Aus dem Stadtarchiv, Folge 6: Militärische Konflikte haben das Schicksal Braunschweigs stark beeinflusst.
Das Braunschweiger Land hat wie große Teile Europas seit dem Zweiten Weltkrieg trotz des Kalten Krieges eine über sieben Jahrzehnte andauernde Phase des Friedens erlebt. Erst mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 scheint Krieg wieder ein denkbares Szenario auch für Mitteleuropa geworden zu sein. Eine so lange andauernde Phase des Friedens muss in der Geschichte als eine Ausnahme betrachtet werden. Das Leben der Menschen wurde auch in unserer Region durch den Verlauf und die Folgen regelmäßig wiederkehrenden kriegerischer Auseinandersetzungen geprägt. Im historischen Bewusstsein haben diese Kriege tiefe Spuren hinterlassen.
Zahlreicher Archivalien
Im Zusammenhang mit den regelmäßig wiederkehrenden kriegerischen Konflikten ist über die Jahrhunderte hinweg Archivmaterial in erheblichem Umfang erhalten. Allerdings ist auch vieles vernichtet worden. In den Beständen des Stadtarchivs Braunschweig sind zahlreiche Archivalien überliefert, die Fragen von Krieg und Frieden betreffen und zeigen, wie stark das Schicksal der Kommune davon beeinflusst wurde. Über das Wehrwesen der Stadt bis ins 17. Jahrhundert geben unter anderem die Marstalbücher Auskunft, die 1599 einsetzenden sogenannten Musterrollen dienten zur Erhebung der wehrfähigen Bevölkerung. Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Landesherren im 16. und 17. Jahrhundert sowie die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges fanden einen umfangreichen schriftlichen Niederschlag in den Aktenbeständen des Alten Ratsarchivs.
Mit dem Ende der städtischen Autonomie war zwar auch der Übergang der Verantwortung für das Militärwesen an den Staat verbunden, die Bestände des Stadtarchivs können dennoch zu den unterschiedlichsten Fragestellungen zur Thematik von Krieg und Frieden mit Gewinn herangezogen werden. Das Spektrum einschlägiger Archivalien reicht dabei von der Überlieferung einzelner Braunschweigischer Militäreinheiten über zahlreiche Feldpostbriefe und Kriegstagebücher bis hin zur Bewältigung der Folgen der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts durch die Kommunalverwaltung.

Mächtige Verteidigungsanlagen
Heute nur noch in Resten erhaltene, einstmals mächtige Verteidigungsanlagen wie die Harzburg oder die Braunschweiger Stadtbefestigung legen Zeugnis von einer allgegenwärtigen Kriegsgefahr im Mittelalter und der Frühen Neuzeit ab. In der regionalen Erinnerungskultur verankert ist etwa die Belagerung Braunschweigs durch König Philipp von Schwaben im Jahr 1200, da sie mit der Legende vom Stadtheiligen Auctor verknüpft ist. Dessen Erscheinen auf der Stadtmauer soll zum Abbruch der Belagerung und zur Rettung der Stadt geführt haben.
Ganz besondere Verheerungen hat der Dreißigjährige Krieg über die Region gebracht. Beispielhaft sei die Belagerung und Eroberung Wolfenbüttels durch die Katholische Liga 1627 genannt, als die Stadt monatelang durch das aufgestaute Wasser der Oker überflutet war. Einen besonderen Stellenwert im Rahmen der Braunschweigischen Landesgeschichte hat ohne Zweifel der Abwehrkampf gegen Napoleon, der sich nicht zuletzt in einer Vielzahl von Denkmälern wie dem Obelisken am Löwenwall ablesen lässt.
Im 19. Jahrhundert hatten zwar die Verteidigungswerke ihre Bedeutung verloren, dafür wurden aber insbesondere in Braunschweig zahlreiche stadtbildprägende militärische Anlagen wie Kasernen und Exerzierplätze angelegt. Der Erste Weltkrieg war zwar nicht mit direkten Kriegsschäden in der Region verknüpft, jedoch waren auch im Braunschweiger Land zahlreiche Kriegsopfer zu beklagen, bestimmte wirtschaftliche Not zunehmend den Alltag der Menschen.
Die Niederlage des Kaiserreiches führte auch im Braunschweiger Land zum Ende der Monarchie und zur Abdankung des Herzogs am 8. November 1918. Ernst August ging diesen Schritt übrigens als erster der deutschen Monarchen. Die kurze Phase des demokratischen Freistaats endete 1933 mit der Machtübernahme der Na-tionalsozialisten, die in Braunschweig bereits ab 1931 an der Landesregierung beteiligt gewesen waren.

Terror und Verfolgung
Die nationalsozialistische Diktatur brachte Terror und Verfolgung zahlreicher Menschen und endete in der Menschheitskatastrophe des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust, der auch in Braunschweig zahlreiche Opfer forderte und die Innenstadt in Trümmer legte. Die Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten brachte den Frieden, führte aber auch zur Teilung Deutschlands, die das Braunschweiger Land unmittelbar berührte. Mit der Gründung des Landes Niedersachsen zum 1. November 1946 war das Ende der braunschweigischen Eigenstaatlichkeit verbunden.
Die Deutsche Teilung konnte 1990 durch die Wiedervereinigung überwunden werden, die Gefahr eines Krieges schien in weite Ferne gerückt. Die Zahl und Präsenz des Militärs wurden deutlich verringert, militärische Objekte einer zivilen Nutzung als Wohngebiete oder Wissenschaftseinrichtungen zugeführt.
Dr. Henning Steinführer ist Leiter des Stadtarchivs Braunschweig. Der Beitrag erschien zuerst im von der Braunschweigischen Landschaft herausgegeben Buch „Von Asse bis Zucker. Fundamente Braunschweigischer Regionalgeschichte“.
Mit dieser Reihe in Kooperation mit dem Stadtarchiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braunschweigs im Jahr 2031 vorbereiten. Anlass dafür ist die Ersterwähnung der Stadt in der Weiheurkunde der Magnikirche von 1031.



