sowie die Auswir­kungen des Dreißig­jäh­rigen Krieges fanden einen umfang­rei­chen schrift­li­chen Nieder­schlag in den Akten­be­ständen des Alten Ratsar­chivs.

Mit dem Ende der städti­schen Autonomie war zwar auch der Übergang der Verant­wor­tung für das Militär­wesen an den Staat verbunden, die Bestände des Stadt­ar­chivs können dennoch zu den unter­schied­lichsten Frage­stel­lungen zur Thematik von Krieg und Frieden mit Gewinn heran­ge­zogen werden. Das Spektrum einschlä­giger Archi­va­lien reicht dabei von der Überlie­fe­rung einzelner Braun­schwei­gi­scher Militär­ein­heiten über zahlreiche Feldpost­briefe und Kriegs­ta­ge­bü­cher bis hin zur Bewäl­ti­gung der Folgen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhun­derts durch die Kommu­nal­ver­wal­tung.

Trümmer nach dem Zweiten Weltkrieg: Hagenbrücke und St. Katharinen, 1945. Foto: Archiv Heimatpfleger Braunschweig
Trümmer nach dem Zweiten Weltkrieg: Hagen­brücke und St. Katha­rinen, 1945. Foto: Archiv Heimat­pfleger Braun­schweig

Mächtige Vertei­di­gungs­an­lagen

Heute nur noch in Resten erhaltene, einstmals mächtige Vertei­di­gungs­an­lagen wie die Harzburg oder die Braun­schweiger Stadt­be­fes­ti­gung legen Zeugnis von einer allge­gen­wär­tigen Kriegs­ge­fahr im Mittel­alter und der Frühen Neuzeit ab. In der regio­nalen Erinne­rungs­kultur verankert ist etwa die Belage­rung Braun­schweigs durch König Philipp von Schwaben im Jahr 1200, da sie mit der Legende vom Stadt­hei­ligen Auctor verknüpft ist. Dessen Erscheinen auf der Stadt­mauer soll zum Abbruch der Belage­rung und zur Rettung der Stadt geführt haben.

Ganz besondere Verhee­rungen hat der Dreißig­jäh­rige Krieg über die Region gebracht. Beispiel­haft sei die Belage­rung und Eroberung Wolfen­büt­tels durch die Katho­li­sche Liga 1627 genannt, als die Stadt monate­lang durch das aufge­staute Wasser der Oker überflutet war. Einen beson­deren Stellen­wert im Rahmen der Braun­schwei­gi­schen Landes­ge­schichte hat ohne Zweifel der Abwehr­kampf gegen Napoleon, der sich nicht zuletzt in einer Vielzahl von Denkmä­lern wie dem Obelisken am Löwenwall ablesen lässt.

Im 19. Jahrhun­dert hatten zwar die Vertei­di­gungs­werke ihre Bedeutung verloren, dafür wurden aber insbe­son­dere in Braun­schweig zahlreiche stadt­bild­prä­gende militä­ri­sche Anlagen wie Kasernen und Exerzier­plätze angelegt. Der Erste Weltkrieg war zwar nicht mit direkten Kriegs­schäden in der Region verknüpft, jedoch waren auch im Braun­schweiger Land zahlreiche Kriegs­opfer zu beklagen, bestimmte wirtschaft­liche Not zunehmend den Alltag der Menschen.

Die Nieder­lage des Kaiser­rei­ches führte auch im Braun­schweiger Land zum Ende der Monarchie und zur Abdankung des Herzogs am 8. November 1918. Ernst August ging diesen Schritt übrigens als erster der deutschen Monarchen. Die kurze Phase des demokra­ti­schen Freistaats endete 1933 mit der Macht­über­nahme der Na-tional­so­zia­listen, die in Braun­schweig bereits ab 1931 an der Landes­re­gie­rung beteiligt gewesen waren.

Denkmal für die Gefallenen Husarenregiments im Ersten Weltkrieg. Foto: der Löwe
Denkmal für die Gefal­lenen Husaren­re­gi­ments im Ersten Weltkrieg. Foto: der Löwe

Terror und Verfol­gung

Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Diktatur brachte Terror und Verfol­gung zahlrei­cher Menschen und endete in der Mensch­heits­ka­ta­strophe des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust, der auch in Braun­schweig zahlreiche Opfer forderte und die Innen­stadt in Trümmer legte. Die Befreiung vom Natio­nal­so­zia­lismus durch die Alliierten brachte den Frieden, führte aber auch zur Teilung Deutsch­lands, die das Braun­schweiger Land unmit­telbar berührte. Mit der Gründung des Landes Nieder­sachsen zum 1. November 1946 war das Ende der braun­schwei­gi­schen Eigen­staat­lich­keit verbunden.

Die Deutsche Teilung konnte 1990 durch die Wieder­ver­ei­ni­gung überwunden werden, die Gefahr eines Krieges schien in weite Ferne gerückt. Die Zahl und Präsenz des Militärs wurden deutlich verrin­gert, militä­ri­sche Objekte einer zivilen Nutzung als Wohnge­biete oder Wissen­schafts­ein­rich­tungen zugeführt.

Dr. Henning Stein­führer ist Leiter des Stadt­ar­chivs Braun­schweig. Der Beitrag erschien zuerst im von der Braun­schwei­gi­schen Landschaft heraus­ge­geben Buch „Von Asse bis Zucker. Funda­mente Braun­schwei­gi­scher Regio­nal­ge­schichte“.

Mit dieser Reihe in Koope­ra­tion mit dem Stadt­ar­chiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braun­schweigs im Jahr 2031 vorbe­reiten. Anlass dafür ist die Ersterwäh­nung der Stadt in der Weihe­ur­kunde der Magni­kirche von 1031.

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