Braun­schweig – der „Magen des Heeres“

Spargelschälerinnen in der Konservenfabrik Krone & Co. Foto: Stadtarchiv Braunschweig
Spargelschälerinnen in der Konservenfabrik Krone & Co. Foto: Stadtarchiv Braunschweig

Aus dem Stadt­ar­chiv, Folge 7: Konser­ven­in­dus­trie im Herzogtum Braun­schweig

„Herr Appert hat das Geheimnis entdeckt, die Jahres­zeiten fest zu halten; bey ihm leben Frühling, Sommer und Herbst in Flaschen“, so titelte die Zeitung „Courier de l’Europe“ am 10. Februar 1809 über die im gleichen Jahr paten­tierte Erfindung von Nicolas Appert zur Konser­vie­rung von Lebens­mit­teln durch Erhitzen unter Luftab­schluss. Noch ahnte im fernen Braun­schweig niemand, dass diese Erfindung einen entschei­denden Beitrag zur landwirt­schaft­lich induzierten Indus­tria­li­sie­rung des Herzog­tums leisten würde.

1844 beschrieb Justus Liebig in den „Mittei­lungen für den Gewer­be­verein des Herzog­tums Braun­schweig“ das Konser­vie­rungs­ver­fahren folgen­der­maßen: „Die fertigen Speisen werden in Büchsen von verzinntem Eisen­blech einge­schlossen, die Deckel sodann luftdicht verlötet und in einem hierzu geeig­neten Ofen der Tempe­ratur des siedenden Wassers ausge­setzt. Wenn dieser Hitzegrad die Masse in der Büchse bis zur Mitte hin durch­drungen hat – was, wenn sie in siedendes Wasser gelegt werden, immer drei bis vier Stunden dauert – so haben jetzt diese Speisen, man kann sagen eine ewige Dauer.“

42 Fabriken im Jahr 1899

Sowohl der Liebig-Schüler Franz Varren­trapp, der Sekretär des Braun­schweiger Gewer­be­ver­eins war, als auch der Seesener Klemp­ner­meister Züchner experi­men­tierten zwar mit dem Verfahren, doch es sollte noch einige Jahren dauern, bis es im Herzogtum gewerb­lich genutzt wurde. Entschei­denden Anteil am Aufschwung der Konser­ven­in­dus­trie im Herzogtum Braun­schweig hatten techni­sche Innova­tionen. Die Einfüh­rung von Autoklaven bei der Konser­vie­rung, die, übergroßen Schnell­koch­töpfen gleich, eine raschere Steri­li­sa­tion der Konserven unter Druck ermög­lichten, führte von 1873 an zu zahlrei­chen Fabrik­grün­dungen. Während bis 1870 lediglich sechs Fabriken im Herzogtum gegründet worden waren, wies die Gewer­be­sta­tistik von 1899 bereits 42 Fabriken aus.

Auch wenn sich der größte Teil der Konser­ven­fa­briken in der Stadt (24) und dem Kreis Braun­schweig (7) befanden, so gab es doch auch in den umlie­genden Kreisen Wolfen­büttel (6), Ganders­heim (4) und Helmstedt (1) erfolg­reiche Produk­ti­ons­stätten. Je nach Größe und Betriebs­dauer der einzelnen Konser­ven­fa­briken finden sich in den Beständen von Stadt- und Landes­ar­chiven unter­schied­lich dichte Überlie­fe­rungen.

Schwere Arbeit: Spargelschälen für Konserven. Foto: Stadtarchiv Braunschweig
Schwere Arbeit: Spargel­schälen für Konserven. Foto: Stadt­ar­chiv Braun­schweig

Vorwie­gend Spargel verar­beitet

Zunächst verar­bei­teten die Fabriken vor allem Spargel, der auf den sandigen Böden im Herzogtum vortreff­lich gedieh und dessen Anbau­fläche stetig erweitert wurde. Doch auch Erbsen, Bohnen, allerlei Obst und außerhalb der von Mai bis September dauernden Saison auch Fleisch- und Fertig­ge­richte fanden den Weg in die Dose. Trotz der zuneh­menden Mecha­ni­sie­rung verzehn­fachte sich die Zahl der Arbei­te­rinnen und Arbeiter während der Kampagne in der Konser­ven­in­dus­trie innerhalb weniger Jahrzehnte.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges erhöhte die Konser­ven­pro­duk­tion zunächst um ein Vielfa­ches und trug Braun­schweig den Beinamen „Magen des Heeres“ ein, wurde doch mehr als die Hälfte der benötigten Konserven in Braun­schweig herge­stellt.

Spargelwerbung der Konservenfabrik Brunsviga. Foto: Stadtarchiv

Die Konser­ven­in­dus­trie profi­tierte zwar von der höheren Nachfrage durch das Militär, litt gleich­zeitig aber auch unter der staatlich verord­neten Zwangs­be­wirt­schaf­tung bei den Rohwaren. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg ging die Zahl der Konser­ven­fa­briken zurück.

Spargel­wer­bung der Konser­ven­fa­brik Brunsviga. Foto: Stadt­ar­chiv

Nach dem Zweiten Weltkrieg reduzierte sich die Zahl der Braun­schwei­gi­schen Konser­ven­fa­briken noch weiter. Gründe für diese Entwick­lung waren unter anderem der Verlust von Barver­mögen durch die Währungs­re­form sowie von Absatz­märkten durch die neue Lage im Zonen­rand­ge­biet. Die heimische Konser­ven­in­dus­trie konnte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun­derts trotz Fusionen und Konzen­tra­ti­ons­pro­zessen mit der europäi­schen Konkur­renz nicht mehr mithalten und eine Fabrik nach der anderen schloss für immer die Pforten.

Dr. Claudia Böhler ist Stadt­ar­chi­varin in Salzgitter. Der Beitrag erschien zuerst im Buch „Von Asse bis Zucker. Funda­mente Braun­schwei­gi­scher Regio­nal­ge­schichte“. Heraus­ge­geben von der Braun­schwei­gi­schen Landschaft.

Mit dieser Reihe in Koope­ra­tion mit dem Stadt­ar­chiv wollen wird unsere Leserinnen und Leser auch auf das Jubiläum zum 1000-jährigen Bestehen Braun­schweigs im Jahr 2031 vorbe­reiten. Anlass dafür ist die Ersterwäh­nung der Stadt in der Weihe­ur­kunde der Magni­kirche von 1031.

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